Methode Maredo: Überwachen, bespitzeln, entlassen

Steakbrater für Big Brother Award 2013 nominiert / Mit Buse Heberer Fromm gegen gewerkschaftlich aktive Belegschaft und Betriebsräte

Maredo-Arbeiter_innen am 23. Januar 2013 in Brüssel

Maredo-ArbeiterInnen am 23. Januar 2013 in Brüssel

Die Zerschlagung von zwei gewerkschaftlich engagierten Betriebsräten in Frankfurt und Göttingen gehört zu den krassesten Fällen von Union Busting der letzten Jahre. Wir dokumentieren einen Beitrag des Solidaritätskomitees für die Maredo-Mitarbeiter aus der Zeitschrift BIG Business Crime Nr. 1, 2013. 
 
Am 26. November 2011 entledigte sich der Steakhaus-Konzern Maredo fast  der gesamten Belegschaft der Filiale in der Frankfurter Freßgass(1). Dabei wendete er die Methode „Schock und Entsetzen“ an.

Am 26.11.2011 gab es in dieser Filiale „zufällig“ einen Stromausfall. Nachdem alle Gäste aus dem dunklen Lokal verschwunden waren, kamen etwa ein Dutzend Manager (2), Rechtsanwälte (3) und Sicherheitskräfte. Die verängstigten Mitarbeiter blieben stundenlang im dunklen Lokal, ohne Erlaubnis zu telefonieren, ohne Kommunikation miteinander.  

Immer wieder Samstags kommt die Erinnerung: Protest in der Fressgass Frankfurt.

Immer wieder Samstags kommt die Erinnerung: Protest in der Fressgass Frankfurt.

Einzeln wurden sie verhört und vor die Alternative gestellt: Eigenkündigung schreiben und keinen Stress mehr haben, oder stattdessen Kriminalisierung und fristlose Kündigung. Etwa ein Dutzend  KollegInnen hielt dem Druck nicht stand, wollte nichts wie raus, schrieb die eigene Kündigung. Ein Kollege ist bei der Aktion kollabiert, mehrere Kolleginnen sind immer noch traumatisiert. 14 KollegInnen erstatteten Strafanzeige gegen Maredo wegen Freiheitsberaubung und Nötigung. Die Staatsanwaltschaft ermittelt noch (4).

Der Vorwand für die Aktion: Alle Mitarbeiter hätten angeblich gestohlen.
Um dies zu „beweisen“, hatte Maredo im Vorfeld natürlich gesetzeswidrig ohne Zustimmung des Betriebsrats die  KollegInnen monatelang durch zwei „verdeckte Ermittler“ (= professionelle Spitzel und Provokateure) ausgeforscht, und über mindestens vier Wochen mit drei geheimen Kameras durchgehend beobachtet.
Nachdem jede Bewegung aufgezeichnet war, wurde dies monatelang  ausgewertet und interpretiert. Jede Kaubewegung wurde als Diebstahl bezeichnet; dicke Aktenordner mit angeblichen Dokumentationen wurden zusammengestellt. Das Frankfurter Arbeitsgericht hat sich in erster Instanz weitgehend auf Seiten Maredos gestellt (5).

Tatsächliche Gründe für die Massenentlassung sind allerdings: Die KollegInnen in Frankfurt waren zu alt, zu teuer und zu eigenwillig. Die meisten kannten Maredo noch von Anfang an. Sie haben noch alte unbefristete Verträge. Und sie sind deshalb zu teuer. Maredo stellt heute ihre Mitarbeiter mit 7,50 Euro brutto ein, ein Niedriglohn, der die Kollegen zwingt, zusätzlich Hartz zu beantragen.
Die KollegInnen waren zu 80 Prozent gewerkschaftlich organisiert, ein für die Gastronomie hoher Prozentsatz. Und sie unterstützten ihren Betriebsrat, der auch in der Tarifkommission gegen die Niedriglöhne  antrat (6).

