Fraport: Flugzeugabfertiger systematisch um Lohnfortzahlung betrogen?

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Gepäckabfertiger Erdogan S. klagt vor Landesarbeitsgericht Frankfurt gegen Fraport-Tochter Fraground.

Es wirkt kriminell: Offenbar prellt das Fraground-Management Mitarbeiter der Flugzeugabfertigung systematisch um Lohnfortzahlung im Krankheitsfall.

Rechtsnihilismus: Fraground versucht gesundheitlich angeschlagene Beschäftigte offenbar mit illegalen Methoden gezielt aus dem Job zu drängen. Die Folge: Viele gehen aus Angst krank zur Arbeit.

Man kann es so oder so sehen: Für die einen ist es nur ein weiteres Verfahren eines einzelnen Arbeiters am Frankfurter Flughafen. Für die Aktion gegen Arbeitsunrecht steckt dahinter ein massiver Skandal.

Der Gepäckabfertiger Erdogan S. arbeitet seit 2012 am Frankfurter Flughafen. Jetzt fordert er von seinem Arbeitgeber Fraground über 829,- Euro an nicht gezahlter Entgeltfortzahlung bei Krankheit. Nicht zum ersten Mal muss er für eine Selbstverständlichkeit vor Gericht ziehen. In erster Instanz hatte Erdogan S. gewonnen. Doch Fraground ging in Berufung.


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Wir rufen dazu auf, den Prozess in Frankfurt solidarisch zu begleiten:

  • Freitag, 14.01.2022, 10:30 Uhr

  • Hessisches Landesbeitsgericht, Saal B 1.06, Gutleutstr. 130, 60327 Frankfurt a.M. (Zutritt nur FFP2-Maske)

Worum geht es konkret?

Der Fraground-Beschäftige Erdogan S. klagt auf ausstehende Lohnfortzahlung in Höhe von 894,27 Euro für die Monate August und September 2020, welche die Fraground (der aktuelle Name der Tochter lautet: FraGround Fraport Ground Handling Professionals GmbH) für Zeiten seiner Arbeitsunfähigkeit verweigert.

Das ist aber nur eine von vielen Klagen. Am 24. November 2021 hat er vor dem Arbeitsgericht Frankfurt am Main sechs weitere Klagen für sechs weitere Monate in der ersten Instanz gewonnen. Insgesamt geht es um mehrere tausend Euro, und bei jeder neuen Krankmeldung weiß der Kollege, dass er kein Geld bekommen wird.

Aufgrund der gesetzlichen Regelungen muss der Kollege seine Anwaltskosten erster Instanz auch dann selbst tragen, wenn er gewinnt. Ohne Rechtsschutzversicherung oder Beistand einer Gewerkschaft sind die Prozesse daher rechnerisch unprofitabel.

Das Verfahren um nicht gezahlte Lohnfortzahlung bei Krankheit ist offenbar nur die Spitze des Eisbergs. Würde es im deutschen Arbeitsrecht die Möglichkeit der Sammelklage geben, ginge der strittige Betrag womöglich in die Millionen. Denn Fraground hat aktuell nach eigenen Angaben über 3.400 Beschäftigte. Da kommt was zusammen.

Das Fraport-Management versucht offenbar durch gezielten Rechtsnihilismus („Legal, illegal, scheißegal“) solche Mitarbeiter abzustoßen, die durch langjährige Arbeit gesundheitlich angschlagen oder weniger belastbar sind.

Statt Geld in verträgliche Arbeitsplätze oder leidensgerechte Beschäftigung zu investieren, spart man bei Fraport bei den Betroffenen und Geschädigten. Das Management zahlt offenbar mutwillig und systematisch keine Lohnfortzahlung bei Arbeitsunfähigkeit. Wir vermuten folgendes Ziel: Gesundheitlich angeschlagene Beschäftigte sollen systematisch zermürbt werden.

Knochenmühle Frankfurter Flughafen

Die Beschäftigten bei Fraground leisten im wahrsten Sinne Knochenarbeit. Sie fertigen Flugzeuge ab. Sie wuchten Koffer, Gepäck und Ladung aus den Flugzeugen und in die Flugzeuge. Das geht auf Rücken, Bandscheiben und andere Teile des Bewegungsapparats. Die Arbeit muss unter Zeitdruck und — wie so oft in der schönen neuen Arbeitswelt — oftmals mit zu knapp bemessenem Personal bewältigt werden. Außerdem ist der Lohn ebenso bescheiden wie in vielen anderen „systemrelevanten“ Berufen.

Standardmäßige Verweigerung der Lohnfortzahlung?

Das Personalmanagement will von Erdogan S., dass er nachweist, ob er überhaupt Anspruch auf Lohnfortzahlung im Krankheitsfall hat, obwohl alle Krankmeldungen bei der Firma liegen. Das Unternehmen verweigert die Zahlung mit der eigenartigen Argumentation, dass es sich immer und bei jeder neuen Krankheit angeblich um eine zusammenhängende Erkrankung handelt, für die nach sechs Wochen nicht mehr das Unternehmen Lohnfortzahlung leisten müsste. Stattdessen soll die Krankenkasse Krankengeld zahlen.

