Zeitarbeit ersetzt keine Festangestellten?

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Bertelsmann-Studie behauptet Paradoxon / WDR und Deutschlandradio berichten dankbar

Die Wirtschaftsredaktion des WDR-Hörfunk liefert mitunter bedenkenlos Meinungsmache, die direkt aus der Feder von Lobby- und Industrieverbänden stammt. So fand eine Studie des RWI im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung breiten Widerhall, die angeblich versucht nachzuweisen, dass Leiharbeit scheinbar keine Festanstellung verdrängt. (Hier nachzulesen). Dem steht auch das Deutschlandradio nichts nach: „Leiharbeiter sind nur selten Konkurrenz für Stammbelegschaft“, heißt es hier.

Eine These, die so paradox ist, dass man nur mit dem Kopf schütteln kann. Bei genauerem Hinsehen wird der zu kommunizierende Grundgedanke („Zeitarbeit verdrängt keine Festanstellung“) auf wdr.de allerdings so zurecht gebogen:  „Stammkräfte werden seltener als gedacht durch Zeitarbeiter ersetzt“. Man könnte auch sagen: „Rauchen führt seltener zu Lungenkrebs als vermutet.“ Oder: „Elfmeter im Fußball gehen häufiger daneben, als gedacht.“


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Bertels-Mann Eric Thode ist auf wdr.de mit folgenden ZItaten vertreten:

Die Unternehmen wollen Beschäftigung aufbauen, sind sich aber nicht ganz sicher, wie lange der Aufschwung anhalten wird. Deshalb wird versucht, einen Teil des Beschäftigungsaufbaus flexibel zu halten. Die Zeitarbeiter dienen dabei als Puffer.

[…]

Wir haben uns besonders dem Zeitraum von Mitte 2008 bis Mitte 2009 gewidmet, als die Finanz- und Wirtschaftskrise ihre Hochphase hatte. Repräsentative Zahlen aus dieser Zeit belegen: Nur drei Prozent der befragten Unternehmen haben Stammbelegschaft abgebaut und gleichzeitig mehr Zeitarbeiter eingestellt.

[…]

Im Montagebereich und in allgemeinen Metallberufen liegt der Zeitarbeiterlohn 48 Prozent unter dem der Stammbelegschaft, in vielen anderen Bereichen sieht es ähnlich aus.

[…]

Ich glaube nicht, dass es realistisch ist, Zeit- und Stammkräfte ab dem ersten Tag gleichzustellen. Dazu ist die Produktivität zu verschieden. Zeitarbeiter kommen oft aus der Arbeitslosigkeit, da ist eine gewisse Einarbeitungszeit vonnöten, von daher ist eine geringere Entlohnung meiner Meinung nach anfangs auch gerechtfertigt. […]

Ich denke, drei Monate sind ein realistischer Zeitraum für die Einarbeitung. Danach sollte der gleiche Lohn gezahlt werden

[…]

Frage WDR.de: Wenn die Forderung nach gleichem Lohn tatsächlich erfüllt würde, gäbe es dann überhaupt noch Bedarf an Zeitarbeitern? Mitte 2011 waren es in Deutschland fast eine Million Menschen.

Thode: Ja, ich denke schon. Denn ein entscheidendes Merkmal ist ja die Möglichkeit, dass man Zeitarbeiter leichter kündigen kann, wenn es mal hart auf hart kommt. Allerdings kann es auch sein, dass sich manche Unternehmen bei gleichen Löhnen dann die Frage stellen, ob es sich überhaupt noch lohnt, Leiharbeiter einzustellen, oder ob man nicht lieber gleich einen festen Vertrag macht. Gerade bei höher qualifizierten Jobs könnte so eine Brücke zu einer regulären Beschäftigung gebaut werden.

 

Hier sind zwei ideologische Figuren zu sehen, die durch permanente jahrelange Wiederholung in den Status allgemeiner Gültigkeit versetzt werden sollen:

Die Brücken-These. (Nachfolgerin des „Klebe-Effekts“). Zeitarbeit könne angeblich eine Brücke in die reguläre Beschäftigung sein.

Geringe Produktivität rechtfertigt brutale Niedriglöhne. Du bist was Du verdienst. Salopp formuliert: Selbst schuld – Hättest Du in der Schule mal besser aufgepasst.

Das Perfide an der Argumentation: Kein Zusammenhang zur Umwälzung des Arbeitsmarktes durch die Hartz-Gesetze, dem staatlichen Zwang zur Leiharbeit für Arbeitslose, aufstockendem Hartz-IV, Senkung des faktischen Mindestlohns durch Hartz-IV.

Immerhin scheint sich die Zeitarbeits-Lobby mittlerweile in Richtung Equal Pay zu bewegen. Die breite gesellschaftliche Ablehnung der Zeitarbeit findet auch in der Arbeitgeber-Lobby ihren Widerhall (siehe Bertelsmann-Statement: „Zeitarbeit muss besser reguliert werden“).  Die Stiftung schlägt drei Monate vor bis zur Angleichung der Löhne von Leiharbeiter_innen an das Gehalt von Festangestellten vor.  Obwohl ein Zeitarbeiter dann wesentlich teurer wäre, als ein Festangestellter, scheint sich das Manöver dennoch zu lohnen, denn:

Zeitarbeit spaltet die Belegschaft; sie erschwert gewerkschaftliche Organisierung, Tarifverträge und die Wahl von Betriebsräten. Die Kernbelegschaft wird unter Druck gesetzt.
Hire and fire. Zeitarbeiter_innen können bislang ohne größere Probleme prompt entlassen werden.

Positiv fällt die Berichterstattung der Märkische Allgemeine auf. Sie nimmt die Leiharbeits-Studie zum Anlass für folgende Schlagzeile: „Leiharbeiter erhalten nur die Hälfte – Studie von Bertelsmann-Stiftung und RWI schlägt Lohnangleichung vor“. Hier heißt es:

In Westdeutschland sind die Unterschiede größer als im Osten. So erhalten über 50-jährige männliche Zeitarbeiter im Westen 1590 Euro im Monat, 52,4 Prozent weniger als eine Stammkraft gleichen Alters. Eine unter 25-jährige Frau im Osten kommt im Schnitt auf 1107 Euro – 18,7 Prozent weniger, als sie als Festangestellte bekäme.

Die RWI Studie im Auftrag von Bertelsmann im Original: Herausforderung Zeitarbeit, März 2012.

(Hervorhebungen von arbeitsunrecht.de)


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