Ebert-Stiftung und SPD wollen zurück in die Zukunft.

Nennt mich altmodisch, aber ich lese täglich Zeitungen. Papier, Tinte… Man kann sie falten, sie riecht und raschelt. (Und Zeitungen sind unverzichtbar zum Fensterputzen.) Zur Erfassung der politisch-ökonomischen Stimmung im Lande bevorzuge ich die FAZ, aber wenn deren Exemplar in meinem Stammcafé im Umlauf ist, greife ich auf die Süddeutsche zurück.1
Anfang April hätte ich mich fast an meinem Morgenkaffee verbrüht. Tauchte die „Arbeiterklasse“ doch plötzlich im Wirtschaftsteil der SZ auf.2 Also wortwörtlich! Und das war offenbar kein Ausreißer. Am Vorabend des 1. Mai folgte die Vorabveröffentlichung einer repräsentativen Studie der Friedrich-Ebert-Stifung. 5.000 Malocher*innen wurden befragt. Darin war sogar von „Klassenbewusstsein“ die Rede.3 Und mit erstaunlichem Befund: „Tatsächlich ordnet sich nicht nur der Großteil der Beschäftigten in der Produktion (83 Prozent), sondern auch eine überwiegende Mehrheit der Dienstleister (70 Prozent) der Arbeiterklasse zu.“4
In der Sprach- und Gedankenwelt des Establishments stand „die arbeitende Klasse“ über Jahrzehnte de facto auf dem Index. So redeten verdächtige Elemente. Ewig Gestrige. Radikale. Bestenfalls Romantiker*innen oder Salon-Bolschewiki, aber der Verdacht stand im Raum: linker Extremismus. Denn wer Arbeiterklasse sagt, muss logischerweise auch Klassenkampf denken und dann sind Kommunismus und Arbeiterräte, Barrikaden und Pulverdampf nicht mehr weit.

