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UNION BUSTING NEWS #03/26 ► Enpal ► Netflix ►Tesla ► K+K ► Präsentismus ► Kirchliches Arbeitsrecht

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Union Busting-News mit Jessica Reisner. Arbeitsunrecht und Betriebsratsbehinderung in Deutschland.

  • Solaranbieter Enpal / Betriebsratsgründung scheitert
  • Netflix / Sprecherinnen-Boykott wegen KI
  • Landesarbeitsgericht Hamm / Abtreibungsverbot eines kirchlichen Trägers gilt nicht für Nebentätgikeiten des Chefarztes der Frauenklinik im Klinikum Lippstadt 
  • Tesla / Giga-Angst vor IGM-Mehrheit – Betriebsratswahl 2026 endet wie von Musk bestellt
  • Supermarktkette K + K / Betriebsratsgründung geglückt
  • Präsentismus /  Brief-Experiment gegen Krankschreibungen

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Solaranbieter Enpal: Betriebsratsgründung scheitert

Berlin: Am 12. Februar 2026 scheiterte bei Enpal, genauer gesagt bei der Sales East, eine Betriebsratsgründung. Es ist das zweite Mal in der noch recht kurzen Geschichte des Unternehmens. Darüber berichtet unter anderem die Welt. 1 Grob gesagt, verkauft Enpal Mietverträge für Solar-Anlagen.

Die Arbeitsbedingungen sollen laut Bericht von Druck, Überstunden, ausbleibenden Zahlungen und undurchsichtigen Provisionen geprägt sein. Ein Betriebsrat könnte hier mit Betriebsvereinbarungen durchaus nachjustieren.


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Bei der ersten Versammlung, zu der die Initiatoren einer Betriebsratsgründung die Belegschaft einladen, wird der Wahlvorstand gewählt. Bei Enpal East nahmen im Februar rund 270 Angestellte an der Versammlung zur Wahl des Wahlvorstandes teil. Gewerkschaftssekretär Lars Buchholz (IGM) berichtet gegenüber der Aktion gegen Arbeitsunrecht, dass einige Führungskräfte die Versammlung von Beginn an störten. Dazu gehörten Zwischenrufe, ständige Unterbrechungen und lächerlich Machen der Redner.

Michael Langer, Sales Director, übernahm die Versammlungsleitung. Er beschwor, dass die Belegschaft darüber entscheide ob es einen Betriebsrat geben werde – und nicht die Gewerkschaft. Dann soll er eine offene, statt einer geheimen, Abstimmung über die Kandidaten vorgeschlagen haben. Und prompt stimmten geschmeidige Angestellte tatsächlich dafür. Das Manöver funktionierte:

Nur noch verschwindend wenige der 270 Angestellten votierten anschließend im offenen Verfahren für die Kandidaten. Nämlich genau vier. Rund 15 Personen sollen sich enthalten haben, der Rest stimmte gegen die eigenen Kollegen.

Schleimer feiern sich für Verhinderung von Mitbestimmung

Managementergebene Angestellte feierten sich laut Bericht im Anschluss teils selbst. Ranghohe Enpal-Mitarbeiter sollen „we did it“-Memes gepostet haben. Christian Ferchof, Geschäftsführer bei Enpal Sales Ost, soll später von einem Gänsehautfeeling gesprochen haben. Von wegen dem Zusammenhalt. Nun ja.

Am Tag vor der Versammlung soll Stephan Rink, CSO und Co-Geschäftsführer bei Enpal Beschäftigte ermutigt haben, an der Wahl teilzunehmen. Beklagte angeblich aber, dass man mit einem Betriebsrat bei Beförderungen keine Freiheit mehr habe. Besser sei doch eine Alternative.

Teilnehmer sollen der Welt später gesagt haben, dass sie diese Aussagen als manipulativ empfunden haben.

