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UNION BUSTING NEWS #04/26 ► Outokumpu ► Steffi-Hose Pflege ► Arbeitsmoral im Keller ► BR-Wahl bei VW ► EuGH kassiert Kündigung wg. Kirchenaustritt

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Union Busting-News mit Jessica Reisner. Arbeitsunrecht und Betriebsratsbehinderung in Deutschland.

  • Outokumpu Nirosta / IGM prüft Vorwürfe gegen Betriebsratsmitglieder
  • Pflegeunternehmen Steffi Hose / 40 vietnamesische Azubis zum Lohn geprellt
  • Gallup-Umfrage / Teure Gleichgültigkeit: 77% haben kaum emotionale Bindung zum Betrieb
  • VW Braunschweig / Zentrum Automobil erstmals mit Betriebsratssitzen – IG Metall bei Betriebsratswahlen in Automobilkonzernen stabil
  • Caritas / Entlassung wegen Kirchenaustritt scheitert vor Europäischem Gerichtshof in Luxemburg

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Outokumpu Nirosta: IG Metall prüft Vorwürfe gegen Betriebsratsmitglieder 

Krefeld: Im Outokumpu Nirosta-Werk in Nordrhein-Westfalen standen für die gut 1.000 Beschäftigten die turnusmäßigen Betriebsratswahlen an. Das Werk stellt nichtrostende Edelstahl-Flachprodukte für die Automobil- und Baubranche, für Haushaltswaren und den Maschinenbau her.

Eine Woche vor Beginn der Wahlen sollen im Internet laut Westdeutscher Zeitung Bilder von Betriebsrats-Kandidaten mit Symbolen der faschistischen Organisation der Grauen Wölfe aufgetaucht sein.1 Die Vorwürfe richteten sich konkret gegen den Gesamt- und Betriebsratsvorsitzenden des finnischen Stahlkonzerns Hasim Cantürk und weitere Betriebsratskandidaten der IG-Metall-Liste.


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Gegenüber der Westdeutschen Zeitung äußerte Cantürk, dass die vermeintlich belastenden Fotos, die sieben bis acht Jahre alt seien, in einen falschen Kontext gestellt und vor den Betriebsratwahlen hochgespielt würden.

Tatsächlich kennen wir es auch aus dem Union Busting, dass Bilder und Posts vorsätzlich missbräuchlich interpretiert und benutzt werden, um Kandidaten zu diskreditieren. Es kann sich aber auch um Wahlkampfgetöse einer konkurrierenden Liste handeln.

Der Betriebsratsvorsitzende selbst soll auf einem Bild aus Juni 2018 unter einer Fahne mit weißen Halbmonden zu sehen sein. Die Aufnahme stammt laut Bericht von einer Übergabe von Spenden von Nirosta-Mitarbeitern für eine neue Moschee.

Vorliegen sollen aber auch Fotos von Listenmitgliedern, die den Wolfsgruß zeigen oder mit anderen Symbolen der türkisch-ultranationalistisch eingeschätzten Bewegung Graue Wölfe zu sehen sind. Als Versehen wohl kaum erklärbar. Liberalere türkisch-muslimische Kollegen, wie beispielsweise Aleviten oder Kurden, sollen Sorgen vor dem Einfluss der rechtsextremen Wölfe bei Outokumpu geäußert haben.

Gegenüber der Aktion gegen Arbeitsunrecht betonte Ralf Claessen von der Krefelder IG Metall auf Anfrage telefonisch, dass alle Kandidaten der IG Metall eine persönliche Erklärung unterschreiben müssten, die extremistische Aktivitäten ausschieße. Aufgrund der Berichterstattung werde man den Vorwürfen, ob Betriebsratsmitglieder oder Vertrauensleute entgegen der demokratischen Beschlusslage, der Satzung oder den Richtlinien der IG Metall agieren, aber noch einmal nachgehen. 2

Bei der Betriebsratswahl, die bei Outokumpu am 13. März 2026 endete, konnte die IG-Metall Liste 5 von 13 Mandaten erringen. Eine eigenständige Mehrheit hat die IG Metall damit nicht. Man darf auf die konstituierende Sitzung des Betriebsrats gespannt sein. ► zurück nach oben

