Microsoft + Merlin: Frontberichte 46. KW

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Betriebsrat-Bashing, Tarifflucht + Lohnraub in Deutschland | Presseschau vom 12.11. – 19.11.2013

Microsoft/Hamburg/Böblingen/Bad Homburg: Systematischer Lohnraub und Filialschließungen. Sollen Betriebsräte verhindert werden? + + Sea Life / Legoland / Merlin Entertainments / Hannover/Deutschland: Kampf um einen Tarifvertrag

#01

Microsoft: Sie nennen es „Vertrauensarbeitszeit“ + Heimarbeit. Wir nennen es Lohnraub

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Einer der reichsten Männer der Welt spricht 2004 in Kopenhagen. Sein Betriebssystem gilt als mittelmäßig und unsicher. (wikicommons, Creative Commons 2.0)

Microsoft-Angestellte in Deutschland klagen über eine wöchentliche Arbeitsbelastung von 50 – 60 Stunden.

Laut Spiegel online können sie ihre Überstunden weder abgerechnen noch abfeiern. Man nennt es auch Lohnraub. Sollten die Vorwürfe stimmen, würde Microsoft seit Jahren massiv gegen das Arbeitsrecht verstoßen. Grund für die vielen Überstunden sind offenbar unrealistische Zielvorgaben, die nur mit massiver Mehrarbeit zu erfüllen sind.

In Bad Homburg legte der Betriebsrat deshalb im Frühjahr  2013 einen Entwurf für eine Arbeitszeitregelung vor. Bereits im Juni gab Microsoft daraufhin bekannt, die Standorte in Hamburg, Bad Homburg und Böblingen schließen zu wollen. In Böblingen läuft der Mitvertrag schon Ende 2013 aus, in Hamburg und Bad Homburg schließen die Filialen 2014 und 2015. Die Mitarbeiter sollen dann von zu Hause aus arbeiten.

Microsoft-Sprecher Thomas Mickeleit wehrt Kritik ab. Die Standorte würden lediglich geschlossen, um den Mitarbeitern flexiblere Arbeitszeiten in Heimarbeit anzubieten. Darüber hinaus sei die Standortfrage rein strategisch zu bewerten: Microsoft wolle sich auf die Standorte in Köln, München und Berlin konzentrieren.


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Tatsächlich hat Microsoft schon im August per Pressemitteilung die Verlagerung hin zur Heimarbeit als großen Gewinn für alle Beteiligten propagiert:

„Dieser Umbau ist eine klare Entscheidung pro Home-Office und Vertrauensarbeitszeit. Wir werden mit dem neuen Standort-Konzept keine Mitarbeiter abbauen, sondern unsere Ressourcen besser nutzen”, so Anja Krusel, das für Finanzen und auch Liegenschaften zuständige Mitglied der Geschäftsleitung bei Microsoft Deutschland.

In den von der Schließung bedrohten Standorten sollen allerdings auch in Zukunft Geschäftsräume für Besprechungen mit Kunden angemietet werden. Dort sollen jedoch nie mehr als 4 Angestellte tätig sein. Ab 5 Angestellten ist die Wahl eines Betriebsrats möglich.

Bereits im Februar 2013 gab die Personalchefin von Microsoft Deutschland Brigitte Hirl-Höfer Spiegel online ein Interview, in dem sie für Heimarbeit und freie Arbeitszeit- Einteilung plädiert. Auch sie benutzt den schönen Begriff „Vertrauensarbeitszeit“. Was aber soll eine „Vertrauensarbeitszeit“ darstellen, wenn wöchentlich 10 bis 20 unbezahlte Überstunden eingefordert werden? Brigitte Hirl-Höfer:

Grundsätzlich steht es jedem Mitarbeiter zu, selbst zu entscheiden, wann und wo er arbeiten möchte.

(Siehe Bericht heise.de)

Great Place to Work: Positive Meldungen generieren

Scheinbarer Widerspruch zu obigen Berichten: Vor kurzem wurde Microsoft noch vom „Great Place to Work Institute“ zum angeblich viertbeliebtesten Arbeitgeber der Welt gekürt und zum besten Arbeitsplatz Deutschlands (siehe microsoft-PR). Solche Auszeichnungen dürfen bei näherer Betrachtung nicht verwundern. Wir beobachten, dass gerade solche Arbeitgeber sich verstärkt um positive Nachrichten zur Mitarbeiterzufriedenheit und „Corporate Social Responsibilty“ bemühen, die wegen ihres Verhaltens gegenüber Angestellten in die Kritik geraten könnten oder bereits geraten sind.