Um das Gegenteil zu beweisen soll Erdogan S. dem Unternehmen Auskunft über sämtliche Diagnosen geben. Das widerspricht sämtlichen Datenschutz-Vorgaben zum Schutz Beschäftiger.

Aber: Es gibt keinen Anspruch darauf, dass ein Unternehmen alle Diagnosen erfährt, um dann alles, was es für „chronisch“ hält, zu addieren und selbst über den Zeitpunkt des Krankengeldanspruchs zu entscheiden. Das wäre Sache der Krankenkasse, die über entsprechendes medizinisches Personal verfügt. Dort fragen Unternehmen für gewöhnlich an und lassen sich bestätigen, ob es sich um einen Krankengeldfall, in dem die Krankenkasse leistungspflichtig ist, oder verschiedene Erkrankungen handelt. Die FraGround scheint die Frage grundsätzlich anders zu behandeln, indem sie einfach nicht zahlt und Beschäftige zwingt zu klagen oder zu resignieren!

Eine Folge: Viele Kollgen sind eingeschüchtert und gehen krank zur Arbeit.

Bei der Fraground und ihrem Wirrwarr aus Tochter-Firmen und Umbenennungen maßen sich Personalverantwortliche an, zu entscheiden, ob Verletzungen, Folgeerkrankungen und Neu-Erkrankungen in einem ursächlichen Zusammenhang stehen.

Steckt System hinter der Verweigerung der Lohnfortzahlung?

Es scheint vielmehr so, dass Fraground hier ein grundsätzliches System betreibt, um die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall zu umgehen. Die Rechtsanwältin Annkathrin Halank, die Erdogan S. vor Gericht vertritt, bestätigt, dass ihr mehrere, gleich gelagerte Fälle vorliegen. Bei manchen Kollegen geht es um wenige Euro, andere müssen zwei Monate und länger komplett ohne Geld auskommen.

Offenbar stellt Fraground die Lohnfortzahlung grundsätzlich ein, sobald Beschäftigte in einem Kalenderjahr sechs Wochen plus einen Tag arbeitsunfähig sind. Auch, wenn es sich immer wieder um Erstbescheinigungen, also neue Erkrankungen, handelt und auch dann, wenn die Kollegen zwischen den Krankheiten wieder arbeiten gehen.

Beschäftigte berichten, dass selbst bei Gesundmeldung die Lohnzahlung nicht wieder aufgenommen wird. Beim betrieblichen Eingliederungsmanagement werden ihrem Empfinden nach Entscheidungen nach Nase getroffen. Wer als unbequem gilt, hat kaum eine Chance an einen weniger belastenden Arbeitsplatz versetzt zu werden.

Möglicherweise will Fraground sogar bewusst die Voraussetzungen für krankheitsbedingte Kündigungen schaffen. Beschäftigte, die sich der Herausforderung, ein Gerichtsverfahren gegen das Unternehmen zu führen, nicht gewachsen sehen, sollen das Unternehmen per Aufhebungsvertrag verlassen haben.

Wer ist hier verantwortlich?

Die FraGround GmbH setzt zur Durchsetzung ihrer Forderungen auf Syndikusanwalt Thomas Röll – er ist zugleich stellvertretender Geschäftsführer des Speditions- und Logistikverbands Hessen/Rheinland-Pfalz und ehrenamtlicher Richter am Sozialgericht Frankfurt.

Wir forden: Sammelklage im Arbeitsrecht ermöglichen!

Leider ist das deutsche Arbeitsrecht auf individuelle Befriedung und Abfindungen ausgelegt, nicht auf kollektive Interessen der Beschäftigten. Die 829,- Euro, um die es Erdogan S. konkret geht, sind für das Managagement nur Peanuts. Für Erdogan S. ist es das Geld was vielleicht für den nächsten Urlaub, Weihnachtsgeschenke oder einen neue Waschmaschine fehlt. Aber wenn er gewinnt, muss er davon die Anwaltskosten bestreiten.

Wir fordern vom Hessischen Arbeitsminister Kai Klose:

Kai Klose ist als Hessischer Arbeitsminister nicht nur zuständig für Arbeitsbedingungen, sondern als Regierungsmitglied auch Mitbesitzer der Fraport AG.

Stoppen Sie den Rechtsnihilismus am Frankfurter Flughafen!

Die FraGround Handling Professionals GmbH ist ein Tochterunternehmen der Fraport AG. Größter Anteilseigner der Fraport AG ist mit 31,31% das Land Hessen. Der Hessische Arbeitsminister ist deshalb nicht nur indirekt durch sein Ressort sondern ganz direkt als Regierungsmitglied verantwortlich für die Zustände am Frankfurter Flughafen.

  • Gute Arbeit, Gesundheitsvorsorge und Krankengeld statt Ausbeutung in Knochenjobs!

  • Rechtsnihilismus des Fraground-Managements sofort stoppen! Personelle Konsequenzen ziehen!


Quellen:


Wo Sie schonmal hier sind...

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