Maredo will: betriebsrats- und gewerkschaftsfreie Zonen (7), verunsicherte Mitarbeiter, die alles mit sich machen lassen, und noch billigeres Personal. Dies auch deshalb, weil Maredo seit 2005 dem  Private-Equity-Unternehmen ECM (8) mit Sitz in Frankfurt gehört. Solche Kapitalgesellschaften kaufen „mittelständige Unternehmen“ wie Maredo, um sie nach fünf bis sieben Jahren gewinnbringend weiter zu veräußern. Das stünde jetzt wieder an.

 Ist der Ruf erst ruiniert

Auch bei Regen, Wind und Schnee

Auch bei Regen, Wind und Schnee

Was bringt nun Maredo dazu, solch eine Aktion wie am 26. November durchzuführen? Musste der Konzern dem nicht gewahr sein, dass dies schlechte Presse geben wird?

Nein, musste er nicht. Maredo ging gar kein Risiko ein. Alles war genauestens vorbereitet. Schon im Vorfeld hatte man die Kollegen befragt: Was haben sie für eine Schulbildung, Ausbildung, Studium?  Angeblich wollte „der Staat“ das wissen; „Neues Modell“, wie so oft. Niemanden hat dies gewundert. Nur wenige Kollegen haben geantwortet, doch schon daraus wurde klar: hier gab es keine Jura-Studenten, d. h. keine Gefahr. Vor normalen Arbeitern hat man keine Angst.

Mit Gegenwehr war so eigentlich gar nicht zu rechnen: Der Betriebsleiter Pantelis Markou hatte die Aktion von vornherein unterstützt, sein Stellvertreter war in Familienzeit und somit außen vor; dem einen Assistenten hatte man einen Wechsel anempfohlen, denn hier würde er schließlich schwerlich Karriere machen; der hatte dann auch schon zuvor gekündigt. Der zweite Assistent allerdings war ein unsicherer Kantonist: zwar hatte er sich in den Betriebsrat wählen  lassen, doch ging man davon aus, dass er sich unsolidarisch verhalten werde.

Das „Personal“ oder: Wer alles hatte ein Interesse an einer erfolgreichen Aktion am 26.11.11?

Die Ausschaltung des Betriebsrats war schon lange beschlossene Sache. War er zuvor nur unbequem, war er jetzt unhaltbar, schließlich fiel er in der bundesweiten Tarifkommission mit ernsthaften Forderungen auf, für die Arbeitgeberseite negativ.

Der Regionalleiter Joachim Amend arbeitete längst darauf hin. Bisher hatte es aber nie geklappt. Für ihn wäre es eine Erfolgsmeldung gewesen, er hätte davon ablenken können, dass seine Region die mit den schlechtesten Zahlen ist.

Der Personalchef Michael Glowig aus der Düsseldorfer Maredo-Zentrale, der vor wenigen Jahren von Gate Gourmet kam, hatte auch noch keine ersichtlichen Erfolge im Personalwesen vorzuweisen.  Selbst bei den Tarifverhandlungen zur Systemgastronomie saß er auf Seiten der Arbeitgeber-Organisation DEHOGA im Abseits.

Den Innenrevisor von Maredo, Olaf Richter, war mit großer Freude bei der Aktion am 26.11.2011 dabei, und auch bei der Auswertung der Videoaufnahmen.
Immer noch weiß keiner, was die Aufgabe eines „Innenrevisors“ ist. Aber sicher ist, durch seinen Einsatz wurde aus einem Niemand ein Jemand mit einer gewissen Bedeutung.

Der Geschäftsführer von Maredo in Düsseldorf, Uwe Büscher, ist nicht nur in der Konzernzentrale für sein cholerisches Temperament bekannt. Jetzt konnte er endlich mal sein Mütchen kühlen, wenn auch nur aus der Ferne.

Für alle diese Menschen war der 26. 11. 2011 ein Tag, auf den sie hin fieberten. Sie hatten lange genug warten müssen.

