Die Welt: Viele Unternehmer sehen die Flüchtlinge einfach als billige Arbeitskräfte

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Rechtsanwalt Martin Bechert im Interview zur möglicher Ausbeutung ukrainischer Flüchtlinge durch Unternehmen mit der Tageszeitung Die Welt

Bechert: Der Anerkennungsprozess muss erleichtert werden. Und die Arbeitsagenturen Flexibilität zeigen, beispielsweise indem sie schnelle Qualifizierungs- und Weiterbildungsmaßnahmen anbieten, wenn ukrainische Berufsabschlüsse nicht anerkannt werden. Sinnvoll wäre auch eine Art Qualitätssicherung, die kontrolliert, ob die Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt nicht ausgenutzt werden.

WELT: Diese Vorahnung gibt es ja schon. Einige deutsche Unternehmen würden sich bereits die Hände reiben, lautet etwa der Vorwurf des Vereins „Arbeitsunrecht“.

Bechert: Das wundert mich nicht. Viele Unternehmer sehen die ukrainischen Flüchtlinge einfach als billige Arbeitskräfte. Meine Befürchtung ist, dass ihre Notsituation ausgenutzt wird und viele Firmen die Ukrainer nicht etwa als qualifizierte Arbeitnehmer beschäftigten, sondern sie vergleichsweise weniger Geld bekommen und unter Wert arbeiten müssen.


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WELT: Davor warnt auch der Bundesverband für häusliche Betreuung und Pflege. Das Szenario der Ausbeutung könnte schon bald konkret werden und für Dumpinglöhne sorgen, heißt es dort.

Bechert: Es flüchten ja vor allem Frauen aus der Ukraine. Viele von ihnen könnten in der Pflege beschäftigt werden, wo Fachkräfte fehlen. Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass ihre Berufsausbildung schnell anerkannt wird. Dass selbst examinierte Pflegekräfte unterbezahlt, auf dem Lohnniveau einer Hilfskraft beschäftigt werden, ist daher wahrscheinlich. Die Gefahr, dass viele Flüchtlinge ausgenutzt werden, ist insbesondere in der Pflege ganz konkret.

WELT: Ist das nicht eine pauschale Verurteilung?

Bechert: Selbstverständlich gibt es viele Einrichtungen, die fair bezahlen. Andererseits gibt es immer mehr Hedgefonds, die Heime betreiben – und sie als reine Gelddruckmaschine betrachten. Ich spreche da aus Erfahrung, weil ich Mandanten aus genau solchen Heimen vertreten habe. Die Pflegekräfte dort sind meist schon froh, wenn sie die Bewohner satt und sauber bekommen. Der Personalschlüssel ist oft so schlecht, dass Heimbewohner, die im Todeskampf sind, nicht begleitet werden können. Einige Arbeitnehmer halten diese Zustände kaum aus. Sie gehen dann freiwillig in die Zeitarbeit, weil sie kaum ertragen, wie schlecht die Bewohner versorgt werden und keine emotionale Bindung zu ihnen aufbauen möchten.


Quelle

Jan Klauth: Viele Unternehmer sehen die Flüchtlinge einfach als billige Arbeitskräfte, Welt 16.03.2022 https://www.welt.de/wirtschaft/article237543643/Ukraine-Fluechtlinge-Viele-Unternehmer-sehen-sie-als-billige-Arbeiter.html



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