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Gestrandet in Lissabon: Call-Center werben mit Wohnung. Von Obdachlosigkeit und Zwangsarbeit.

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Das moderne Shanghaien heißt Recruiting.

Grafik "so süß wie maschinenöl" von Roy Brick
„so süß wie maschinenöl… arbeit, ökonomie und alltag“ ist eine Kolumne von von Elmar Wigand für arbeitsunrecht FM und die Graswurzelrevolution Nr. 485, Januar 2024.  (Grafik: Roy Brick)

Was früher die Hafenkneipen und Bordelle von Hamburg, London oder Portland waren, in denen Seeleute shanghait wurden, sind heute facebook und instagram.

Bevor wir über Recruiting reden, also über Praktiken reden, Personal anzuwerben oder mit halbseidenen oder kriminellen Methoden in die Falle zu locken, noch ein paar Bemerkungen zur Sprache – zum „Wording“. Generell ist Vorsicht geboten, wenn ohne Not englische Worte verwendet werden, obwohl ein naheliegender deutscher Begriff zur Hand ist.

Recruiting bedeutet nichts anderes als Rekrutierung.

Elmar Wigand ist Pressesprecher der aktion ./. arbeitsunrecht. Der Verein unterstützt aktive Betriebsräte, konfliktbereite Gewerkschafter*innen und solche, die es werden wollen. (Mehr über uns).

Der Begriff ist militärisch und klingt auf Deutsch nach Wagner-Regiment oder Afghanistan-Einsatz, also eher unschön. Wie wäre es mit Heuern (klingt nach Feuern…), Anwerben oder Personalbeschaffung?

Das Wort Shanghaien wird übrigens mit „pressen“ übersetzt. Also Kneipengäste so betrunken zu machen, dass sie wehrlos sind und am nächsten Morgen auf einem Pott mit Kurs auf Shanghai aufwachen. Das klingt brutal, war historisch aber noch eine der harmloseren Formen des Recruiting. Bewaffnete Pressgangs durchstreiften im 18. und 19. Jahrhundert regelmäßig die Hafenviertel und besorgten sich Nachschub an menschlicher Arbeitskraft.


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Zwangsrekrutierung durch die britische Royal Navy war sogar gesetzlich legitimiert. Ab 1597 konnten umherziehende Matrosen, Bettler, Wahrsager und andere fahrende Leute zum „lebenslangen Dienst in den Galeeren dieses Reichs“ gezwungen werden.1

Wohnungsnot und Zwangsarbeit

Interessant ist die Verbindung zur Obdachlosigkeit, also zur Wohungsnot – nichts anderes steckt ja hinter der staatlichen Jagd auf Vagabunden und Landstreicher.

Ich wäre Anfang Dezember 2023 um ein Haar in einem 12qm-Zimmer am Stadtrand von Lissabon gelandet. Und hätte als Call-Center-Sklave für Adobe einen Kundendienst simuliert. Teils im Spaß, teils aus Abenteuerlust, teils weil ich das Thema recherchieren wollte und halb weil ich den Berlin-Blues hatte, antwortete ich auf eine Recruiter-Nachricht, die mir ein Unternehmen namens Teleperformance Portugal ungefragt über Instagram schickte.

Hatte Mark Zuckerbergs perfides Überwachungssystem tatsächlich darauf reagiert, dass ich über Facebook eine Wohnung suchte? Ich musste nur meine Telefonnummer angeben, bald rief mich die Recruiterin Susanna aus Portugal an. Sie bot mir ein kostenloses Zimmer, eine Stunde vom Zentrum Lissabons entfernt, 1.200,- Euro brutto, kostenlose Krankenversicherung – was sie herausstellte, als sei es eine dolle Sache.2 Das Flugticket würden sie mir auch schicken, in einem Monat gehe es los.

Horrorjob als Call-Center-Sklave. Recruiter nutzen Zwangslage aus

Stell Dir vor, Du bist arbeitslos, verlierst Deine Wohnung und findest keine neue. In Berlin gibt es schätzungsweise 50.000 Wohnungslose, bis zu 10.000 leben als Obdachlose auf der Straße. Da wäre ein Zimmer und ein Call Center-Job in Portugal etwas, das manche kaum ausschlagen können. Teleperformance Portugal hat nach eigenen Angaben genauso viele Beschäftigte wie Berlin Obdachlose.

Da mich die Schattenseiten der deutschen Arbeitswelt beruflich beschäftigen, wusste ich, dass Recruiter Rumänen und Bulgar*innen an die Fließbänder von Tönnies und anderen Knochenmühlen locken, Inder für Wolt und Ungarn für Flink anheuern. Meinen Kumpel Victor hatte man aus Ungarn weg gelockt mit dem Versprechen einer Wohnung in München. Er bekam sie nie zu Gesicht…

Dass ich als deutscher Text-Facharbeiter aber selbst in die Fänge von Recruitern geraten könnte, zeigt wie dysfunktional das System bereits geworden ist. Längst ist der so genannte Fachkräftemangel auch durch die Wohnungsnot hervor gerufen. Seit 2020 gibt es einen Trend, Beschäftigten Werkswohnungen anzubieten. Und sei es an einem Autobahnzubringer am Rand von Lissabon. Das bedeutet extreme Abhängigkeit und heißt im Ernstfall: Wenn Du einen Betriebsrat gründen willst, wirst Du nicht nur arbeitslos, sondern auch obdachlos.

Die malerische Algarve ist woanders: Home-Office am Autobahnzubringer

Vor Teleperfomance Portugal warnen Beschäftigte dann auch sehr eindringlich, was folgende Zitate belegen:

„Seit dem Outsourcing der Payroll hat noch keine einzige Abrechnung gestimmt, was bei Mindestlohn mit ein paar Krümeln an Zuschlägen eher peinlich ist.“

„Kollegenzusammenhalt: Trauma bonding vom Feinsten.“

„Sollten Frauen vor ihrer Entfristung schwanger werden, können sie sich in der Regel einen anderen Arbeitgeber suchen“3

„Es gibt viele unzufriedene Mitarbeiter, keiner sagt was, jeder hat Angst um seinen Job. Wenn die Menschen wüssten, dass Sie das in der Hand haben, dann würde sich das ganz schnell ändern. Aber die Menschen sind so was von indoktriniert und voller Angst. Schade drum.“4

Gut, dass ich in Berlin geblieben bin.

An meine Beinahe-Kollegen in Lissabon ein solidarischer Gruß: Meldet euch mal! Wir würden gern mehr erfahren.


Anmerkungen & Quellen

2 Was für die USA durchaus zutrifft, weil dort eine Krankenversicherung quasi als Vorstufe zum Kommunismus gilt. Aber Portugal ist immer noch Europa.


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