KI in Arbeiterhand: eine herrliche Waffe! Wie wir Bullshit mit Bullshit bekämpfen

0
783

Wie sich ein gefeuerter Betriebsratsgründer KI zunutze machte um juristische Schriftsätze auf Schwachstellen zu untersuchen

Elmar Wigand ist Pressesprecher der aktion ./. arbeitsunrecht. Der Verein unterstützt aktive Betriebsräte, konfliktbereite Gewerkschafter*innen und solche, die es werden wollen. (Mehr über uns).

Neulich dachte ich beim Lesen: Hut ab! Der Kollege kann echt gut schreiben! Wie schafft er es, einem dutzendfach geschriebenen Standard-Text, neues Leben einzuhauchen? Und sogar etwas Feuer. Es ging um die Einladung zu einem Arbeitsgerichtstermin. Mal wieder waren Betriebsratsgründer*innen gefeuert worden, mal wieder stritten sie für ihre Wiedereinstellung – und mal wieder kam am Ende nur eine Abfindung heraus. In diesem Fall sogar eine üppige. So weit, so schade… Aber der Einladungstext des Kollegen Marius1 zum Gerichtstermin hatte Verve. Etwas sozialistischen Eifer, ohne überzuborden, wohl dosierte Empörung. Humor und ein bisschen Zirkusmief, so als wäre ein dröger Kammertermin vor dem Arbeitsgericht Berlin eine Art Varieté-Show:

  • Seht live, wie Arbeitgeber mit teuren Anwälten Union Busting betreiben!
  • Erlebt, wie lange Arbeitnehmer auf Gerechtigkeit warten müssen!
  • Zeigt Solidarität – eure Anwesenheit zählt!

Wir trafen uns auf einen Kaffee in Berlin. Als ich Marius mein Kompliment für seine gelungene Mobilisierung machte, grinste er verschmitzt und blickte zu Boden. Sein Text war mit künstlicher Intelligenz (KI) entstanden! Ich war für einen kurzen Moment enttäuscht, fühlte mich gar ein bisschen verarscht. Darauf folgte Erstaunen, denn ich lernte in der folgenden halben Stunde ein ziemliche Menge. Ich hielt Marius fast für ein Genie – vermutlich weil ich selbst so wenig Ahnung hatte.

Der verhinderte Betriebsratsgründer hat mit Hilfe von geschickt eingesetzter KI, genauer gesagt mit drei verschiedenen Programmen, einer aggressiven, internationalen Großkanzlei Paroli geboten und nebenbei die Schwäche seiner Gewerkschaft ver.di ausgeglichen. (Die zuständige Gewerkschaftssekretärin war überlastet, hatte keine Lust oder war aus anderen Gründen, über die nur spekuliert werden kann, nicht am Start. Manchmal vermute ich Bestechung oder Verfilzung.)

Das folgende Beispiel zeigt: KI muss nicht schlecht sein. In einer Welt voller Bullshit, kann KI eine scharfe Waffe sein, um dem Bullshit zu begegnen. KI kann die Asymmetrie im Konflikt zwischen Arbeit und Kapital ausgleichen – also das Ungleichgewicht der Kräfte, zwischen jenen kleinen, überlasteten Kanzleien, die für die gute Sache der Arbeiterrechte streiten, und auf der anderen Seite diesen aggressiven Wirtschaftskanzleien und Arbeitsrechtsboutiquen des Unternehmerlagers, den CMS, Pusch Wahligs, Kliemts und Gleiss Lutz’ens dieser scheiternden Republik, die Geld und Manpower ohne Limit einsetzen, seit Langem auch Software, um Betriebsräte fertig zu machen und deren Anwälte mit Schriftsätzen förmlich zu bombardieren und systematisch zu überlasten.


Aus erster Hand informiert sein? Profis lesen Emails.
Jetzt den kostenlosen Email-Newsletter der aktion ./. arbeitsunrecht ► bestellen

Grafik "so süß wie maschinenöl" von Roy Brick
„so süß wie maschinenöl… arbeit, ökonomie und alltag“ ist eine Kolumne von von Elmar Wigand für arbeitsunrecht FM und die Graswurzelrevolution Nr. 503, November 2025.  (Grafik: Roy Brick)

Mit Hilfe von OCR (Optical Character Recognition, optische Zeichenerkennung) konnte Marius, unser gefeuerter Betriebsratsgründer, die Schriftsätze der Gegenseite einlesen. Vor fünf Jahren war das noch nicht möglich, zumindest nicht für einfache „Endverbraucher“. Da hätte er das Zeug mühsam abtippen müssen. Ein Übersetzungsprogramm brachte den Text ins Englische und am Ende wieder zurück ins Deutsche. Marius stammt aus Ungarn und spricht nicht annähernd genug deutsch, um den juristischen Kram zu verstehen, geschweige denn selbst schreiben zu können. (Was ja sogar für die meisten deutschen Muttersprachler*innen kaum möglich ist.)