Ähnliches Muster funktionierte schon bei Enpal-Tochter 

Einen Monat zuvor, im Januar 2026, scheiterte bereits eine andere Betriebsratsgründung. Und zwar bei der Tochtergesellschaft Enpal Heat Sales GmbH, ebenfalls in Berlin. Das berichtet IG Metall Sekretär Buchholz gegenüber der Aktion gegen Arbeitsunrecht. Hier hatten nach einer gescheiterten Initiative Beschäftigter drei Teamleiter zur Wahl eines Wahlvorstandes eingeladen. Die Einladenden selbst hatten dann die Versammlungsleitung inne.- Sie sollen die Kollegen dann offen darüber haben abstimmen lassen, ob ein Betriebsrat überhaupt gewollt sein. Auf einzelne Beschwerden hin sollen die Einladenden angekündigt haben, die Abstimmung über einen Betriebsrat noch einmal im geheimen abzuhalten. Das soll bislang, auch rund zwei Monate später, nicht geschehen sein.

Die IG Metall prüft nun, gemeinsam mit ihren Mitgliedern, für beide Enpal-Betriebe alle Optionen, so Buchholz. Gegebenenfalls werde man die Einsetzung eines Wahlvorstandes bei Gericht erwirken.

Das Berliner Start-Up Enpal wurde 2017 von Mario Kohle, Jochen Ziervogel und Viktor Wingert gegründet. Mario Kohle ist heute CEO des Unternehmens.

Das Geschäftsmodell ist eine Art Schneeballsystem: Verkauft wird die Vermietung von Solaranlangen inklusive Einbau und Wartungs-Service. Für Enpal sollen die Wartungszusagen an die Kunden jedoch ein finanzieller Klotz am Bein. Laut einem Bericht zu Enpal von 2023 im Magazin Capital, hängt der Erfolg des Unternehmens vor allem von ständig neuen Vertragsabschlüssen ab. ► zurück nach oben

Netflix: Boykott der Synchronsprecherinnen und -sprecher

Deutschland: Seit Januar 2026 boykottieren laut Berichterstattung etwa 80 Prozent der deutschen Netflix-Synchronsprecher den Streamingdienst. Grund ist eine neuen Vertragsklausel, die die kostenlose Nutzung ihrer Stimmen für ein KI-Training erlauben soll. Eine unvergütete Rechteabtretung also.

Nicht nur, dass Netflix nicht dafür bezahlen möchte, dass man seine Stimme für ein KI-Training zur Verfügung stellt. Auch steht die Frage im Raum, wie schnell es gehen könnte, bis die KI die Synchronisation von Rollen übernimmt. Darüber berichtet unter anderen der Bayerische Rundfunk.2

In einer Mitteilung fordert der Verband deutscher Sprecher:innen (VDS), eine Vergütung für die Rechteabtretung. Es müsste aber genauso sicher gestellt sein, dass Sprechern keine Nachteile drohen, wenn sie die Unterzeichnung der strittigen Klausel verweigern.3

Die Befürchtung des Sprecher:innen-Verbands ist neben dem Wegfall von Aufträgen durch Nutzung der KI auch, dass die Stimmen kopiert und für Deepfakes genutzt werden können. Außerdem erklärt der Sprecher:innen-Verband:

Wir sind Kunstschaffende, keine Datenquellen. Wer eine Technologie nicht fördern will, darf nicht dazu gezwungen werden.

Es gibt viele Versionen der Zukunft und wir haben das Recht, sie mitzugestalten.

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Landesarbeitsgericht Hamm kippt Abtreibungsverbot eines kirchlichen Trägers in Teilen

Hamm: Das Landesarbeitsgericht Hamm kippte im März 2026 das Verbot von Schwangerschaftabbrüchen durch den kirchlichen Träger des Klinikums Lippstadt. Das Klinikum hatte im Februar 2025 eine entsprechende Dienstanweisung erlassen.

Der im Klinikum tätige Chef-Arzt der Frauenklinik Joachim Volz hatte gegen das Verbot, dass auch seine Nebentätigkeiten betraf, geklagt. Darüber berichtet der Spiegel.45

Das Gericht wies seine Klage ab. Die Dienstanweisung für den eigenen Betrieb sei legitim – und lasse Abtreibungen in Ausnahmefällen zu. Die Anweisung des Arbeitgebers könne aber nicht die Nebentätigkeiten des Arztes betreffen, z.B. in seiner privaten Praxis in Bielefeld. Aber wohl auch in einer Nebentätigkeit als Gynokologe am Klinikum Lippstadt selbst. 

