Telefonanbieter 1 & 1 will das mobile Arbeiten nur am Standort mit Betriebsrat streichen. Verdi und Belegschaftsvertreter sehen Angriff auf Mitbestimmung im Streit um Arbeitszeiterfassung
Die rund 700 Beschäftigten der 1&1 Telecommunication SE am Standort Montabaur (Rheinland-Pfalz) sollen ab dem 1. Januar 2027 nicht mehr mobil arbeiten dürfen. Personalleiterin Anette Kreitel-Suciu kündigte die Änderung am 25. September in einem firmeninternen Blogeintrag an. Das Mobile Office soll damit weitgehend abgeschafft werden.
Die Regelung soll ausgerechnet den Standort Montabaur treffen, den einzigen 1&1-Standort mit Betriebsrat. Folgt man Kreitel-Sucius Blogeintrag, müssen die Cover Days, wie das Mobile Office bei 1&1 heißt, gestrichen werden, weil das Management mit dem Betriebsrat keine Einigung über die Ausgestaltung der Arbeitszeit im mobilen Arbeiten erzielen konnte. Nach einer Anfrage von 1&1 wiederholte das Unternehmen diese Begründung unter Verweis auf die gesetzliche Verpflichtung zur Arbeitszeiterfassung und erklärte auf Anfrage, den Angestellten die Umstellung auf die Präsenzpflicht durch eine Übergangsfrist bis zum Jahresende erleichtern zu wollen. Mit dem Betriebsrat suche man einen kooperativen Umgang. An den betriebsratslosen Standorten von 1&1 in Zweibrücken und Karlsruhe solle das mobile Arbeiten hingegen weiterhin möglich bleiben. Gewerkschaftssekretär Holger Meuler vom Verdi-Bezirk Region Saar-Trier sagte dazu: »Die Art und Weise, wie 1&1 versucht, die Belegschaft gegen den Betriebsrat aufzubringen, stört massiv den Betriebsfrieden und gleicht eher einer Erpressung.«
Der Betriebsrat der 1&1 Telecommunication SE in Montabaur verhandelt seit mittlerweile zweieinhalb Jahren mit der Unternehmensleitung über die Arbeitszeiterfassung. Der Abschluss einer Betriebsvereinbarung stand, so Meuler weiter, unmittelbar bevor, als das Unternehmen neue Verhandlungspunkte einbrachte. Die seien so provokant gewesen, dass der Betriebsrat nur habe ablehnen können.
Dazu zählte die Zustimmung von Angestellten zu individuellen Vertragsänderungen, die den Verfall geleisteter Mehrarbeit ermöglichten. Außerdem sollte es keine Anerkennung von Rüstzeiten als Arbeitszeiten und weniger zusammenhängenden Freizeitausgleich geben. Dass 1&1 versucht, dem Betriebsrat unter diesen Voraussetzungen die Verantwortung für das Platzen der Betriebsvereinbarung und damit für die Streichung des mobilen Arbeitens zuzuschieben, erscheint wenig überzeugend.
Aus erster Hand informiert sein? Profis lesen Emails.Jetzt den kostenlosen Email-Newsletter der aktion ./. arbeitsunrecht ► bestellen
Schlechte Nachrichten überbringen Union Buster gerne zum Wochenende
Selbst der Zeitpunkt der Veröffentlichung des Blogeintrags um 16.40 Uhr an einem Freitagnachmittag verdient Beachtung. Das Überbringen schlechter Nachrichten unmittelbar vor dem Wochenende wird von Union Bustern, also auf die Bekämpfung von Betriebsräten spezialisierten Beratern und Kanzleien, bewusst als Instrument eingesetzt. Rechtsanwälte und Gewerkschaften sind dann kaum noch erreichbar und Angestellte bleiben ein ganzes Wochenende lang mit ihren Sorgen allein. Nach Angaben aus Beschäftigtenkreisen sorgte die Ankündigung für erhebliche Verunsicherung. Denn viele Angestellte haben laut Firmenrichtlinien Anspruch auf wöchentlich zwei Tage Homeoffice. Andere haben Arbeitsverträge, die ihnen sogar zusichern, ganz im Mobile Office zu arbeiten. Das heißt, sie wohnen möglicherweise weit entfernt von Montabaur.
Der erste Betriebsrat wurde in Montabaur 2023 gegen den erbitterten Widerstand des Managements gewählt. Der Wahlvorstand musste vom Landesarbeitsgericht Rheinland-Pfalz eingesetzt werden. Dies steht im Einklang mit der seit Jahren bekannten kritischen Haltung von 1&1-Firmengründer und Mehrheitsaktionär Ralph Dommermuth gegenüber betrieblicher Mitbestimmung. Ihn zitierte Die Welt bereits im Januar 2006 mit dem Ausspruch: »Ein Unternehmen ist eben keine Demokratie.« Schon damals herrschte der in Montabaur geborene Dommermuth, laut Forbes mittlerweile Multimilliardär, über zehn Tochtergesellschaften in 13 Ländern. Den Abschluss eines Tarifvertrags lehnt das Unternehmen seit seiner Gründung im Jahr 1988 strikt ab.
Wie aus Beschäftigtenkreisen zu hören ist, soll die Betriebsratsarbeit in Montabaur entsprechend mühsam sein. Doch trotz vieler vom Unternehmen provozierter Konflikte soll sich der Betriebsrat bezüglich der angekündigten Neuregelung zum Mobile Office inzwischen an die Belegschaft gewandt haben. Und er beruhigt: Die Streichung des Homeoffice dürfte in vielen Fällen einer unzulässigen Versetzung gleichkommen.
Bereits am Dienstag forderte die Verdi das Unternehmen 1&1 in einer Mitteilung auf, sich an arbeitsvertragliche Zusagen zur mobilen Arbeit zu halten. Den Angestellten wird nahegelegt, sich in der Gewerkschaft zu organisieren, um einen Tarifvertrag durchzusetzen und die Arbeit im Mobile Office dauerhaft abzusichern. Im besten Fall könne das vermutlich als Stimmungsmache gegen den Betriebsrat gedachte Manöver zu einem höheren Organisationsgrad und zur Durchsetzung eines Tarifvertrags in Montabaur führen.
redaktioneller Hinweis
Der Text erschien am 9.10.2026 in der Tageszeitung junge Welt
Jessica Reisner: Lonflikt um Homeoffice, junge Welt, 9.10.2026 https://www.jungewelt.de/artikel/531204.union-busting-konflikt-um-homeoffice.html

Jessica ist die Geschäftsführerin der aktion ./. arbeitsunrecht.
Als Influencerin und Autorin bekämpft sie Unternehmerkriminalität und Union Busting. Jessica moderiert mit Elmar Wigand die Sendung arbeitsunrecht FM. Jessica schreibt als freie Journalistin für die Tageszeitung junge Welt und andere Medien. Sie hält Vorträge und berät Gewerkschaften, Betriebsräte und Betriebsratsgründer*innen.



