Sind Frauen öfter krank?! Knochenmühlen & Arbeitsunfähigkeit

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Was läuft schief in Remscheid und Viersen?

Ein medienkritischer Beitrag zur „Fleiß-Debatte“ des Unternehmerlagers.

Quelle: Kölner Stadt-Anzeiger vom 29.8.2025, Ausschnitt.
Anhören, downloaden und für unkommerzielle Zwecke frei weiter verbreiten!

Machen Mönchengladbach das Aachener Land krank?

Elmar Wigand ist Pressesprecher der aktion ./. arbeitsunrecht. Der Verein unterstützt aktive Betriebsräte, konfliktbereite Gewerkschafter*innen und solche, die es werden wollen. (Mehr über uns).

Ich mag Statistiken, insbesondere in Form von Karten, die schön bunt sind.1 Andererseits gewöhne mich einfach nicht an den Kölner Stadt-Anzeiger (KStA) – insbesondere wenn er wichtige Fragen nicht stellt oder nicht beantwortet, die sich bei der Lektüre förmlich aufdrängen, Fakten verdreht oder die Gesetze der Logik missachtet – sich dabei aber immer aufführt, als sei er eine tragende Säule der Demokratie und betreibe preisverdächtigen Journalismus.

Ende August 2025 überraschte der KStA – offenbar angestiftet vom notorischen Kölner Institut der deutschen Wirtschaft (IW) – mit einer brisanten Entdeckung: Frauen melden sich häufiger krank als Männer!2 Das ergab angeblich die jährliche Krankmeldestatistik der AOK. Dazu bastelte der KStA zwei Grafiken, die ein Krankheitsbild des nördlichen Rheinlands abgeben – inklusive der Regionen Bergisches Land und Aachener Land, also eine Art krankes Eretz Nordrhein.3 Kranke Männer in Blau-, kranke Frauen in Rottönen.

Der gesamte Artikel kreiste um Bullshit.

Frauen melden sich nur 0,4 % häufiger krank als Männer. Das ist irrelevant. Womöglich achten Frauen mehr auf ihre Körper und gehen häufiger zum Arzt.4

Konkret waren 2024 täglich durchschnittlich 7,3 von 100 Frauen und 6,9 von 100 Männern krankgeschrieben. Auch wenn das Personal der Gewerkschaft Verdi einen deutlich höheren Krankenstand hat – man munkelt, dass in manchen Standorten über 10% des Verdi-Personals krankheitsbedingt fehlen – , so scheinen mir mehr als 7% permanenter Krankenstand tatsächlich viel zu sein.


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Das wirft Fragen nach den Arbeitsbedingungen auf. Und es kostet. Laut einer Auswertung des dubiosen IW mussten deutsche Unternehmen im Jahr 2024 rund 82 Milliarden Euro für Entgeltfortzahlungen im Krankheitsfall ausgeben.5 Genau darum geht es dem gegnerischen Lager wohl: Das schöne Geld, die 82 Milliarden, könnte man lieber als Dividenden ausschütten oder in den Aufkauf von innovativen Rüstungsfirmen und KI investieren. (Wenn man sonst keine Ideen hat.)

Grafik "so süß wie maschinenöl" von Roy Brick
„so süß wie maschinenöl… arbeit, ökonomie und alltag“ ist eine Kolumne von von Elmar Wigand für arbeitsunrecht FM und die Graswurzelrevolution Nr. 502, Oktober 2025.  (Grafik: Roy Brick)

Die KStA-Journalistin Claudia Lehnen bemerkt irgendwie selbst, dass nicht die Geschlechterunterschiede das eigentlich Interessante an der Kranken-Statistik sind, sondern die starken regionalen Abweichungen: In großen Städten wie Köln, Düsseldorf und Bonn fallen die Unterschiede zwischen Krankmeldungen von Männern und Frauen geringer aus, während sie „beispielsweise im Kreis Viersen am eklatantesten auseinanderklaffen (8,44 % zu 7,33 %). In einigen Landstrichen, wie beispielsweise in Euskirchen oder im Oberbergischen Kreis sind die Verhältnisse allerdings gar umgekehrt und die Männer übertreffen die Frauen in puncto Krankenstand.“ Es ist eine rätselhafte Welt, in der wir leben…

Wer darauf hofft, dass die Kollegin Lehnen uns diesen überraschenden Befund im Folgenden erklärt, wartet vergeblich. Sie hält stur an ihrer irreführenden Fragestellung fest. Dabei springt beim Blick auf die Karte deutlich ins Auge, dass Remscheid und Mönchengladbach offenbar krank machen. Männer und Frauen gleichermaßen. Wieso ist dem so? Und dass irgendetwas in der Region Viersen besonders Frauen krank macht. Aber was?