Steffi-Hose GmbH prellt 40 vietnamesische Azubis um Gehalt

Altenburg in Thüringen: Im August 2025 wurde dem Pflegeunternehmen Steffi-Hose GmbH die Ausbildungslizenz entzogen. Grund war laut Leipziger Volkszeitung unter anderem, dass Auszubildende über Monate kein Gehalt erhalten hatten. 3

Der Pflegedienst Steffi-Hose kündigte den Auszubildenden daraufhin oder legte ihnen die Unterzeichnung von Aufhebungsverträgen nahe. Insgesamt arbeiten rund 200 Personen für Geschäftsführer Michael Hose, der 12 Betriebe unterhält, wie der Spiegel berichtet. Die meisten Angestellten arbeiten in der Pflege. Andere aber auch in Michael Hoses Autotuning Firma Namens IL.egal. Darüber berichtete er Spiegel. 4 

Das Problem: Die rund 40 Auszubildenden waren über eine Vermittlungsfirma aus Vietnam nach Deutschland geholt worden. Sie sollen alle zirka 20 Jahr alt sein. Das ganze fand im Rahmen des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes statt. Der Aufenthaltsstatus der Auszubildenden ist an ihren Arbeitsplatz geknüpft. Nach dem Aufenthaltsgesetz haben die Auszubildenden nach der Kündigung nur sechs Monate Zeit, einen neuen Ausbildungs- oder Arbeitsvertrag abzuschließen, damit sie in Deutschland bleiben können.

Pflegedienstbetreiber Michael Hose soll gar nicht bestreiten, den Azubis teils über 4 Monate keinen Lohn gezahlt zu haben. Als Grund soll er genannt haben, keine finanzielle Förderung mehr durch den Freistaat Thüringen erhalten zu haben. Der Freistaat habe die Ausbildung zuvor jedoch gefördert.

Laut Bericht erhielten die Azubis allerdings trotz ihrem Einsatz im Pflegedienst und angegliederten Einrichtungen teils bis zu acht Monaten kein Gehalt. Auf den Gehaltsabrechnungen sollen dafür aber Abzüge für Essen, Miete und Strom vermerkt sein. Die Unterkünfte, für die Hose ihnen jeweils 275,- Euro vom Gehalt abzog, waren laut Bericht teils jedoch eine Zumutung und mit bis zu 8 Personen belegt. Die Auszubildenden sollen außerdem beklagen, kein oder nur sehr wenig Essen bekommen zu haben. Sie wurden laut ihrer eigener Darstellung oft für Putz- und Küchenarbeiten eingesetzt. Ein Azubis soll dem Spiegel gegenüber gesagt haben, dass er sich wie in einem Gefängnis gefühlt habe.

Nach Beschwerden hatten die Referate für Gesundheitsberufe und Heimaufsicht des Landesverwaltungsamts die Unterbringung der Azubis überprüft. Und das Verhältnis von Angestellten zu Azubis. 

Nach der Kontrolle dauerte es noch sieben Monate, bis die Behörde der Steffi Hose GmbH das Ausbilden untersagte. Dabei haben laut Thüringer Verwaltungsamt schon Ende 2024 erste Beschwerden über nicht gezahlte Ausbildungsgehälter und unzumutbare Unterbringungsverhältnisse vorgelegen.

Insgesamt soll Hose in den letzten Jahren schon rund 100 vietnamesische Auszubildende durch seinen Betrieb geschleust haben.

Laut Thüringen 24 fordert die Gewerkschaft verdi, dass bei der Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte die Standards der Internationalen Arbeitsorganisation ILO verpflichtend eingehalten werden müssen und Sozialpartner bei Anwerbeverfahren beteiligt werden, um unfaire Praktiken künftig zu verhindern. Wir meinen, dass es schlicht mehr unangemeldete Kontrollen zur Einhaltung von Standards und Gesetzen geben muss. Denn das beste Regelwerk nutzt nichts, wenn die Einhaltung nicht kontrolliert wird. ► zurück nach oben

Gallup-Umfrage: 77% haben kaum emotionale Bindung an Betrieb – 10% gar keine

Deutschland: 77% der Beschäftigten in haben eine schwache emotionale Bindung an ihren Arbeitgeber. Das ist das Ergebnis einer Gallup-Umfrage unter 1.700 Angestellten, über die die Welt berichtet.5

Als emotional hoch gebunden sehen sich nur 10% der Befragten. Das wirkt sich auf die Fluktuation und die Krankheitstage aus und ist für Unternehmen damit kostspielig.

