Frontberichte 01/14

Betriebsrat-Bashing + Arbeitsunrecht in Deutschland | Presseschau vom 01.01.-21.02.2014

VW/Chattanooga, Tennessee: Belegschaft stimmt dank Meinungsmache gegen Gewerkschaft + +  Hostel Amadeus/Berlin: Für Euch ist es Urlaub – für uns ist es Ausbeutung +  + Krankenhaus/ Geldern: Mitarbeiterdiszipinierung per Kündigung? + + IH Direkt (Ludwigsburg) /Tierfutter Deuerer (Bretten): Osteuropäische Arbeiter doppelt abgezockt + + Tönnies Fleischwerk (Rheda-Wiedenbrück): Werkverträge, „Fachkräftemangel“ und Rekord-Erlös

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Anti-Gewerkschaftspropaganda auf amerikanisch: „Detroit – präsentiert von der UAW“. Zu sehen ist ein seit Jahrzehnten verlassenes Fabrikgebäude. (Zum Vergrößern auf Bild klicken.)

Keine Gewerkschaft bei Volkswagen in Chattanooga

Die Beschäftigten im VW-Werk in Chattanooga, Bundesstaat Tennessee, haben sich mehrheitlich gegen eine Vertretung durch die Auto-Gewerkschaft UAW ausgesprochen. Am 21.02.2014 erschien auf den NachDenkSeiten ein ausführlicher Artikel unseres Autoren Elmar Wigand über Hintergründe:  rechten Think-Tanks, die die Entscheidung der VW-Belegschaft durch Meinungsmache, bis hin zur Gehirnwäsche, beinflusst haben. Auch mögliche Fehler und Schwächen der UAW werden thematisiert.

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Hostel Amadeus, Berlin: ehemalige Mitarbeiter gründen Intitiave gegen Ausbeutung


Auf destraströse Zustände und eine rassistische Personal- und Gästepolitik machte die  „Initiative gegen die Ausbeutung bei Amadeus Hostel“ auf einer Kundgebung am 15.02.2014 aufmerksam. Junge Menschen, die durch Interent-Anzeigen geworben werden, freuen sich zunächst über das Angebot, hier etwas Geld verdienen zu können und dazu noch freie Kost und Logie zu bekommen. Doch anstatt eines Arbeitsvertrages erwarten sie Akkordarbeit, ein Hungerlohn von 0,65 Euro pro Stunde und schimmlige Wände. Der Betreiber des Hostels machte sogar Strafzahlungen in Form von „Vertragsstrafen“ geltend, wenn Urlaub eingefordert wurde. Auch für Gäste hält das Hostel Amadeus unangenehme Überraschungen bereit. In der Presseerklärung der Initiative heißt es: „Ich wurde regelmäßig beauftragt, Schimmel in den Zimmern zu überpinseln. Viele Betten waren verdreckt und von Insekten befallen. Aufgrund unbezahlter Rechnungen waren viele Schädlingsbekämpfungsfirmen nicht mehr bereit für das Hostel zu arbeiten.

Das Neue Deutschland schreibt außerdem:

So berichten mehrere ehemalige Angestellte, dass sie wiederholt Anweisung vom Manager bekamen, Menschen aus Rumänien, Bulgarien und Israel keine Zimmer zur Verfügung zu stellen. Auch Jobangebote galten für Bürger dieser Staaten offenbar nicht.

Die Seite des Hostels Amadeus ist zur Zeit abgeschaltet. Vernichtende Bewertungen finden sich z.B. bei Tripadvisor

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Krankenhaus Geldern:Kündigung als Disziplinierungsmaßnahme der Mitarbeitervertretung?

Nach der scheinbar sofortigen Freistellung des Krankenhaus-Direktors Rainer Borsch wird am 30.01.14 auf rp-online der Verdacht formuliert, dass es sich hierbei um eine Disziplinierungsmaßnahme der Mitarbeitervertretung handelt, die den Verkauf des Geldener Krankenhauses durch ihr Veto verhindert hatte. Dieses Recht war dem Gremium als Gegenleistung für einen Gehaltsverzicht eingeräumt worden. Träger des Geldener Krankenhauses ist die CCT (Casanus Trägergesellschaft Trier mbH). Die CCT ist als Unternehmen der Hildegard Stiftung ein kirchlicher Gesundheitsträger der 42 Einrichtungen unterhält und rund 5.000 Beschäftigte hat. Die Mitarbeitervertretung hatte ein Veto gegen den Verkauf eingelegt, weil sie mit dem Verkauf die Schließung einiger Abteilungen befürchtete.

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IH Direkt (Ludwigsburg) /Deuerer (Bretten): Osteuropäische Arbeiter doppelt abgezockt

Die Stuttgarter Wochenzeitung Kontext deckte am 5. Februar 2014 massive Ausbeutung von osteuropäischen Arbeitern durch eine Vermittlungsfirma in Schwaben auf („Früher hieß das hier Sklaverei„).