Das FAZ-Feuilleton hielt sich den Kommunisten Dietmar Dath als geistreichen Exoten. Aber dieser Ausreißer bestätigte nur die Regel: Das große Projekt des Neoliberalismus war die ideologische Auflösung der Arbeiterklasse in Mittelschicht und bildungsferne Unterschicht. In Milieus. Und der Neoliberalismus schuf Fakten: Die Zerschlagung der alten Industrie, bishin zur Zerschlagung jeglicher Kollektivität und Gemeinwirtschaft. (Selbst das Bahnfahren galt Neoliberalen schon als Vorbote des Kommunismus, weil es kollektiv erfolgte.)
Aus erster Hand informiert sein? Profis lesen Emails.Jetzt den kostenlosen Email-Newsletter der aktion ./. arbeitsunrecht ► bestellen
Die alte Arbeiterklasse wurde durch deren alte Tante SPD auf ein Mindestmaß an privilegierten Kernbelegschaften geschrumpft.
Dazu dienten Privatisierung, Auslagerung, Sub-Sub-Unternehmer-Ketten, Werkverträgen und Leiharbeit.
Dass die arbeitende Bevölkerung mittlerweile nicht mehr als „ehemalige Arbeiterklasse“ sondern wieder als „arbeitende Klasse“ oder „Arbeiter*innenklasse“ wahrgenommen wird, hat mit Donald Trump zu tun, mit Sarah Wagenknecht und deren Vordenkerin, der belgischen Politikwissenschaftlerin Chantal Mouffe.5 Vor allem hat die zeitweilige Rennaissance der Arbeiterklasse im Mainstream mit einer SPD zu tun, die sich bemüht, wieder anzudocken an die – Zitat Olaf Scholz – „hart arbeitenden Menschen“.
Wie groß der Paradigmenwechsel ist, wird im Vergleich zu 2017 deutlich. Damals durfte ein Thomas Steinfeld ebenfalls in der SZ noch vom Leder ziehen und alle, die an die Arbeiterklasse appellierten, als Populisten, Romantiker oder gar neue Rechte diffamieren.6 Wir liefen nach Steinfelds Meinung einem „Mythos“ hinterher: „Die Klasse verschwand in den Nebeln der „postindustriellen Gesellschaft“, sie wurde nationalistisch, sozialdemokratisch und bürgerlich […] In jüngster Zeit kehrt die Arbeiterklasse zurück. Nicht leibhaftig, nicht in Gestalt von ungelernten Arbeitern, Schweißern oder Druckern. Sondern als Gegenstand der Anrufung.“
Es sieht so aus, als habe die Anrufung gewirkt.
Das Gespenst hat wieder reale Gestalt angenommen.
Die Ebert-Stiftung schätzt, dass etwa ein Drittel der Erwerbstätigen in Deutschland der Arbeiterklasse zugerechnet werden kann. 16 von rund 46 Millionen. Die Zahl ist erstaunlich niedrig. Warum nur ein Drittel? Es könnte an der Befragungs-Methode der Wissenschaftler*innen liegen. Sie schreiben wörtlich auf Seite 35 der Studie: „Keine Arbeiter:innenklasse ohne Klassenbewusstsein.„ Was für ein Bullshit!
Eine wissenschaftliche Kategorie existiert oder existiert nicht. Die Erde blieb rund, auch wenn der Papst in Rom sie zur Scheibe deklarierte. Hier hat der akademische „Anything goes“-Diskurs möglicherweise die Hirne der Forscher*innen verklebt – vielleicht ist auch Pippi Langstrumpf Schuld: „Ich mache mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt.“
Arbeiter*innen sind Menschen, die darauf angewiesen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, um ihre Miete zu bezahlen und essen zu können, die niemanden einstellen oder feuern können und die weisungsgebunden arbeiten. Also auch Lufthansa-Pilot*innen, Krankenhausärzt*innen und Spieler von Bayern München. Ob Arbeiter*innen sich selbst als solche sehen, ob sie gern was anderes wären, ob sie samstags Lotto spielen oder Banküberfälle planen, spielt dabei keine Rolle.
Allerdings sind 16 Millionen klassenbewusste Arbeiter*innen – das wurde in der Studie eigentlich abgefragt – doch eine ganze Menge. Vielleicht nicht genug für eine Revolution, aber zumindest, um die SPD vor dem Absturz zu retten. Oder mein Gegenvorschlag: Eine in Betrieben und Nachbarschaften verankerte antikapitalistische Bewegung aufzubauen.
Anmerkungen & Quellen
1 Die SZ kann als verlängertes Sprachrohr des rechten Flügels der US-Demokraten (Bill & Hillary Clinton, Joe Biden) gelten; sie hat einen Draht zum DGB und zur Sozialdemokratie.
2 Alexander Hagelüken: Gewerkschaften – Kommt die große Zeit der Tarifverträge zurück?, SZ, 9.4.2024, https://archive.ph/6Vqmd
3 Jan Niklas Engels, Annika Arnold und Catrina Schläger: Wie viel Klasse steckt in der Mitte? Erwerbsklassen und ihr Blick auf Arbeit, Gesellschaft und Politik, FES diskurs, April 2024, https://library.fes.de/pdf-files/a-p-b/21171.pdf
4 Benedikt Peters: Die neue Arbeiterklasse, SZ 29.4.2024, https://archive.ph/VJGzs
5 Till Briegleb: Interview mit der Politologin Chantal Mouffe: „Wir brauchen einen linken Populismus“, SZ, 28.12.2016, https://archive.ph/DeMge
6 Thomas Steinfeld: Die Wiederkehr des Proletariats, SZ, 31.3.2017, https://archive.ph/dwq4i

Elmar ist Pressesprecher der aktion ./. arbeitsunrecht.. Als Sozialforscher und Campaigner unterstützt er Betriebsräte und Gewerkschafter gegen Union Busting. Elmar Wigand moderiert mit Jessica Reisner die Sendung arbeitsunrecht FM. Er arbeitet freiberuflich als Autor und Country Blues-Musiker. Für die Zeitung Graswurzelrevolution schreibt er die monatliche Kolumne „… so süß wie Maschinenöl“. Er hält Vorträge und berät Gewerkschaften, Betriebsräte und Betriebsratsgründer*innen.