Möglich gemacht hat dies die Findigkeit der Rechtsanwalts-Kanzlei Buse, Heberer und Fromm (9) in Essen. Deren Arbeitsrechtsabteilung musste endlich wieder höhere Umsätze einfahren: Da kann man nun darauf warten, bis einem etwas durch Zufall in den Schoß fällt, oder man kann ein Ereignis provozieren.
Die Vorbereitung eines Massenrauswurfs mit Erfolgsgarantie versprach schon im Vorfeld erhebliche Tantiemen. Bei Erfolg war ein neues Geschäftsmodell geschaffen, und Aufträge ohne Ende wären an Land zu ziehen. Jan Tibor Lelley war federführend bei der Vorbereitung und  Durchführung der geplanten Aktion, Hilfe erhielt er in der eigenen Agentur durch die Rechtsanwältin Bianca Brier, Anregungen von Jürgen Masling.

Die Zeit bis zum 26. November haben Maredos willige Helfer sinnvoll genutzt zur theoretischen und praktischen Untermauerung  ihrer Konstrukts: So schufen sie eine Argumentationslinie basierend  auf ihren Vorwürfen, untermauert mit ihren „Beweisen“, die wiederum den illegalen Einsatz von Video und Spitzeln (ohne Genehmigung des Betriebsrats, unter Umgehung des BetrVG) rechtfertigen sollte. Dafür wurde sogar ein „Notwehrrecht“ des Eigentümers reklamiert.

Die ursprüngliche Frage des Risikos haben wir bereits gestreift: Das Risiko, durch eine Kommandoaktion wie am 26. November 2011 in der Öffentlichkeit das Image eines schlimmen, bösartigen Unternehmens  zu erhalten. Gerade in einer Branche, die stark von ihrem Ruf lebt,  und als ein Unternehmen, das geradezu krampfhaft versucht, Wettbewerbe als „bester Arbeitgeber“ zu gewinnen (10).

Also zurück: Eigentlich war es kein Risiko: Gegenwehr war nicht zu erwarten. Doch dies war eine Fehleinschätzung. Maredo wurde von der Öffentlichkeit überrascht, der juristischen und politischen  Gegenwehr, der Solidarisierung, und dem Engagement der Gewerkschaft  NGG. Zudem von der Dauer des Widerstands (11).

Die zweite Front: Presseberichterstattung verhindern und beeinflussen

Maredo, das seine Aktion am Rande des Legalen als gerechtfertigt und völlig normal betrachtet, hat sich an der Medienfront professionelle Hilfe geholt (12), seine eigene Darstellung Firmen intern und gegenüber der Presse gegeben (13) und gegen unliebsame Berichterstattung juristisch vorgegangen, (z.B. gegen TV-Sender und die Frankfurter Linken), auch hier mit den besten und teuersten Anwälten (14).

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Diffamierender Bericht von Sönke Schulenburg, Bild-Frankfurt, Juni 2012 (zum Vergrößern klicken)

Verhielten sich die bürgerlichen Medien (15) in den meisten Fällen neutral bis ausgewogen, fielen einige Medien durch eindeutige Parteinahme auf (16): Die als liberal geltende „Süddeutsche Zeitung“  überschrieb ihren Artikel am 15.5.2012 mit „Grillen und Stehlen“; nicht unbedingt überraschend vehielt sich die „Bild“-Zeitung Frankfurt; Und in einem Kommentar in der „Frankfurter Allgemeinen  Sonntagszeitung“ gibt Volker Rieble seinen Lesern die Erlaubnis, wieder guten Gewissens bei Maredo Steaks essen zu gehen. Maredos „klammheimliche Freude“, so schreibt er, „die ist erlaubt“.

Auch von diesen Rückschlägen lässt sich die Frankfurter Maredo-Solidarität nicht schrecken. Jetzt im Januar 2013 haben sie zum 50sten Mal in Folge vor der örtlichen Filiale in der Fressgass demonstriert, sie sind dabei bei der internationalen Kundgebung mit Kollegen der  unterschiedlichsten europäischen Gewerkschaften am 23. Januar in Brüssel.

Und sie haben Maredo als Kandidaten angemeldet für den Big-Brother-Award 2013. Die Chancen stehen nicht schlecht.

Solidaritätskomitee für die Maredo-Mitarbeiter

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Die Proteste gegen Maredo in der Frankfurter Fressgass dauern an und sind hier dokumentiert: Maredo Mitarbeiter Solidarität facebook-Seite. (Die Kollegen freuen sich über Zuspruch.)

