Uniwell: Wild gewordener Mittelständler gegen Betriebsratsgründung

Kandidaten mit fadenscheinigen Gründen gekündigt / Kriminalpolizei ermittelt

Ist es gekränkte Eitelkeit? Ist dem Firmengründer und Eigentümer der Unternehmer-Stolz zu sehr zu Kopfe gestiegen? Hat er schlechte Berater? Gibt es wirtschaftliche Turbulenzen im Hintergrund?

In der Region Bamberg spielt sich  beim Automobilzulieferer Uniwell (ca. 180 Mitarbeiter) derzeit ein wilder Konflikt ab, der durch  eine Arbeitnehmer-Initiative zur Betriebsratsgründung entbrannt ist.

Schlechtes Klima + bescheidener Lohnzuwachs

Grund für das Bestreben aus der Belegschaft, eine unternehmer-unabhängige Interessensvertretung zu installieren, waren offenbar bescheidener Lohnzuwachs, der deutlich unter den IG Metall-Tarifen blieb, schlechtes Betriebsklima sowie zahlreiche Überstunden und Sonderschichten.

Die Unternehmensleitung antwortet mit Vergeltungsmaßnahmen und hat inzwischen über ein Dutzend Mitarbeiter, darunter langjährige Leistungsträger entlassen. 

Die Begründungen der Kündigungen als „betriebsbedingt“, also wirtschaftlich motiviert, wirken fadenscheinig. Außerdem wurden vor kurzem noch Erfolgsmeldungen verbreitet (wie der „Fränkische Tag“ erläutert):


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Dass die Entlassungen innerbetriebliche Gründe hätten, wie von der Geschäftsführung erklärt, passe weder zu den „sofortigen Hausverboten“, noch zu den rosigen Schilderungen und den Zahlen, welche die Uniwell-Chefs noch bei einer Werksbesichtigung des CSU-Ortsverbandes Mitte Juli verkündet hatten. Die Fertigungsstätte sei soeben erst um 550 Quadratmeter erweitert, der Mitarbeiterstab um 50 Personen aufgestockt worden, hatte es unter anderem geheißen.

[…] Doch in persönlichen Gesprächen im Verlauf dieser Woche soll sich Fischer ganz anders geäußert haben: „Alle, die sich an der Betriebratssache beteiligt haben, stecke ich in einen Sack und werde sie rausschmeißen“, wird er zitiert. Und tatsächlich wurde mittlerweile mindestens fünf der sieben Leute, die auf dem Wahlvorstandvorschlag der IG Metall standen, gekündigt.

Helmuth Fischer ist der Geschäftsführer von Uniwell Rohrsyteme GmbH & Co. KG. Laut Pressebericht soll die Unternehmensleitung besonders durch Radio-Interviews von Gewerkschaftsmitgliedern erzürnt gewesen sein. Der Fränkische Tag stellt am 29. September 2012 einen Zusammenhang zwischen öffentlich geäußerter Meinung und den darauf folgenden Kündigungen her:

Am Freitag wurden erneut Kündigungen ausgesprochen. So auch gegen Mitarbeiter, die jüngst in einem Interview des Bayerischen Rundfunks zu Wort gekommen waren, in dem es um die aktuellen Anschuldigungen der IG Metall ging, wonach die Geschäftsleitung die Gründung eines Betriebsrates verhindere und deswegen Arbeitsgericht und Staatsanwaltschaft angerufen hat.

Der Maulkorb als Union-Busting-Praktik

Kündigungen wegen Interviews mit Presse, Funk und Fernsehen sind erprobte Praktiken des Union-Busting und finden inzwischen bundesweit Anwendungen. Meist lauten die Begründungen für fristlose Kündigungen dann: „Geschäftsschädigung“, „Verstoß gegen das Gebot der vertrauensvollen Zusammenarbeit“, „Preisgabe von Firmeninterna“ etc. Zwar ist das Recht auf freie Meinungsäußerung im Grundgesetz verbrieft, selbstverständlich auch für Betriebsräte und Gewerkschafter, den Union-Bustern geht es aber um etwas ganz anderes:

  • Zeit gewinnen,
  • die Intitiative ergreifen,
  • Gewerkschafter schocken und möglichst lang von den Kollegen isolieren,
  • das Konfliktfeld vom Betrieb in die langsam mahlenden Mühlen der Gerichte verlagern
  • Die aktiven Gewerkschaftsmitglieder diffamieren und eine unternehmenshörige Mitarbeiter-Gruppe aufbauen.

Dass zu diesem Zweck konstruierte Vorwürfe und Begründungen oftmals vor Gericht zerplatzen, ist für die Strategen einer aggressiven Unternehmer-Strategie zweitrangig. Gerichtskosten und eventuelle Strafen werden notfalls aus der Portokasse bezahlt, wenn es um das Ziel der möglichst uneingeschränkten Kontrolle im Betrieb geht.

Wer sind die Berater?

Uniwell wird von der lokalen Anwaltskanzlei „Stapf & Scholl“ vertreten und vermutlich auch beraten. Einen Fachanwalt für Arbeitsrecht gibt es  in deren Team – laut Website – zwar nicht; Stefan Stapf reüssiert als Multifunktionär der IHK Würzburg/Schweinfurt vor allem auf betriebswirtschaftlicher Ebene, sein Sozius Jürgen Scholl weist in seiner Vita aus, dass er einst für die Großkanzlei Gleiss Lutz tätig war. Ob die ausgesprochen aggressive  Strategie, die nun bei Uniwell zu beobachten ist, der Gleiss-Lutz-Schule entspringt, oder unter zur Hilfenahme einschlägiger Rezepte in der Provinz selbst gestrickt wurde, bleibt vorerst im Unklaren.

Die örtliche IG Metall hält sowohl mit juristischen Mitteln dagegen (Strafanzeigen etc.) , wie durch öffentliche Mobilisierung.  Am 5. Oktober fand eine gut besuchte Demonstration gegen die Wildwestmethoden bei Uniwell in Bamberg statt.

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Ein Kommentar zu “Uniwell: Wild gewordener Mittelständler gegen Betriebsratsgründung
  1. Rosika Knaus sagt:

    Es ist nicht zu glauben dass in unserem Jahrhundert Menschen noch so behandelt werden, nur weil sie ihr Recht einen Betriebsrat zu gründen einfordern wollen. Ein anständiger Arbeitgeber der sich an geltende Gesetze hält, hätte doch davor nichts zu befürchten.

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