2025 kamen die emotional weniger gebundenen Angestellten auf 9,7 Krankheitstage. Diejenigen mit hoher Bindung fehlten dagegen an nur 5,6 Tagen. Länger im Unternehmen bleiben als noch in 2024 wollen die meisten angesichts der schlechten Wirtschaftslage aber trotzdem.

Uns wundert das alles nicht. Auch junge, gut ausgebildete Fachkräfte müssen oft lange nach gut bezahlten Festanstellungen suchen. Unternehmen begehen reihenweise Tarifflucht, gründen tariffreie Tochterunternehmen, lagern aus und übernehmen Null soziale Verantwortung für ihre Angestellten.

Im Gegenteil: Unternehmen haben oft genug gezeigt haben, dass sie jederzeit bereit sind, ihre Angestellten für ein paar Cent Plus beim Gewinn sofort über die Klinge springen zu lassen. Woher also sollte da Loyalität erwachsen?

Eine ganze Generation hat miterlebt, wie ihre Mütter und Väter trotz calvinistischem Fleiß, preußischer Härte gegen sich selbst und riesiger Identifikation mit dem Betrieb eiskalt vor die Tür gesetzt wurden. Oft nicht aus wirtschaftlichen Notwendigkeiten heraus, sondern um persönliche Gewinne von Unternehmern und Unternehmererben zu maximieren.

Wenn auf Unternehmerseite gilt: Jeder ist sich selbst der Nächste, darf es nicht wundern, wenn Angestellte das für sich genau so sehen und Arbeitgeber als austauschbar betrachten. ► zurück nach oben

VW Braunschweig: Zentrum Automobil mit 2 Sitzen im Betriebsrat – IG Metall bei Betriebsratswahlen in Automobilbetrieben stabil

Braunschweig: Die AFD-nahe Liste von Zentrum Automobil erhielt erstmals 2 Sitze im VW-Betriebsrat im Braunschweiger Werk. Darüber berichten Deutschlandfunk und Spiegel.6 7 Insgesamt fielen 6,5 % auf die 2009 im Mercedes-Werk in Untertürkheim gegründete Vereinigung. 15%, und damit 5 Sitze, entfielen auf die Christliche Gewerkschaft Metall. Die CGM gilt als arbeitgebernahe, also gelbe Gewerkschaft. Die IG Metall holte 78,5 Prozent und damit 28 Mandate.

Im Volkswagenwerk Zwickau, in dem 8.200 Beschäftigte ausschließlich Elektro-Autos produzieren, gewann die IG Metall 29 der 35 Betriebsratsmandate.8 Die der AFD nahestehenden Gruppierung „Bündnis freier Betriebsräte“ bekam hier 11,5% der Stimmen. Laut manager-magazin hat die Liste damit, wie auch schon in der letzten Amtszeit, 4 Sitze im Betriebsrat. Konnte also immerhin keine Plätze dazu gewinnen.9 Das ist auch gut so. denn die Wahlbotschaft lautete, so das Magazin Frontal, mit Unterstützung eines AfD-Mitglieds des sächsischen Landtags ungefähr: Greendeal beseitigen, Weg mit den Ökosozialisten, dann geht das wieder mit physikalisch wissenschaftlichen Dingen, dass die Automobilwirtschaft wieder mit Wohlstand behaftet ist.

Vielleicht nicht gerade eine Gewinner-Argumentation. ► zurück nach oben 

Caritas: Kündigung wegen Kirchenaustritt scheitert am Europäischen Gerichtshof 

Luxemburg: Der Europäische Gerichtshof hat am 17. März 2026 entschieden, dass die Caritas einer Angestellten nicht nur aufgrund ihres Austritts aus der katholischen Kirche kündigen darf. Das verstoße gegen die Gleichbehandlung. Denn die Caritas beschäftige in gleicher Position auch evangelische Angestellte. Das zeige, dass die Mitgiedschaft für die Tätigkeit nicht zwingen erforderlich sei. Darüber berichtet die Webseite LTO. (Urt. v. 17.03.2026, Az. C-258/24)10

Die Sozialarbeiterin und fünffache Mutter war nach über sechsjähriger Tätigkeit für die Caritas aus der katholischen Kirche ausgetreten. Sie gab als Begründung das besondere Kirchengeld an. Dies wird in Limburg von Mitgliedern erhoben, die mit einem gut verdienenden konfessionslosen oder andersgläubigen Ehepartner verheiratet sind.