Demnach liefert die Ludwigsburger Firma IH Direkt Arbeiter_innen u.a. an den Tiernahrungshersteller Deuerer in Bretten. Dabei werden die Arbeiter_innen offenbar auf verschiedenste Weise um ihren Lohn betrogen, wie Lisa Rohkar schreibt. 325 Euro zahlt eine Arbeiterin, laut Artikel, für ein heruntergekommenes Zimmer, in dem noch drei weiteren Personen schlafen. „Aber meine Chefin sagte, wenn ich die Wohnung kündige, dann kündige ich auch meinen Arbeitsvertrag.“

Hier ist eine neue Methode zur Umgehung von Mindestlöhnen erkennbar: Den Arbeiter_innen wird das offiziell gezahlte Geld hintenrum wieder aus der Tasche gezogen. Außerdem scheint ein Regiment der Kontrolle und Einschüchterung zu bestehen, um die Arbeiter_innen gefügig zu machen:

„Die Firma hat unter unseren Landsmännern Spitzel […] Wer abends verbotenerweise am Fenster eine Zigarette raucht, bekommt am nächsten Tag eine Strafe von zehn Euro vom Lohn abgezogen. […] Immer mehr Menschen für immer weniger Geld, nur darum geht es. Früher nannte man das Sklaverei.

Der Geschäftsführer von IH Dirkekt, Michael Schäfer, gibt sich gegenüber der Presse ahnungslos von der doppelten Abzocke durch miese Arbeit und miserable Unterbringung zu überteuerten Preisen. Der Firma scheint es damit blendend zu gehen: „Wir haben unsere Ressourcen noch lange nicht ausgeschöpft und sind stark am expandieren – sowohl in unserem Verbreitungsgebiet als auch in unserem Leistungsspektrum“, heißt es selbstbewusst auf der Unternehmens-Website.

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Arbeit in den Schlachthöfen von Chicago, 1906

Tönnies Fleischwerk (Rheda-Wiedenbrück): Werkverträge, „Fachkräftemangel“ und Rekord-Erlös von 5,6 Mrd.

Bei der aktion ./. arbeitsunrecht gibt es Überlegungen eine eigene Bundesliga-Tabelle zum Thema Ausbeutung und Abzocke zu erstellen. Chancen auf einen vordersten Platz hätte Schalke 04, deren Hauptsponsorin Susanne Veltins uns erst vor Kurzem wegen jahrelangem Lohnraub in ihrer Pils-Brauerei beschäftigte (siehe Beitrag vom 26. 01. 2014). Jetzt drängte der Fleischmogul  und Schalke-Boss Clemens Tönnies wieder einmal in den Fokus, weil der die Ausbeutung von Arbeitern durch Werkverträge in seinen Fleischfabriken gegen Proteste verteidigte. Der Kölner Stadt-Anzeiger schreibt am 7.2. 2014:

In Deutschland seien nicht genügend Schlachter zu bekommen, sagte der Geschäftsführer der Unternehmensgruppe Tönnies Lebensmittel, Clemens Tönnies, am Donnerstagabend vor Journalisten in Düsseldorf. Wenn Werkverträge mit ausländischen Arbeitern hier verteufelt würden, müssten die Schlachtbetriebe ins Ausland verlagert werden.

Wer immer noch an den  „Fachkräftemangel in Deutschland“ glaubt, der glaubt vermutlich auch an das „Jobwunder Deutschland“. Im Web-Portal nachdenkseiten.de ist nachzulesen, dass es sich bei der Rede vom Fachkräftemangel vor allem um eine Konstruktion des Kampagnen-Journalismus  handelt. Hinter dem sog. Fachkräftemangel steckt der mangelnde Wille deutscher Unternehmer, für qualifizierte und harte Arbeit ordentlichen Lohn zu zahlen. Stattdessen sollen osteuropäische Fachkräfte in möglichst unbegrenztem Maße zwecks Lohndumping durch deutsche Knochenmühlen à la Tönnies geschleust werden. (Siehe unser Hintergrund-Artikel Lohnsklaven im Schlachthofdschungel).

Am 19. Februar 2014 vermeldete der Kölner Stadt-Anzeiger dann Rekord-Umsätze beim größten deutschen Fleischunternehmen: Die Erlöse der Unternehmensgruppe Tönnies kletterten im Jahr 2013 von 5 auf rund 5,6 Milliarden Euro.

Was für ein Billiglohn-Paradies Deutschland inzwischen geworden ist, sieht man daran, dass 50% des Tönnies-Fleisches exportiert werden, während zwei Drittel der Belegschaft, die sich am Tönnies-Stammwerk in Rheda-Wiedenbrück verdingen, „Werksvertragler“ sind, die etwa aus Rumänien, Polen oder Griechenland stammen, wie die WAZ schreibt. Insgesamt sind in der Schlachtfabrik 3.500 Werkvertrags-Arbeiter_innen eingestellt.

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