Das Unternehmer-Lager will endlich den Achtstundentag schleifen. Auch wegen der Kriegstüchtigkeit.
Wie hängt das alles wohl zusammen?

Was ist eigentlich bei Dietrich Creutzburg schief gelaufen? So heißt der Anti-Gewerkschaftsmann der FAZ – ein Schreibtisch-Krieger im Klassenkampf von oben, deren Scharfschütze im Wirtschaftsteil. Haben Arbeiterkinder ihm irgendwie weh getan? Hat der Webers Mattes, der als Geselle schon ein Moped hatte, ihm die erste Freundin weg geschnappt?1 Hat der Betriebsrat die Firma seines Opas ruiniert? Kommt er gar selbst aus der Arbeiterklasse und hasst sich dafür, dass er sich im Frack immer noch fremd fühlt? Wir wissen es nicht.
dc., so sein Kürzel, darf stets ran, wenn die alte Tante SPD und angegliederte Gewerkschaftszentralen zu frech zu werden drohen; er hat immer ein Auge darauf, was hinter der Front passiert, ob das feindliche Lager irgendetwas plant. Dass die SPD als verlässliche Partnerin der DAX-Konzerne und unserer amerikanischen Freunde mit der von ihm verordneten Rosskur kontinuierlich abwärts richtung Bedeutungslosigkeit schlittert, es kümmert den eingefleischten badischen Neoliberalen, der in Köln VWL studiert hat,2 nicht. Wenn die Therapie nicht wirkt, muss die Dosis gesteigert werden: Wir sollen immer mehr und länger arbeiten, Lohnsteigerungen sind maßlos, Streiks hingegen anmaßend…
Am 22. August legte dc. in der Frankfurter Allgemeinen einen sehr merkwürdigen Text vor, der auf verschlungene Weise eine DGB-Pressemitteilung mit einer Umfrage des Bundesverbands der Freien Berufe (BFB) verknüpft sowie einen überraschenden Zusammenhang herstellt zwischen der geplanten Entgrenzung der Arbeitszeiten, dem Tariftreuegesetz und dem elefantösen Aufrüstungskonjunkturprogramm, das die deutsche Wirtschaft aus dem Schlaf reißen soll. „Stoppt die SPD die Lockerung des Achtstundentags?“,3 fragte die Schlagzeile angsterfüllt. So hat er die stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Dagmar Schmidt vor „Flexibilität zulasten der Beschäftigten“ warnen gehört. Und DGB-Chefin Yasmin Fahimi soll den Leitsatz formuliert haben „Hände weg von der Deregulierung des Arbeitszeitgesetzes“.4 5
Der BFB hält per Pressemittlung dagegen und Detlef Creutzburg kolportiert die Sorgen jener Lobbyorganisation, die uns bis dato unbekannt war, aber damit prahlt für 1,5 Millionen selbständige Freiberufler zu stehen. (Als so genannter „Spitzenverband“ hat der BFB keine eigenen Mitglieder sondern vertritt Kammern und Verbände, sein tatsächlicher Rückhalt ist fraglich.)
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Der DGB ist auch deshalb gegen eine Aufweichung der täglichen und wöchentlichen Höchstarbeitszeit per Gesetz, weil Tarifverträge es bis dahin erlauben, die gesetzlichen Standards zu unterschreiten (!). Wenn dieses Arbeitszeitbegrenzungsdumping obsolet würde, würde die Tariftreue untergraben. Eine sehr zweifelhafte, ja fast diabolische Argumentation. Das Unterlaufen von Standards spricht wohl kaum für Tarifverträge! Wie kann solches Unterschreiten von gesetzlichen Standards legal sein? Die Tarifautonomie ist als Teil der Koalitionsfreiheit im Grundgesetz verankert (Artikel 9) und schwebt somit quasi über den irdischen Gesetzen – so der allgemein verbreitete und weithin anerkannte Rechtsglaube.(Wir finden es absurd.)
Tarifverträge könnten sich aber nur große Betriebe leisten, so der BFB, während die Selbständigen im Durchschnitt nur drei Beschäftigte hätten. Mit einem Tariftreuegesetz wären sie von der Auftragsvergabe ausgeschlossen, während die tarifgebundenen in Aushandlung mit zuständigen Gewerkschaften jenes Arbeitszeitdumping betreiben könnten. Das könne sogar die Aufrüstung gefährden! Sprich: „Zielkonflikte im Hinblick auf die geplante Sanierung der öffentlichen Infrastruktur“. Konkret: Ingenieurs- und Sachverständigenbüros, die „dringend benötigt“ würden, um Brücken und Bahntrassen zu erneuern, könnten vom Tariftreuegesetz benachteiligt werden und in die Röhre gucken, wenn nicht endlich der Achtstundentag aufgeweicht würde. Darauf muss man erst einmal kommen…
Der Union Busting-Monitor erscheint als monatliche Kolumne in der Tageszeitung junge Welt.
Jessica Reisner & Elmar Wigand: Wer hat Angst vor Achtstundentag und Tarifvertrag?, junge Welt, 28.8.2025, https://www.jungewelt.de/artikel/507144.union-busting-monitor-wer-hat-angst-vor-achtstundentag-und-tarifvertrag.html
Anmerkungen & Quellen
1 So oder so ähnlich besingen es die Bläck Fööss in einem Lied von Hans Knipp aus dem Jahr 1976: Ming eetste Fründin, https://www.blaeckfoeoess.de/liedtexte/ming-eetste-fruendin/
2 Dietrich Creutzburg (dc.), FAZ, https://www.faz.net/redaktion/dietrich-creutzburg-12237791.html , Autorenseite + Vita, abgerufen am 26.8.2025
3 Dietrich Creutzburg: Flexiblere Arbeitszeiten – Stoppt die SPD die Lockerung des Achtstundentags?, FAZ, 18.8.2025, https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/daran-koennte-die-lockerung-des-achtstundentages-scheitern-110642404.html
4 DGB warnt vor Aufweichung der Arbeitszeit, DGB, 31.3.2025, https://www.dgb.de/presse/pressemitteilungen/agenturzitat/dgb-warnt-vor-aufweichung-der-arbeitszeit/
5 DGB-Chefin Fahimi: „Schärferes Arbeitszeitgesetz, nicht laxeres“, BR, 24.7.2025, https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/dgb-chefin-fahimi-schaerferes-arbeitszeitgesetz-nicht-laxeres



