AirBerlin: Naujoks, Pang und Parchim

Ärger im Luftfahrt-Paradies? Chinesischer Glücksritter beauftragt Hamburger Union Buster für Bieter-Wettbewerb

Platz + ein Tower sind schon mal da: Flughafen Parchim International aktuell (Quelle Wikicommons, Urheber Mr. Pommeroy~dewiki)

Das Bieterverfahren um die insolvente Air Berlin ist um eine skurrile Wendung reicher. Ausgerechnet der umstrittene Hamburger Rechtsanwalt Helmut Naujoks vertritt den verhinderten chinesischen Luftfahrt-Visionär Jonathan Pang und dessen Firma LinkGlobal International Logistics Group im Wettstreit um die zweitgrößte deutsche Fluglinie. Der als Betriebsratsfresser berüchtigte Hardcore-Jurist bestätigt auf seiner Website stolz entsprechende Medien-Berichte, nach denen er für Pang in der Sache tätig sei.

Während es Naujoks‘ Vision ist, die deutsche Wirtschaft und ihre notleidenden Unternehmer radikal von der Geißel korrupter und nimmersatter Betriebsräte und Gewerkschaften zu befreien, wird Pang seit 2008 von der Eingebung getrieben, in der mecklenburgischen Provinz Parchim ein internationales Logistik-Drehkreuz zu errichten, das dem Berliner Flughafen BER den Rang ablaufen soll. Beide Visionen können durchaus goldenen Boden haben, wie der Aufstieg der AfD und der Skandal um den BER beweisen. Die Kombination ist aber schwierig.

Mit Naujoks keine Chance

Durch die Mandatierung des Helmut Naujoks dürfte Pangs Bewerbung, die in der hohen Politik ohnehin gegen eine ausgeprägte Chinesen-Paranoia ankämpfen muss, endgültig chancenlos sein. Naujoks hat seit 2001 eine Schleifspur der Verwüstung in zahlreichen deutschen Belegschaften hinterlassen. Er gilt als Dampframme mit Staatsexamen. Wer Naujoks engagiert, hat entweder keine Ahnung vom Geschäft oder er will Krieg gegen Betriebsräte und Gewerkschaften. In dem brisanten Air Berlin-Fall ist eher eine geschmeidigere Strategie gefragt. Geräuschlosigkeit heißt das Zauberwort.

Wie der „Anwalt des Schreckens“ an den Möchtegern-Impressario Jonathan Pang geraten ist, können wir nur vermuten. Die Konstellation klingt jedenfalls wie das zeitgemäße Remake der Ernst Lubitsch-Komödie „Ärger im Paradies“ aus dem Jahr 1932. Der Film handelt von einer Taschendiebin und einem Taschendieb, die beide in einem Luxushotel in Venedig unterwegs sind und versuchen sich gegenseitig zu bestehlen. Als der Irrtum auffällt, beschließen sie, fortan zusammen zu arbeiten (wikipedia).

Kein Anschluss unter dieser Nummer

Naujoks unterhält neben seiner Anwaltskanzlei auch eine Firma namens Naujoks Consult Group Company Limited. Er spricht gerne in der Wir-Form, meint aber vor allem sich selbst. Obwohl er mittlerweile fünf Büro-Adressen angibt – neben seinem Stammsitz in der Hamburger Ebchaussee 83 wären das Frankfurt, Düsseldorf und neuerdings auch Hong Kong und Chongqing – erreicht man dort gerne mal niemanden und mit Glück den großen Zampano selbst, per Rufumleitung aufs Handy.

Auch bei Jonathan Pang geht niemand ans Telefon. Die Nummer der Geschäftsleitung des Flughafens Parchim, dessen Besitzer er seit 2008 ist, meldet sich mit „Anschlusss unbekannt“. Im Hauptquartier in Peking spricht man nur Chinesisch und knallt den Hörer auf, wenn „a jouralist from Germany“ anruft. Was höchst erstaunlich ist, für eine juristische Person, die laut BILD soeben eine Milliarde für Air Berlin geboten hat. Der ehemalige Militärflughafen im mecklenburgischen Parchim, den Pank und die Firma LinkGlobal im Winter 2008 erwarben, hat in bald 10 Jahren keinerlei regelmäßigen Flugverkehr zu verzeichnen. Rund 25 Personen verwalten derzeit einen Leerstand. Es gibt sogar einen Betriebsrat.

Tragische Komödie des Stillstands: Hasen hoppeln über Landebahn

Jonathan Pang ist der tragische Held des Dokumentarfilms Parchim International aus dem Jahr 2015 (Website des Films). Die Filmemacher Stefan Eberlein und Manuel Fenn begleiteten ihn sieben Jahre lang. Dabei heraus gekommen ist eine „Komödie des Investmentwahns“, wie Karsten Munt im Online-Portal telepolis schreibt: „Die häufigsten Gäste auf der Landebahn sind seitdem Feldhasen. Doch für Pang ist das mecklenburgische Hinterland das Herz Europas – genau zwischen Berlin und Hamburg. Hier will er ein, aus China koordiniertes, Zentrum des Warenumschlags und der Passagierluftfahrt hochziehen.“ (telepolis, 20.6.2016)

Für Naujoks hat sich der Überraschungs-Coup in Sachen Air Berlin-Auktion bereits gelohnt. Die Mainstream-Presse, die Naujoks seit 2007 entweder schneidet oder durch Enthüllungen desavouiert, erwähnt ihn seit letzter Woche wieder als ernst zu nehmende Persönlichkeit – was ein schlechtes Licht auf den Zustand von Recherche und Faktencheck in den Redaktionen wirft. Auch Pang konnte sich in Erinnerung rufen.

Doch im Verlauf des Bieter-Dramoletts blieben beiden Protagonisten ihrer tragikomischen Rolle treu. Sie beantragten eine Fristverlängerung. Die Berliner Zeitung schrieb: „Naujoks begründete Pangs Bitte damit, dass es längere Zeit dauere, die Vertragsunterlagen ins Chinesische zu übersetzen. Man habe fleißig gearbeitet, doch die Zeit sei zu kurz gewesen, sagte er.“ (dpa, 15.9.2017) Ist halt schlecht, wenn man tatsächlich nichts an den Füßen hat.

Hier weicht die Geschichte von Ernst Lubitschs Vorlage ab: Während ein Trickdieb und eine Trickdiebin ein glückliches Gespann bilden können, solange sie unerkannt bleiben, ist eine Kooperation aus zwei öffentlich bekannten Blendern, die sich hauptsächlich gegenseitig beeindrucken, auf Dauer wenig erfolgversprechend.


Der Beitrag erschien in leicht veränderter Form in der Tageszeitung junge Welt vom 20.9.2017


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