Kaum eine Nachricht hat mich in den letzten Wochen derart beeindruckt wie das Schelmenstück von Ardem K.

Immer wieder Rheinland-Pfalz. Was ist da los?1 Jetzt hat das Land den insolventen Flughafen Hahn an eine ominöse Holding verkauft, hinter der offenbar ein 15-jähriger Trickbetrüger steckt.2
Der Münchner Schüler Ardem K. schaffte es mit einer erfundenen Flugline namens Bavarian Airlines nicht nur rund eine halbe Million Euro an Investorengeldern an Land zu ziehen, in der BILD als Start-up-Hero gefeiert zu werden und bei RTL als neuer Konkurrent der Lufthansa aufzutreten, nein, er mietete stundenweise ein Büro im Düsseldorfer Stadttor und kaufte am Ende mit einer obskuren Swift Conjoy dem Insolvenzverwalter des Land Rheinland-Pfalz auch noch den ehemaligen Ryanair-Flughafen bei Frankfurt ab. Hahn ist seit 2016 pleite.3
Dass die bürgerlichen Ökonomen ihre eigene Wirtschaft nicht kennen dürfen, ist ein Satz der in dieser Kolumne vermutlich öfters zu lesen sein wird. Ich habe ihn bei Paul Mattick aufgeschnappt.4 Sie dürfen die Wirtschaft nicht verstehen, um ihr eigenes Seelenheil nicht zu gefährden, sonst würden sie verrückt werden oder desertieren.

