Land der Pfuscher und Vertuscher. In diesem Land geht fast alles…

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…von Cannabis über Ökostrom bis Transgender, solange eine strategische Zone nicht berührt wird.

Eigentumsverhältnisse und die Produktionsweise müssen unangetastet bleiben. Demokratie endet de facto immer noch vor den Werktoren und an der Eigentumsfrage.

Eine Kolumne von Elmar Wigand:

Wenn ich über die deutsche Wirtschaft nachdenke — über ihre Mythen und Märchen von A wie Arbeitskräftemangel bis Z wie Zulieferkette — dann knoble ich öfters daran herum, einen treffenden Reim des Dichters Gustav Hochstetter fort zu schreiben.

Die Deutschen, „Das Volk der Dichter und Denker“, erkannte Hochstetter bereits 1914 als „Volk der Richter und Henker“. Erstaunlich ist: Er meinte das zu Beginn des 1. Weltkriegs nicht einmal kritisch oder zynisch. Das schrieb er als deutscher Hurra-Patriot. Die ersten Strophen seines kriegsbegeisterten, ja mordlüsternen Machwerks, lauten:


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Wir sind das Volk der Dichter und der Denker?
Wohl wahr! Doch auch ein andres Wort ist wahr:
Wir sind das Volk der tapfren Schlachtenlenker,
Der kühnsten, die das Weltall je gebar.

Wir sind das Volk der Denker und der Dichter?
Wir waren es. So lang uns Friede blieb.
Wir sind das Volk der Wächter, der Vernichter,
Das sich die Wege bahnt mit grimmem Hieb.

Kollektiver Größenwahn und narzisstische Persönlichkeitsstörung lautet die Ferndiagnose, Verdacht auf Borderline-Syndrom oder bipolare Veranlagung… Ich bin kein Psychologe. Der Reim, welcher die Zeit überdauert hat, kommt in der letzten der insgesamt sieben Strophen:

Wir sind das Volk der Dichter und der Denker;
Ja, Freunde, alles wo es hingehört:
Wir sind das Volk der Richter und der Henker
Für jeden Schurken, der den Frieden stört.

Die Dolchstoßlegende war 1914 noch etwas entfernt. Den Frieden störten offenbar Russland, Frankreich und England, die dem Deutschen Reich einen Platz an der Sonne verwehrten, sprich Kolonien, ein Weltreich… Die Richter und Henker wandten sich bald, in Ermangelung an Kriegsglück und Landgewinn dem inneren Feind zu. Dass die kühnsten Schlachtenlenker, die das Weltall je gebahr, nicht siegreich blieben, musste ja einen Grund haben. Wie der Dichter wohl 1918 nach Abnutzungskrieg und Hungerwinter, Novemberrevolution und Konterrevolution über seine ungewollt prophetischen Zeilen gedacht hat?

Die Geschichte wird noch erstaunlicher: Gustav Hochstetter hat diese seine Zeilen — Richter und der Henker für jeden Schurken, der den Frieden stört — selbst vermutlich am Bittersten zu schmecken bekommen.

Er wurde wegen seiner jüdischen Herkunft 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo er 1944 starb. Was er wohl kurz vor seinem Tod 1944, als halb Deutschland schon in Trümmern lag und seine Verwandten, so sie nicht geflohen waren in der tödlichen Falle saßen über sein beknacktes und doch treffend prophetisches Gedicht gedacht hat?

„Das deutsche Volk“ ist als Begriff seit 1933 nicht mehr zu gebrauchen, ich habe es ausgetauscht:

Reden wir vom Land der Dichter und Denker,
auch bekannt als Land der Richter und Henker,
Und nach 1945?
Land der Meuchler und Heuchler?
Schuldaufarbeiter, Wiederhochzurossreiter
Stolpersteinputzer und Russlandabnutzer
Unternehmerdynastien und Opferhierarchien
Wertschätzer und Achtsamkeitsschwätzer:innen
Land der Pfuscher und Vertuscher

Heucheln, Pfuschen und Vertuschen. Ich meine, dass in diesem Land fast alles geht, von Cannabis über Ökostrom bis Transgender, solange eine strategische Zone nicht berührt wird: Die Wirtschaft und der Privatbesitz. Eigentumsverhältnisse und die Produktionsweise müssen unangetastet bleiben. Demokratie endet de facto immer noch vor den Werktoren und an der Eigentumsfrage.

Die Zahlen sprechen für sich: In weniger als 7% der wahlberechtigten Betriebe (mit mehr als fünf dauerhaften Lohnabhängingen) existiert ein Betriebsrat. Betriebsratsbehinderung ist ein professionelles Gewerbe, das von einer hoch bezahlten Dienstleister-Industrie betrieben wird. Die Täter bleiben nicht nur straflos, sie entwickeln keinerlei Unrechtsbewusstsein, öffentliche Empörung bleibt weitgehend aus.

Wer sich als Beschäftigter zu laut über Union Busting und andere Ungerechtigkeiten seines Arbeitgebers beschwert – etwa in einer Kolumne der Zeitschrift oxi — dessen Vertrag wird vom Arbeitsgericht Berlin womöglich aufgelöst, weil eine gedeihliche Zusammenarbeit angeblich nicht mehr möglich sei.

So ist es mir mit der Union Busting-Kanhlei Pusch Wahlig und dem Lieferdienst Flink ergangen, für den ich mehrere Monate Supermarktware ausfuhr. Das Arbeitsgericht Berlin unter dem Vorsitzenden Richter Volker Morof löste meinen Vertrag auf, obwohl die Kammer alle Kündigungsversuche als haltlos ansah.

Weil ich über das schmutzige Treiben von Pusch Wahlig, der Flink-Jusitziarin Sarah Erne sowie des PR-Mannes Boris Radke angeblich zu scharf berichtet hatte. Weil ich Union Busting bei Flink als Union Busting bezeichnet habe und die Täter_innen namentlich benannt habe.

Allerdings gehe ich in Berufung: Die Verhandlung findet am 19. Dezember 2023 um 10:30 Uhr in Raum 341 vor dem Landesarbeitsgericht Berlin statt. Kann doch nicht wahr sein, dass sie damit durchkommen!


Diese Kolumne von Elmar Wigand ist im September 2023 in der letzten Ausgabe der alternativen Wirtschaftszeitschrift OXI erschienen sowie in der Sendung arbeitsunrecht FM #15-23.


Quelle


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