Er befahl dem KI-Bot Claude AI, für den er 20,- EUR im Monat bezahlte, den Text zu analysieren, die wesentlichen Punkte heraus zu arbeiten und ein Antwortschreiben zu verfassen. Hier kommt die entscheidende Fähigkeit zum Tragen: Das Prompten. Gemeint ist eine präzise formulierte Anfrage oder ein Befehl an die KI – vergleichbar mit einer Suchanfrage an google oder andere Suchmaschinen. Es gibt Leute, die haben es besser drauf als andere. Ihre Prompts sind gewieft, kreativ, findig. Marius etwa befahl Claude AI in einem zusätzlichen Arbeitsschritt: „Formuliere den Text so, dass ich juristisch nicht angegriffen werden kann.“

Im Prompten also liegt die eigentliche menschliche Arbeit, hier kommen individuelle Fähigkeiten zum Tragen. Verschiedene Leute, werden verschiedenen Ergebnisse bekommen. Beim Prompten entsteht – nach der Argumentation der KI-Chatbot-Firmen – auch die individuelle Autorenschaft. Das kann man allerdings auch bestreiten, da die KI ständig Webseiten durchsucht, abschöpft, sich einverleibt und analysiert. Sie greift auf frei zugängliches geistiges Eigentum zurück, beutet Texte von echten Autoren aus, um daraus Profit zu schlagen.

Claude AI gilt als wesentlich präziseres Sprachmodell als das medial omnipräsente, etwas verschwafelte Chat GPT. Zu lesen ist außerdem von ethischeren Standards. Sympathisch auch, dass die Gründer, das Geschwisterpaar Daniela und Dario Amodei im Jahr 2021 bei OpenAI ausgestiegen sind, weil sie mit dem Einstieg von Microsoft nicht einverstanden gewesen seien. Allerdings ist ihre Firma Anthropic, die Claude AI heraus gibt, mittlerweile mit Google und Amazon verwoben, Google pumpte zwei Milliarden US-Dollar in Anthropic, Amazon vier. Damit Anthropic galt Anthropic im September 2025 als viertwertvollstes Privatunternehmen der Welt.2 Anthropic kooperiert zudem mit der bösartigen Überwachungssoftware Palantir und Amazon Web Services um das US-Militär und US-Geheimdienste mit komplexer Datenanalyse auszurüsten.3

Im vorherrschenden Diskurs vernichtet KI Arbeitsplätze. Aber kaum jemand redet über die Qualität der Arbeit, die hier maschinell übernommen wird. Was, wenn hier gezielt Bullshit-Jobs weg fallen? Oder Bullshit-Tätigkeiten, die ähnlich aufregend sind, wie das Waschen der Wäsche per Hand, bevor die Waschmaschine ihren Siegszug antrat. (Die Waschmaschine leistete vermutlich einen größeren Beitrag zur Emanzipation der Geschlechter als das Frauenwahlrecht.)

Viele unserer befreundeten Arbeitsrechtsanwält*innen pfeifen aus dem letzten Loch – auch weil sie von dem Schriftsatzschrott der Gegenseite gezielt überfordert werden. Sie finden kaum Personal. Da kommt eine Maschine wie Claude AI doch wie gerufen! Zumal die Gegenseite seit Langem mit Automatisierung, Sprachmodellen und KI-Bots arbeitet. Die aggressive Wirtschaftskanzlei CMS arbeitet zusammen mit dem Berliner Start-up Xoyn an der Rechts-KI Noxtua. Die Firmen-PR preist Noxtua als „Europas erstes souveränes juristisches KI-Sprachmodell und Legal Copilot“.

Die Terminator-Trilogie hat es schon in den 1980ern vorher gesehen. Die Zeit ist nun gekommen, in der sich Roboter gegenseitig bekriegen. Wissenschaftliche Hilfskräfte benoten mit Hilfe von KI Hausarbeiten, die Student*innen mit KI erstellt haben. Eine Jura-KI liest und analysiert den Schrott der anderen Jura-KI und antwortet darauf. Wie gut, dass wir mit Claude AI eine Wundermaschine aus den USA buchen können – für nur 20,- Euro im Monat! – die gegen CMS und deren „souveränes europäischen“ Bullshit-Text-Modell antritt. Ich wette das Noxtua von Claude ordentlich auf die Fresse bekommt. In diesem juristisch-virtuellen Hahnenkampf. Wer glaubt schon, dass Europäer eine vernünftige KI zu Stande bringen? Die Frage ist bloß: Wo soll das Ganze hin führen? Und: Was soll das alles?


Hinweise & Quellen

1 Name von der Redaktion geändert.

2 Yuliya Chernova: Anthropic Valuation Hits $183 Billion in New $13 Billion Funding Round, Wall Street Journal, 5.9.2025, https://www.wsj.com/articles/anthropic-valuation-hits-183-billion-in-new-13-billion-funding-round-6212f3ed

3 Maximilian Schreiner: Anthropic und Palantir bringen KI-Modell Claude in US-Verteidigungssektor, the decoder, 7.11.2024, https://the-decoder.de/anthropic-und-palantir-bringen-ki-modell-claude-in-us-verteidigungssektor/


Schön, dass Sie da sind!

Der Verein aktion ./. arbeitsunrecht e.V. stellt alle Inhalte kostenfrei und ohne Werbung zur Verfügung. Wir sind unabhängig von Stiftungen, Parteien, Gewerkschaften und staatlicher Förderung. Helfen Sie uns dabei, sorgenfrei über die Runden zu kommen!
Damit wir auch in Zukunft unbequeme Nachrichten verbreiten können: Bitte spenden Sie! !
Vorheriger ArtikelUKB-Catering: Druck im Betriebskessel – Zwei von sieben Betriebsratsmitgliedern übrig
Nächster ArtikelUNION BUSTING NEWS #16/25 ► Direktanstellungsgebot für Essens-Kuriere? ► Tod bei Amazon ► Outsourcing bei Trans-o-Flex► Renten