Kontakt: Volkhard Mosler, 0157.7185 9219, volkhard.mosler@gmx.de | Spendenkonto: Volkhard Mosler, Frankfurter Sparkasse von 1822,  Kto-Nr. 124 637 8815, BLZ 500 502 01, Kennwort: Maredo-Solidarität

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Anmerkungen

(1) Michael Brächer: Freiheitsberaubung –  Schwere Vorwürfe gegen Steakhaus-Kette Maredo,  Handelsblatt, 5.12.2011

Felix Helbig: Maredo-Prozess in Frankfurt.  Kündigung für ein Steak und eine Olive. Frankfurter  Rundschau, 18.6. 2012

Daniel Behruzi: Wildwest bei Maredo, Steakhauskette feuert fast komplette, gewerkschaftlich gut organisierte Belegschaft und Betriebsräte in einer Filiale in Frankfurt am Main wegen angeblichen Diebstahls. junge Welt, 3.1.2012

(2) Unter anderen der Personalchef Michael Glowig, der Revisor Olaf Richter und der Regionaldirektor Joachim Amend.

(3) Dr. Jan Tibor Lelley: http://www.buse.de/rechtsanwaelte-steuerberater/rechtsanwaelte-steuerberater-details/lawyer/dr-jan-tibor-lelley-llm-rechtsanwalt.html

(4) Christian Scheh, Steakhaus-Streit geht weiter. Frankfurter Neue Presse, 28.11.2012

(5) Elmar Wigand: Enttäuschende Urteile und überraschende Durchsuchung. http://arbeitsunrecht.de/?p=597#more-597;  

(6) Volkhard Mosler: Unkonventionelle Methoden  der Gewinnsteigerung. http://marx21.de/content/view/1701/32/

(7) Aussage von Maredo-Seite während der Frankfurter Prozesse: „Wir haben keine Probleme mit Betriebsräten“. Anfang 2012 hat Maredo den sehr aktiven Betriebsrat in Osnabrück de facto zerschlagen, indem er die fristlose Kündigung der Betriebsrats-Vorsitzenden Jacqueline  F. betrieb. Maredo ist die Kollegin inzwischen los, die in einen Vergleich eingewilligt hat.

(8) Vgl. Web-Auftritt von ECM

(9 ) http://www.buse.de

(10) http://www.maredo.de/maredo-gruppe/aktuelles/details/article/maredo-ausgezeichnet-als-bester-gastronom.html, Webauftritt Maredo

http://arbeitsunrecht.de/?p=175 , 27.3.2012, PR-Agentur pimpt Maredo: „Berlins bester Arbeitgeber“ junge Welt, 21.3.2012, Daniel Behruzi, »Bester Arbeitgeber« des Tages: Maredo

(11) Seit einem Jahr, – bei Schnee und Sonne, bei Hitze und Kälte, bei gutem oder schlechten Wetter – steht das Solidaritätskomitee jeden Samstags am frühen Nachmittag vor der Maredo-Filiale in der Frankfurter Fressgass, um die Öffentlichkeit zu informieren. Im Komitee engagieren sich auch etliche der ehemaligen Mitarbeiter.


Es gibt nichts Gutes. Außer Du tust es: >> Jetzt Fördermitglied werden!


(12) http://altcramer.com

(13) food-service, 27.3.2012, Maredo: Fall demnächst vor Gericht

(14) Anwaltskanzlei ScherzBergmann

(15) siehe Anmerkung 1, aber auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung, RTL und ARD.

(16) Maredo-Prozess erhitzt Gemüter. Kleine Presseschau, http://arbeitsunrecht.de/?p=454,  21.6.2012; Helga Einecke und Sibylle Haas:  Grillen und Stehlen, Süddeutsche Zeitung, 15.5.2012; Volker Rieble: Verfehlung, FAZ  9.9.2012

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Ein Kommentar zu “Methode Maredo: Überwachen, bespitzeln, entlassen
  1. Mr. Smurf sagt:

    Hallo!

    In erster Instanz wurden seitens des Arbeitgebers 21 von 22 Fällen gewonnen. Inwiefern stellt sich damit das Arbeitsgericht Frankfurt auf die Seite der Mitarbeiter?

    Bitte um Erläuterung!

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