Eine Revision am Bundesarbeitsgericht ließ das Landesarbeitsgericht nicht zu. ► zurück nach oben

Tesla: Giga-Angst vor IG-Metall Mehrheit – Wahl geht aus, wie von Musk bestellt

Grünheide in Brandenburg: In der letzten Februarwoche 2026 soll es laut Spiegel im Tesla-Werk Grünheide eine Betriebsversammlung anlässlich der Betriebsratswahl 2026 gegeben haben.6 Die 11.000 Tesla-Angestellten wählten zwischen dem 2. und 4. März 2026 einen neuen Betriebsrat. Wenn man bedenkt, wie stark Tesla Einfluss auf die Betriebsratswahl nahm, muss man der IG Metall am Morgen des 5.3.  ein respektables Ergebnis bescheinigen: Sie holte trotz des sehr ungleichen Wahlkampfes 13 von 37 Betriebsratsmandaten. (Tagesschau, 5.3.2026: Warum es die IG Metall bei Tesla so schwer hat).

Antigewerkschaftliche Stimmungsmache bei Betriebsversammlung

Die Tesla-Betriebsversammlung vor der Wahl diente scheinbar eigens dazu, die Belegschaft auf managmentnahe Listen einzuschwören. Werksleiter André Thierig soll auf einer Leinwand im Interview mit Elon Musk zu sehen gewesen sein. Allgemeiner Tenor: Es läuft alles toll in Grünheide und man könnte dort auch mehr produzieren als das Model Y. Zum Beispiel den Roboter Optimus, den Truck Semi oder das Cybercab. Kein dummer Gedanke, denn das Model Y verkauft sich nicht mehr so gut. Allerdings machte Elon Musk eine Einschränkung: Der Ausbau funktioniere nur, wenn das Werk frei bleibe von externen Einflüssen.

Damit ist mutmaßlich die IG Metall gemeint. Es ist eine gängige Union Busting-Erzählung, dass sich die Gewerkschaft als äußerer Faktor zwischen Geschäftsleitung und Belegschaft drängt. Genannt wird dieses Erzählmuster Third Party Theory. Tatsächlich ist der organisierte Teil der Belegschaft die Gewerkschaft und nicht deren Funktionäre.

Alles Teil einer Art Gehirnwäsche, die bei einigen Tesla-Mitarbeitern zu wirken schient. Bei der Vorstellung der Listen sollen Teilnehmer der Versammlung die IG Metall-Liste ausbuht und dafür die managementergebene Liste Giga, bejubelt haben.

Auf den Toiletten: Reden von Werksleiter Thierig

Insgesamt treten bei Tesla 11 Listen an. Erstmals ist darunter auch eine polnische Liste, die sich an die ca. 2000 Polen im Werk wendet. Zuletzt hatte die IG Metall als einzelne Liste zwar die meisten Stimmen. Im Betriebsrat war sie dennoch in der Opposition, weil sich 4 managementnahe Listen zusammen geschlossen hatten. 7

Das offensive Union Busting bei Tesla hat dazu geführt, dass diese Betriebsratswahl viel Aufmerksamkeit auf sich zieht. Und das ist gut so. Auch weil am Beispiel Tesla über managementhörige Betriebsratsmitglieder diskutiert wird, die gegen die Belegschaft und ihre Kollegen arbeiten. Aber auch, weil Vieles bei Tesla absurd bis sektenartig wirkt: Selbst in den Toiletten sollen Reden von Werksleiter Thierig abgespielt werden.  ► zurück nach oben

Supermarktkette K+K: Betriebsratsgründung geglückt

Isselburg, Nordrhein-Westfalen: Angestellte des Lebensmittelhändlers K+K Klaas und Kock in Isselburg gründeten im Februar 2026 einen Betriebsrat. Ganz herzlichen Glückwunsch dazu. Besonders ist, dass die Firmenleitung zuvor zwei Initiatoren gekündigt hatte. Die Kollegen wählten sie dennoch in das neue Gremium. Das sei, laut dem facebook-account „Mein Isselburg“, auch der Unterstützung aus der Bevölkerung zu verdanken.

