Frontberichte 03/14

Betriebsrat-Bashing, aggressive Finanzinvestoren + Arbeitsunrecht in Deutschland | Presseschau vom 29.02.-07.03.2014

AB Elektronik/Werne: Konfliktbereiter Betriebsrat fordert englischen Mutterkonzern heraus + + A.T.U.: Kahlschlag, 900 Entlassungen – Finanzinvestoren am Werk+ + Top-10-Finanz-Investoren: 1,7 Mrd. Gewinn in 2013 + + VR-Bank/ Kraichgau: Kündigung eines unliebsamen Betriebsratsvorsitzenden?

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TT Electronics/AB Elekronik: Standort Werne absichtlich teuer gerechnet?

ATU_Zentrale-weiden_ausschnitt

Auch A.T.U. leidet unter aggressiven Finanzinvestoren. Siehe Bericht weiter unten. (Foto: Meissner, Lizenz: CC 3.0, Quelle: wikicommons)

Eine englische Investorengruppe will in den nächsten 21 Monaten 400 Arbeitsplätze des Auto-Zulieferers AB Elektronik aus dem Ruhrgebiet in eine „best-cost-Region“ verlegen: sprich Rumänien (siehe Ruhr-Nachrichten). Aber anstatt einfach einem Sozialplan zuzustimmen, kämpft der Betriebsrat  für den Erhalt des Standortes in Werne. Die Beschäftigten erhalten zudem Unterstützung durch ihren Bürgermeister und engagierte Bürger_innen. An einer Solidaritäts-Demo beteiligten sich 700 Personen.

AB Elektronik gehört zu TT Electronics plc. Weltweit hat sich die Investorengruppe, die auf Elektronik-Unternehmen spezialisiert und an der Londoner Börse notiert ist, nach eigenen Angaben etwa 27 Unternehmen mit 6.500 Angestellten zusammen gekauft, zuletzt in Mexiko, Rumänien und Indien (hier eine Selbstdarstellung).

Zahlen vorenthalten und absichtlich klein gerechnet?

Der Betriebsrat in Werne hat mit der Geschäftsführung im Gegenzug für die Offenlegung der Unternehmenskennzahlen Geheimhaltung über die Zahlen vereinbart. Er glaubt, dass der Mutterkonzern den Standort Werne vorsätzlich schlecht rechnet und will die Zahlen von einem unabhängigen Berater prüfen lassen (Ruhr-Nachrichten). Der Betriebsrat beklagt laut WA ferner, dass immer noch Zahlen vorenthalten würden und der Gesamtüberblick fehle.

Bereits acht Tage später, am 01.03.14, erklärt AB Elektronik die Verhandlungen mir dem Betriebsrat für gescheitert (Ruhr-Nachrichten). Der Betriebsrat wurde aufgefordert einen Einigungsstellenverfahren unter der Leitung eines unparteiischen Vorsitzenden durchzuführen. Ob man sich darauf einlassen will, ist noch nicht beschlossen.

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Finanzinvestor Centerbridge: Kahlschlag bei ATU – 900 Entlassungen

Dass bei der Werkstattkette A.T.U. der Busch brennt, wussten wir bereits seit Januar 2013. Damals berichtete arbeitsunrecht.de über systematische Verhinderungen von Betriebsratsgründungen an den A.T.U. Standorten Werl und Weiden („Betriebsratsverhinderung: Wieder Unruhe bei A.T.U.„, 22. 1. 2013). Nun schreib die Süddeutsche Zeitung, dass A.T.U. 900 von 12 000 Angestellten gefeuert werden sollen. Diesen erneuten Aderlass verkündete der neue Interims-Geschäftsführer Norbert Scheuch, obwohl die Kette bereits eine Radikal-Sanierung hinter sich hat, die 2.000 Jobs kostete.


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Hintergrund: Aggressive Investoren KKR, Goldman Sachs und Centerbridge

Auto Teile Unger ist seit 2002 in der Hand von Finanzinvestoren. Karz-Heinz Büschmann schreibt in der SZ vom 27.2. 2014: „Typisch für viele Unternehmen in der Hand von Finanzinvestoren sind auch bei ATU hohe Schulden, die das Ergebnis schmälern.“ Denn zum Geschäft von Finanzinvestoren gehört es, Schulden aufzunehmen, um die Übernahmen bezahlen zu können. Diese Schulden werden dann den übernommenen Unternehmen aufgebrummt und dienen als zusätzliches Argument für radikale „Sanierungen“.

Im Dezember 2013 hatte die weltweit bekannte Finanzgesellschaft Kohlberg Kravis Roberts (KKR) A.T.U. an den US-Investor Centerbridge weiter gereicht.  Das Fachportal reifenpresse.de schrieb am 5. Dezember 2013:

Centerbridge und die Private-Equity-Sparte von Goldman Sachs hatten sich über die Jahre günstig in die Schulden der Werkstatt- und Fachmarktkette eingekauft und erhalten nun – im Vergleich zum ursprünglichen Kaufpreis, den KKR gezahlt hatte – vergleichsweise günstig die Kontrolle über ATU.