Und wieso interessiert sich der KStA nicht für diese Fragen? Das kann ich euch sagen: Weil ein regionaler Meinungs-Monopolist, der seine Drucker und Zeitungsausträger*innen so behandelt wie DuMont,6 sich nicht dafür interessieren darf Knochenmühlen und krankmachende Arbeitsbedingungen zu thematisieren.

Zurück zu Remscheid und Viersen. Ich bin über kununu fündig geworden. Dort dürfen Beschäftigte in Form von Bewertungen relativ hemmungslos über ihre Firmen herziehen.7

Sowohl in der Region Viersen als auch Remscheid gehören Krankenhäuser zu den größten Arbeitgebern. Platzhirsch in Viersen ist die psychiatrische Klink der LVR mit 1.300 Beschäftigten. Das Allgemeine Krankenhaus Viersen (AKH), ein akademisches Lehrkrankenhaus der Uni Düsseldorf, beschäftigt 1.000 Personen. Krankenhäuser sind allerdings, laut IW-Report, die Arbeitsplätze mit dem höchsten Krankenstand, dicht gefolgt von Schulen und Bildungsträgern. Und tradtionell arbeiten hier besonders viele Frauen.

Der Platzhirsch in der Region Remscheid hingegen kommt aus der Metallbranche, also einer traditionellen Männer-Arbeit. Der Remscheider Gasthermen-Produzent Vaillant hat 1.550 Beschäftigte auf der Lohnliste. Noch muss man sagen.

Vaillant geriet offenbar durch die „Energiewende“ und die Abkehr von Putins so verbrecherischem, aber aber auch so verlockend günstigem Erdgas schwer ins Straucheln (North-Stream 2). In der Remscheider Zentrale kreist der Hammer. 300 Angestellten waren 2024 von Rausschmiss bedroht.8 Im nächstgrößeren Remscheider Unternehmen, dem Sana Klinikum, arbeiten 1.200 Personen. Sie versorgen rund 24.000 Patienten stationär und circa 45.000 ambulant. 1.200 Beschäftigte für insgesamt 69.000 Kranke – eine sehr sportliche Quote! Es riecht nach „Überausbeutung“. (Auch so ein bescheuertes neues Wort.)

Doch lassen wir die Beschäftigten selbst zu Wort kommen. Die folgenden Zitate stammen von der Plattform kununu, abgerufen am 12. September 2025.

Zum Arbeitgeber Vaillant fällt den Arbeiter*innen folgendes ein: „Emotionale Kälte. Unfassbarer Druck auf Mitarbeiter. Lebensleistungen werden nicht anerkannt. Keine Bindung mehr zum Familienunternehmen.“ Eine andere Stimme sagt: „Mitarbeiter werden entlassen oder gehen, die restlichen Mitarbeiter müssen die Mehrarbeit auffangen. “ „Keine Förderung keine Fortbildung, Mobbing aufgrund von Behinderungen.“ „Leere Großraumbüros ohne Zusammenhang, keine Projektteams.“ „Vielleicht sollte der Wasserkopf geschmälert werden, bevor man sich mit der Brechstange des Fußvolks entledigt.“ „Dauerhafte Unsicherheit prägt den Alltag. Die Führungsetage lebt in ihrer eigenen Welt, die Mitarbeitenden werden dabei maximal als lästiger Kostenfaktor gesehen.“ „Vaillant präsentiert sich gerne als moderner, sozial verantwortlicher Arbeitgeber – in Wahrheit herrscht hier ein Klima der Angst, Intrigen und Respektlosigkeit gegenüber den eigenen Mitarbeitenden. Wer Wert auf Fairness, Sicherheit und ein menschliches Arbeitsumfeld legt, sollte dieses Unternehmen meiden.“9

