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Belegschaften: Sind die alle Qualle?

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Opportunisten machen im Betrieb die große Mehrheit aus. Sie gilt es zu überzeugen

Eine Kneipenbekanntschaft prescht provokant voraus und lässt aufhorchen: »80 Prozent der Menschen leben wie Quallen. Sie lassen sich von der Strömung treiben, ohne eigene Impulse zu haben oder sich großartig Gedanken zu machen.« Die Nachfrage, ob diese Äußerung nicht ein fragwürdig wirbelloses Menschenbild offenbare, beantwortet das Gegenüber mit einem knappen »Nein« und dem Hinweis auf Zahlen, mit denen mitunter im Change-Management, also bei Veränderungsprozessen in Betrieben, gearbeitet wird. Wie sich herausstellt, ist der Mann vom Fach und begleitet sogenannte Optimierungsprozesse – also oftmals Auslagerungen, Kündigungen, Verdichtungen zwecks Gewinnsteigerung.

Berater und Manager sprechen allerdings nicht von Quallen, sondern, weniger despektierlich, von Opportunisten oder Unentschiedenen. Und machen ihren Anteil an Belegschaften in manchen Modellen tatsächlich bei 80 Prozent fest. Ihnen gegenüber stehen 15 Prozent Konservative, also notorische Blockierer, die Veränderungen ablehnen. Und fünf Prozent positiv motivierte, innovative Treiber.

Managementratgeber mahnen, sich nicht an den 15 Prozent der Veränderungsverweigerer die Zähne auszubeißen. Wichtiger sei, den Kipppunkt zu erreichen, an dem die Masse der Opportunisten auf die von der Geschäftsführung gewünschte Linie einschwenkt. Diese Mitläufer warten – stets mit dem Hintern an die Wand gepresst – ab, ob die Treiber oder die Konservativen die Oberhand gewinnen. Und schließen sich der Mehrheit an, weil das den größten persönlichen Vorteil oder zumindest die geringste Reibung und Mühe verspricht. Und selbst die härtesten Nörgler unter den Konservativen schließen sich spätestens dann an, wenn sie fürchten, den Anschluss an die Mehrheit zu verpassen.

Dieses Prinzip funktioniert auch bei gesellschaftlichen Entwicklungen. Ist es nicht mehr opportun, in einem Auto voller Kleinkinder zu rauchen oder Kellnerinnen sexuell zu belästigen, ist dieses Verhalten in der Masse – glücklicherweise – entsprechend seltener zu beobachten. Weniger aus Einsicht als aus dem Bedürfnis heraus, zur Mehrheit zu gehören.


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5% Treiber verändern die Welt

Interessant ist die 80/15/5-Faustregel mit Blick auf die fünf Prozent der innovativen Treiber. Obwohl sie die kleinste Gruppe sind, gehen von ihnen die gesellschaftsverändernden Impulse aus. Der Historiker und Autor Rutger Bregman schenkt dieser Gruppe in seinem Buch »Moralische Ambition« besondere Beachtung. Eines seiner Beispiele ist der US-Jurist Ralph Nader, der in den 1960er Jahren Jurastudenten aufforderte, ihr Wissen nicht darauf zu verschwenden, anderen beim Umgehen von Steuern und Gesetzen zu helfen, sondern sich ihm anzuschließen und auf die Seite der Bürger zu stellen. Die Gruppe der »Nader’s Raiders« recherchierte zu Skandalen und Gesetzeslücken und nutzte ihre Popularität, um mit ihren Rapports Druck aufzubauen. Dieser Rückhalt in der Breite trug mit dazu bei, dass eine ganze Reihe von Gesetzen zum besseren Schutz von Verbrauchern und Umwelt durchgesetzt wurde.

Mit der Frage, wie eine kleine Gruppe von Treibern die träge Masse hinter sich bringen kann, müssen sich auch Betriebsräte beständig beschäftigen. Jedenfalls, sofern sie zu den Mitarbeitervertretern gehören, die nicht mit der vom Management vorgegebenen Strömung mitschwimmen.

Sie erleben den Druck der Geschäftsleitung oft unmittelbar und sollten dennoch möglichst wenig Energie auf ihre direkten Gegner, also die 15 Prozent konservativen Hardliner im Management und in den Führungsetagen, verwenden. Das Abschmettern juristischer Störmanöver sollten eher gute Anwälte übernehmen. Dagegen ist es für den Betriebsrat geradezu überlebenswichtig, auf den Rückhalt der Mehrheit der Belegschaft zählen zu können.

Und diese Masse will in die Konflikte, mit denen ein mitbestimmungsfeindliches Management Betriebsräte überzieht, oft gar nicht einsteigen. Hier interessieren sich die meisten für konkrete eigene Vorteile, zum Beispiel durch günstige Betriebsvereinbarungen. Oder wie man im Managementlehrbuch sagen würde: Liefern Sie schnell messbare und unbestreitbare Erfolge, dann gewinnen Sie auch Multiplikatoren unter den Opportunisten – und damit die 80 Prozent.

Klingt fies? Ist aber erprobt!


Der Union Busting-Monitor erscheint als monatliche Kolumne in der Tageszeitung junge Welt.

Jessica Reisner und Elmar Wigand: Belegschaften: Zwanzigstel treibt den Rest voran, junge Welt 22.10.2026



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