Das Gericht argumentierte, dass der Austritt wegen des besonderen Kirchengeldes keine automatische Distanzierung von den Grundwerten der Kirche bedeute.

Die Caritas wurde durch Gregor Thüsing vertreten. Er ist seit 2004 Lehrstuhlinhaber und Direktor des Instituts für Arbeitsrecht und Recht der sozialen Sicherheit der Rheinischen Friedrich-Wilhelms Universität Bonn. Gregor Thüsing ist wirklich für nichts zu schade. 2021 vertrat er Leiharbeitsfirmen, die gegen das Arbeitsschutzkontrollgesetz – also das Verbot der Zeitarbeit in der Schlachtindustrie – klagten. Er setzt sich auch für eine Einschränkung des Streikrechts für systemrelevant Beschäftigte ein. Kein Wunder also, dass der Mann sich auch für die Rechtmäßigkeit der Kündigung einer fünffachen Mutter als Reaktion auf ihren Kirchenaustritt stark macht.

Die Angelegenheit geht jetzt zurück an das Bundesarbeitsgericht in Erfurt. Aus dessen Sicht war die Kündigung ebenfalls eine Ungleichbehandlung. Hier aber unmittelbar aus Gründen der Religion.

Bemerkenswert, das sich Gerichte im Jahr 2026 ernsthaft mit solchen absurden Fragen abseits des geltenden Arbeitsrechts befassen müssen. Fragen der privaten Lebensgestaltung gehen Arbeitgeber nichts an. Das kirchliche Arbeitsrecht muss weg. Fertig.


Quellen

1 Alexander Schulte: Betriebsräte: Treten auch rechtsextreme Graue Wölfe auf einer IG Metall-Liste an?, Westdeutsche Zeitung 6.3.2026 https://www.wz.de/nrw/krefeld/welchen-einfluss-haben-die-grauen-woelfe-in-betrieben_aid-144892799 https://archive.is/YKNQb#selection-829.213-829.267

2 Michael Merz: Betriebsratswahl mit »Grauen Wölfen«?, junge Welt 10.03.2026,  https://www.jungewelt.de/artikel/518908.outokumpu-in-krefeld-betriebsratswahl-mit-grauen-w%C3%B6lfen.html

3 Christina Gutsmidl: Erst angeworben, dann entlassen: Vietnamesische Pflege-Azubis von Abschiebung bedroht, Leipziger Volkszeitung, 16.1.2026 https://www.lvz.de/lokales/altenburger-land/altenburg-vietnamesische-pflege-azubis-von-abschiebung-bedroht-CGPMS72DZ5HJJNZUIOJPYRGCX4.html 

4Dialika Neufeld, Daniel Nguyen: »Sachen packen, raus!«, Spiegel, 21.02.2026 https://www.spiegel.de/panorama/azubis-aus-vietnam-kamen-nach-thueringen-und-wurden-arbeitslos-sachen-packen-raus-a-389ea9ec-47b1-4383-ad1a-9b237c5b385b https://archive.ph/3G2JU#selection-1325.0-1325.449

6 Deutschlandfunk: Rechte Arbeitnehmergruppe Zentrum zieht erstmals in Volkswagen-Betriebsrat ein, 14.03.2026 https://www.deutschlandfunk.de/rechte-arbeitnehmergruppe-zentrum-zieht-erstmals-in-volkswagen-betriebsrat-ein-100.html

8 Radio Zwickau: IG Metall gewinnt Betriebsratswahl im VW-Werk Zwickau deutlich, 14.03.2026 https://www.radiozwickau.de/beitrag/ig-metall-gewinnt-betriebsratswahl-im-vw-werk-zwickau-deutlich-888650/

9 Manager Magazin: AfD-naher Verein zieht erstmals in einen VW-Betriebsrat ein, 14.03.2026 https://www.manager-magazin.de/unternehmen/autoindustrie/afd-naher-verein-zieht-erstmals-in-einen-vw-betriebsrat-ein-a-35466ef2-add6-4be8-8d51-d0db7a0b0b77

10 Tanja Podolski: Kirche darf nicht allein wegen Aus­tritts kün­digen, 17.03.2026 https://www.lto.de/recht/nachrichten/n/eugh-c25824-urteil-austritt-kirche-caritas-schwangerschaftsberatung


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