Mitunter werden entsprechende Umfragen sogar in strategischer Vorbereitung von größeren Härten gegen Beschäftigte und Gewerkschafter in Auftrag gegeben. So wurde der Steakhauskette Maredo im Februar 2012 der zweifelhafte Titel „Berlins beste Arbeitgeber“ zu Teil (siehe Bericht PR-Agentur pimpt Maredo), die notorischen Gewerkschafts- und Betriebsratsfeinde der Adolf Würth GmbH wurden ebenso zum „Great Place to Work“ ernannt (siehe Pressemitteilung), wie die Software-Schmiede SAP (siehe PR-Mitteilung), die sich 2006 vehement gegen eine Betriebsratsgründung wehrte (siehe SAP-Manager-Zitate von 2006).

#02

Merlin Entertainments Group: Arbeiter fordern Tarifvertrag

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Sea Life Hannover, 14. Nov. 2013: Anti-Imperiale Lohn-Krieger kämpften auf Seiten der Rebellen.

Der Chef der Merlin-Gruppe, Nick Varney, war auf Deutschland-Tour. Der Vergnügungspark-Betreiber Merlin Entertainments Group (weltweite Nr. 2 hinter Disney) ging Anfang November 2013 an die Londoner Aktien-Börse. Ihnen gehören in Deutschland u.a. die Parks Legoland, Sea Life und Heide Park. Die Merlin-Kurse schnellten zunächst nach oben, von 315 britischen Pence pro Aktie auf 355. Der Börsengang spülte ordentlich Geld in die Kassen der Finanzmarktinvestoren Blackstone und CVC Capital (siehe Financial Times). Derzeit sinken die Aktien-Kurse aber langsam (siehe Bericht von bloomberg). Vielleicht tragen auch die Proteste der Merlin-Mitarbeiter in Deutschland dazu bei.

Hohe Profite – Kein Tarifvertrag

In Hannover standen die Angestellten des Vergnügungsparks Sea Life, so berichtet 02elf.net, teils in Kostümen, Spalier, um Top-Manager NicK Varney in Empfang zu nehmen und ihre Forderung nach einem Tarifvertrag zu Gehör zu bringen. Die deutsche Merlin-Tochter Sea Life Deutschland GmbH, weigert sich bisher, mit der Gewerkschaft IG BAU einen Haus-Tarifvertrag über angemessene Löhne und geregelte Arbeitsbedingungen abzuschließen. Seit Januar 2013 liegt der Sea Life Deutschland GmbH in Hamburg ein Vorschlag der IG-Bau vor, auf den bis jetzt nicht eingegangen wurde. Der IG BAU-Bundesvorsitzende Harald Schaum zeigte sich deshalb entschlossen, die mediale Aufmerksamkeit des Börsengangs zu nutzen, um Druck auszuüben (siehe Bericht auf igbau.de).

In Hannover kamen wieder antiimperiale Lohn-Krieger zum Einsatz, die bereits im Legoland-Park Günzburg für Arbeitnehmerrechte demonstrierten. Zudem gab es Solidaritätsaktionen vor anderen Merlin-Standorten  in ganz Deutschland, so z.B. im Sea-Life Oberhausen. Dort sagte die stellvertretende Betriebsratssitzende Vanessa G.:

„Wir sind es leid, dass Sealife die Beschäftigten nach ,Nasenprämie’ einstellt.“ Das bedeute, der Konzern lege Entlohnungen individuell fest.

Am 22.08.2013 berichtete unser Autor Elmar Wigand im Neuen Deutschland ausführlich über den Konflikt bei Legoland in Günzburg (Neu-Ulm). Hier demonstrierten im März 2013 über 500 Menschen für einen Tarifvertrag. Dem Betriebsratsvorsitzenden Nikolaus L. im Standort Legoland Günzburg war zu diesem Zeitpunkt bereits drei mal gekündigt – mit offenbar konstruierten und z.T. substanzlosen Begründungen. Mehr dazu findet sich auch auf der Seite der NGG Schwaben. Der nächste Akt in der Kündigungs-Farce gegen Nikolaus L. findet am 05. Dezember 2013 vor dem Landesarbeitsgericht München statt.


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