Passend dazu erschien in der selben Ausgabe der SZ, nur zwei Seiten weiter im Wirtschaftsteil folgender Bericht:

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Top 10 Finanzinvestoren machen 2013 Gewinn von 1,7 Mrd. Dollar

„Heuschrecken machen Kasse“, betitelte die SZ eine Meldung um Wirtschaftsteil vom 27.2.2014. Die erfolgreichsten 10 Personen aus dem Gewerbe der aggressiven Finanzinvestoren hätten laut Nachrichtendienst bloomberg im Jahr 2013 unvorstellbar hohe Ausschüttungen erhalten. Genannt werden an vorderster Stelle Leon Black, der mit Apollo Global Management 369 Mio. $ gemacht haben soll, gefolgt von Henry Kravis (KRR, siehe Bericht oben) und den drei Gründern der Carlyle Group Daniel A. D’Aniello, William E. Conway, Jr., David M. Rubenstein.

Wie die SZ weiter schreibt, gehören Private-Equitiy-Bosse zu den reichsten Menschen der USA. Leon Black soll laut bloomberg 9,1 Mrd. $ besitzen, Stephen Schwarzmann (Blackstone Group) kommt gar auf 10,9 Mrd. $.

Die Dividende des Apollo-Gründers Black für 2013 entspräche dem 25.000-fachen des us-amerikanischen Mindestlohns von 15.000 $. Oder anders gerechnet: Alle 21 Minuten verdient Leon Black soviel wie ein Arbeiter mit Mindestlohn im Jahr.

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VR-Bank Kraichgau: Konstruierte Verdachtskündigung des Betriebsratsvorsitzenden?

Der Betriebsratsvorsitzende der VR-Bank Kraichgau (Wiesloch/Mannheim) ist wegen angeblicher Vorteilsnahme in Höhe von mehreren hundert Euro außerordentlich gekündigt worden. Die Gewerkschaft ver.di spricht davon, dass man einen wehrhaften Betriebsrat mundtot machen wolle. Der Gerichtstermin ist laut Mannheimer Morgen am 18.03.2014.

Die Genossenschaftsbanken stehen durch ihr Gebahren gegenüber Mitarbeitern und Gewerkschaften seit längerem in der Kritik. So berichtete das Magazin Mitbestimmung bereits im Oktober 2013: „Innendrin stinkt es ohne Ende.“ Im lesenwerten Artikel von Joachim F. Tornau („Auffallend ruppig„, 10/2013) ging es um Tarif-Dumping mit Hilfe der gelben Gewerkschaft Deutscher Bankangestellten-Verband (DBV) und der berüchtigten DHV, die zu den „christlichen“ gelben Gewerkschaften zählt.

Seit Jahren wird zudem die Dransalierung von selbstbewussten Mitarbeitern und Betriebsratsmitgliedern bei Genossenschaftsbanken berichtet: „Ich wurde psychisch und physisch an den Rand gedrängt“, so eine Bank-Angestellte aus Münster im Magazin Mitbestimmung.

Die Volksbank Ludwigsburg machte bereits 2007 Schlagzeilen, weil sie mit Hilfe des Union Busters Helmut Naujoks ein engagiertes Betriebsratsmitglied systematisch fertig machen ließ.

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Ein Kommentar zu “Frontberichte 03/14
  1. Blinkfeuer sagt:

    Zunächst stellt sich die Frage, warum es „ATU “ überhaupt gibt, geben konnte. Grobe Einschätzung: Verfehltes Steuer- und Abgaben- Gewurschtel, Leitmedien nennen es Politik, im Handwerk.
    Als ich einst da lernte, wurde noch alles ausgebaut ind repariert. Für die Generation Äppl, die für Reparaturen nichts zahlen will: RE PA RIE REN. Ist so’n cooler Stuff, wohl aus Kuba. Denn: Alles was man nicht reparieren kann ist auch nicht kaputt.
    Wird aber nun ein AUDIAuto in Rumänien gefertigt- als in Deutsch Made- fährt selbstverständlich ein lettischer Opi, um seine Rente aufzubessern, einen Container gebrauchter Teile nach Mittelsomalia, wo aus 3 alten Lichtmaschinen 1 neue gebastelt wird. Der Rest landet hälftig in Zentralafrika und im Meer.
    Die renovierten Teile bekommen dann in Ungarn ein frisches Siegel und werden wieder ins land der Autokanzlerin gekarrt, denn da kann sich keiner mehr neue Teile leisten.
    Ehedem in der Reparaturbranche Beschäftigte werden von Jobcenter Knilchinnen u Kursen geschickt, die Leute aus dem Segment „Gut in Laberfächern“- aber erfolglos im Leben geben.
    Meanwhile muss der Sanitärinstallateur (den Studierte des allg. Unfugs für einen Klempner halten) nundas Sozialsystem am kacken halten. Das könnte eng werden. Dennirgendwann müssen auch die Börsenluder der öffentlich- widerlichen Börsenberichte aufs Klo. Aber kein human denkender Chaffeur wird sie zum Klo fahren inach Bulgarien. Denn der LKW ist defekt! Börsenluder fragt sich, warum denn kein Fachpersonal herbei eilt, denn Börsenluder ist doch mind. B- Promi. wie die Wetterdeppinnen, die Regen nach 4 Monaten mit „leider Regen“ ansagen“ Das Gesocks halt.
    Nur der DAX lacht. Denn keiner bestreikt das Gesindel. Oder wirft mit defekten Kloschüsseln nach ihm. In Blogs in der BRD: mehr Enten als in Leitmedien.

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