Die Firma wird laut wikipedia von Hans-Jürgen Klaas, Rolf Klaas und Joachim Klaas geleitet. Der Firmensitz ist in Gronau. Die Kette soll im nörlidchen NRW und wewstlichen Niededrsachsen 204 Supermärkte betreiben und auf Platz 23 im Größenranking von Supermarktketten liegen. 8 ► zurück nach oben

Präsentismus: Brief-Experiment gegen Krankschreibungen

Deutschland: Unternehmen, Lobbyverbände und CDU wünschen sich mehr Arbeit und weniger Krakmeldungen. Der Spiegel berichtet in diesem Zusammenhang über ein Experiment des Forschers Timo Vogelsang bei einer nicht näher benannten Supermarktkette.9

Angestellte erhielten hier per Brief an ihre private Adresse eine Übersicht ihrer eigenen Fehltage im Vergleich zu denen ihrer Kolleginnen. Selbstredend anonymisiert. Bezogen auf eine Abwesenheitsquote sollte Angestellten so gezeigt werden, ob sie im Mittel liegen.

Vogelsang soll das laut Interview für einen subtilen Hinweis halten. Die Botschaft lautete für ihn sinngemäß: Wir sind daran interessiert, dass ihr gesund und mit Freude zur Arbeit kommt.

Er räumt allerdings ein, dass das gleiche Unternehmen Angestellte schon verpflichtet hatte, ab dem ersten Tag der Arbeitsunfähigkeit ein Attest beizubringen. Wer jemals einen echten Magen-Darm-Infekt, eine Blasenentzündung oder eine Grippe hatte, weiß, welche Strapazen es bedeutet, sich im akuten Krankheitszustand um eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung kümmern zu müssen.

Das Ergebnis der Aktion: Angestellte mit unbefristeten Verträgen und Angestellte, die kurz vor der Rente stehen, sollen sich nach Erhalt des Schreibens seltener für nur einen Tag krank gemeldet haben.

Vogelsang erklärt das mit dem Bedürfnis das eigene Verhalten der Norm anzugleichen und spricht von intrinsischer Motivation. Einer Vokabelerfindung aus der Human Resource-Hölle. Der Ausdruck soll Motivation aus sich selbst heraus, Motivation aus Freude am Tun und am Ergebnis suggerieren.

Der Brief freilich ging nur an Angestellte mit überdurchschnittlich vielen Fehltagen. Aus begründeten Ängsten: Angestellte, die unter dem Schnitt liegen, hätten sich sonst motiviert fühlen können, sich sich öfter krank zu melden und sich so der Norm anzugleichen.


Quellen

1 Mark Skowronek, Helene Nora Wolf: „Ihr könnt nach Hause gehen“ – Bizarre Szenen bei Betriebsratswahl von Enpal, Welt, 20.02.2026 https://www.welt.de/wirtschaft/plus699621230196fe6987191522/bizarre-szenen-bei-betriebsratswahl-von-enpal-ihr-koennt-nach-hause-gehen.html

2 Bayerischer Rundfunk: Deutsche Synchronsprecher boykottieren Netflix, 2.2.206 https://www.br.de/nachrichten/kultur/wegen-ki-klausel-deutsche-synchronsprecher-boykottieren-netflix,V9m8bei

3 Sprech:innenverband: Zusammenhalt, 22.1.2026 https://www.sprecherverband.de/aktuelles/zusammenhalt/

6 Von Alexander Demling, Thilo Neumann und Timo Schober: Musk schwört Tesla-Belegschaft in Grünheide per Videobotschaft auf Kurs ein, 26.02.2026 https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/elon-musk-schwoert-tesla-belegschaft-in-gruenheide-per-videobotschaft-auf-kurs-ein-a-013d52e2-5dfb-40fc-b2f7-63196305ac1d#ref=rss

8 Wikipedia zu K+K, abgerufen 4.3.2026 https://de.wikipedia.org/wiki/K%2BK_Klaas_%26_Kock


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