Wenn es um Hochstapler und Trickbetrüger geht, tappt bespielsweise die Neue Zürcher Zeitung komplett im Dunklen. Dort schreibt Sarah Pines:
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„Hochstapler sind unbeliebt. Sie sind charakterlos, kriminell und kaum je Helden. Sie leben außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft, verachten deren Normen und Werte, sind meist bindungslos und ohne Kinder.“5
Völliger Bullshit. (Und was soll uns der groteske Hinweis auf die Kinderlosigkeit sagen?!)
Hochstapler sind sympathisch.
Genau deshalb taugen sie als Helden von Bestsellern und Kultfilmen. Als da wären „Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ von Thomas Mann, „Der talentierte Mr. Ripley“ von Patricia Highsmith und „Catch me if you can“ von Stephen Spielberg.6
Hochstapler sind keine Robin Hoods, also keine absoluten Sympathieträger, die nach moralischen Prinzipien handeln und für universelle Werte wie Gerechtigkeit kämpfen. Sie nehmen nicht den Reichen, um den Armen zu geben.7 Hochstapler sind nur relativ sympathisch. Sie bereichern sich selbst.
Sie sind Underdogs, die nach oben wollen, die das System austricksen, es mit eigenen Waffen schlagen und die den dummen, ignoranten Bonzen, Geldsäcken, Repräsentanten und Entscheidungsträgern einen Spiegel vorhalten. Diese stehen am Ende nackt da wie der Kaiser in Andersons Märchen, dessen Kleider nur Hirngespinste waren. Und das finden wir gut. Es befriedigt aus einer Schadenfreude, die vermutlich vom Wunsch nach an der Rache gespeist ist.
Anstatt über die Psyche der Hochstapler*innen zu spekulieren, sollten wir uns ganz andere Fragen stellen:
- Warum lassen sich Geldgeber so gern betrügen?
- Was ist an einem System womöglich schadhaft, das solche Kapriolen begünstigt?
- Ist Kapitalismus nicht prinzipiell Betrug?
- Ist die Marktwirtschaft womöglich nur ein Hirngespinst?
Stattdessen pathologisiert die bürgerliche Presse von Spiegel bis Welt die Figur des Hochstaplers.8
Dunkle Seite der Liberalisierung: Subventionsorgien übergeschnappter Provinzpolitiker
Im konkreten Fall lag der Wahnsinn ganz woanders: Nach der Liberalisierung des Flugverkehrs im Jahr 1992 wurde die EU mit hoch subventionierten Regionalflughäfen überzogen, die niemals profitabel sein konnten und jetzt als Bauruinen in der Landschaft stehen. Hahn, Paderborn, Ludwigshafen, Parchim. Überflüssig und pleite.
Nur zwei der 14 deutschen Regionalflughäfen gelten als überlebensfähig.9 Das sind keine Einzelfälle und Ausrutscher einer freien Marktwirtschaft, deren Gesetze ja angeblich selbstregulierend sein sollen. Eine ähnliche Struktur zeigt sich bei überdimensionierte Müllverbrennungsanlagen, Formel 1-Rennstrecken wie dem Nürburgring (Rheinland-Pfalz!) etc. Der Größenwahn provinzieller Zampanos, die öffentliche Hand als Selbstbedienungsladen. Verdacht auf Filz und Korruption.
Ardem K. wurde bei dem Versuch aus Deutschland zu fliehen, von der Bundespolizei mit falschen Papieren festgesetzt. Er dürfte nicht strafmündig sein und braucht sich bei seinem Talent um seine Zukunft vermutlich keine Sorgen zu machen.10 Die deutsch-russische Hochstaplerin Anna Sorokin, die die High Society von New York von 2013 bis 2017 um mehrere hunderttausend Dollar erleichterte, konnte die Rechte an ihren Erzählungen umgehend an Netflix verkaufen.
Bloß die 400 Angestellten des Flughafens Hahn, die um ihre berufliche Zukunft bangen, gucken in die Röhre. Als Lohnabhängige bleiben sie in der Berichterstattung stets Randfiguren. Wie leibeigene Bauern im Mittelalter sind sie lebendes Inventar (nach Marx „variables Kapital“) und werden ungefragt mit der Immobile verkauft an Pleitegeier, Möchtegerne, Schaumschläger, Aufschneider und Scharlatane.
Quellen, Anmerkungen & Hinweise
1 In der letzten Kolumne ging es um die Ahr-Katastrophe (Are you lonesome?). Der Tod von 135 Menschen durch die Ahr-Überflutung im Juli 2021 hätte verhindert werden können, wenn die zuständigen Behörden gewarnt hätten. Im benachbarten Belgien hat das geklappt. Nicht so in Rheinland-Pfalz, wo die zuständige Umweltministerin der Grünen, Anne Spiegel, direkt nach der Katastrophe erstmal in Urlaub fuhr. Heute sitzt sie im Bundestag.
2Bernd Kramer: Frankfurt-Hahn — Was ein Teenager mit dem geplatzten Flughafendeal zu tun haben könnte, SZ, 28.9.2023, https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/flughafen-hahn-bavarian-airlines-betrugsfall-15-jaehriger-1.6259926
3 Georg Räth, Sebastian Steinbach: Polizei greift Teenie-Gründer am Flughafen auf – die absurde Geschichte des Adem Karagöz, Gründerszene, 7.3.2023, https://www.businessinsider.de/gruenderszene/business/adem-karagoez-bavarian-airlines-15-jahre-alt/
4 Ist der Gedankengang ursprünglich von Marx oder Engels? Ich habe ca. zwei Stunden erfolglos recherchiert. Wer mir sagen kann, woher das Zitat im Original stammt, bekommt eine gute Flasche Rotwein von mir. (Gilt nur für die ersten drei Einsendungen.)
5 Sarah Pines: So, wie ich bin, seid ihr alle! – Hochstapler versprechen alles, was wir uns wünschen. Und wir lassen uns gern von ihnen betrügen, NZZ 20.5.2019, https://www.nzz.ch/feuilleton/hochstapler-sie-sagen-uns-was-wir-glauben-wollen-ld.1482261
6 Der Film basiert auf der wahren Geschichte des Hochstaplers und Scheckbetrügers Frank Abagnale. Mit dem Autoren Jeff Nathanson hat er an dem meisterhaften Hollywood-Drehbuch gerarbeitet.
7 Bei genauerer Betrachtung ist Robin Hood sogar das Gegenteil eines Hochstaplers. Ein Adliger, der sich mit den niedersten Ständen gemein macht, der in den Guerillakrieg zieht, um die Herrschaft zu stürzen oder zumindest in einem autonomen Gebiet zu leben, in dem völlige Gleichheit herrscht.
8 Das Manöver ist nah am Sündenbock-Prinzip gebaut. Am Immobilien-Crash von 2008 soll angeblich auch Bernie Madoff und die Lehmann-Bank Schuld gewesen sein, nicht die Stupids from Dusseldorf (WestLB, IKB etc.), die der Deutschen Bank bis zum Gehtnichtmehr Schrottimmobilien abgekauft haben.
9 Brigitte Scholtes: Wie viele Flughäfen braucht Deutschland?, Deutsche Welle, 21.10.2021, https://www.dw.com/de/wie-viele-flugh%C3%A4fen-braucht-deutschland/a-59579344
10 Sein türkischer Nachname wird von der Springerpresse übrigens voll ausgeschrieben, obwohl seine Privatsphäre als Minderjähriger m. E. besonders geschützt werden müsste. Die SZ kürzt ihn ab.

Elmar ist Pressesprecher der aktion ./. arbeitsunrecht.. Als Sozialforscher und Campaigner unterstützt er Betriebsräte und Gewerkschafter gegen Union Busting. Elmar Wigand moderiert mit Jessica Reisner die Sendung arbeitsunrecht FM. Er arbeitet freiberuflich als Autor und Country Blues-Musiker. Für die Zeitung Graswurzelrevolution schreibt er die monatliche Kolumne „… so süß wie Maschinenöl“. Er hält Vorträge und berät Gewerkschaften, Betriebsräte und Betriebsratsgründer*innen.