Die Lage im AKH in Viersen scheint nicht besser zu sein: „Betriebsrat pro Arbeitgeber. Keine Mitarbeiterwertschätzung. Schmutzige Krankenzimmer. Patienten-Vernachlässigung bis hin zu Gefährdung. Schüler/innen werden nicht vernünftig, zeitgemäß angelernt.“ Verbesserungsvorschläge: „Einmal von vorne beginnen… hier wird alles falsch gemacht. Die MAV ist gegen dich. Der Arbeitgeber spart jeden Cent und die angeblichen Boni sind ein Schlag ins Gesicht.“ „Dass die eigenen Mitarbeiter für einen Parkplatz zahlen müssen, spiegelt das Gesamtkonzept wieder.“ „Man konnte sich nie weiterbilden, also höhere Positionen einnehmen, da diese an die Ordenschwestern vergeben waren.“ „Dem AKH Viersen würde nur noch ein Wechsel der gesamten Führung gut tun.“10

Ich hätte noch einen anderen Vorschlag: Möglicherweise würde gewerkschaftliche Organisierung gut tun. Solidarität und Gegenwehr! Und ein aktiver Betriebsrat… Im Mai 2026 sind Betriebsratswahlen. Jetzt wäre der Zeitpunkt, sich darauf vorzubereiten! Nehmt gern Kontakt zu uns auf!


Hinweise & Quellen

1 In meiner Kolumne vom Oktober 2023 hatte ich bei der FAZ-Lektüre ja bereits endeckt, dass das Ahrtal aus dem Atlas der Einsamkeit als Leuchtturm der Geselligkeit heraus sticht. „Are you lonesome? Die Entdeckung der Einsamkeit. Und warum das Ahr-Tal ganz andere Sorgen hat.“ https://arbeitsunrecht.de/are-you-lonesome-die-entdeckung-der-einsamkeit/

2 Claudia Lehnen: Krankenstand im Rheinland – Warum Frauen häufiger bei der Arbeit fehlen als Männer, KStA, 29.8.2025

3 Nur für das Protokoll: Wir als Kölner*innen verzichten auf Gebietsansprüche jenseits der Benrather Linie und des Garzweiler Lochs. Porz geben wir auch gerne wieder ab, wenn das wer haben will.

4 SPD und CDU würden sich freuen, wenn ihre Verluste am Wahltag so marginal wären, auch die AFD würde sich nicht ärgern, wenn ihre zu erwartetenden Gewinne um 0,4% von den Prognosen abweichen würden.

5 Jochen Pimpertz / Lena Holtmeyer: Krankenstand in Deutschland, Entwicklung und Einflussfaktoren, IW-Report 26/2025, 10.6.2025, https://www.iwkoeln.de/fileadmin/user_upload/Studien/Report/PDF/2025/IW-Report_2025-Krankenstand.pdf

6 DuMont schloss seine Kölner Hausdruckerei im Oktober 2023 handstreichartig mit kriminell anmutenden Methoden. Die Empörung war riesig. Siehe: Jessica Reisner: Dumont jagt 200 Druckerei-Angestellte vom Hof – Betriebsrat überrascht, arbeitsunrecht in deutschland, 11.10.2013, https://arbeitsunrecht.de/dumont-jagt-200-druckerei-beschaeftigte-vom-hof/

7 Da agile Personalabteilungen für bestellte oder gefälschte Positiv-Bewertungen ihrer Firmen sorgen, lohnt es sich nur, die schlechten Bewertungen zu lesen.

8 Stellenabbau bei Heiztechnik-Hersteller Vaillant, WirtschaftsWoche, 14.5.2024, https://www.wiwo.de/unternehmen/energie/heizung-stellenabbau-bei-heiztechnik-hersteller-vaillant-/29800272.html

9 Zitiert aus Bewertungen von Vaillant Remscheid, https://www.kununu.com/de/vaillant-deutschland/kommentare?score=subpar,satisfactory, abgerufen am 12.9.2025

10 Zitiert aus Bewertungen des AKH Viersen, https://www.kununu.com/de/akh-viersen/kommentare?score=subpar , abgerufen am 12.9.2025


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