Kapital, Mafia und der tiefe Staat. Nachtrag zu Berlusconis Tod

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Die Art und Weise wie der Tod des italienischen Oligarchen und Mafia-Zöglings in deutschen Medien verarbeitet wurde ist erschreckend und verheißt nichts Gutes.

Silvio Berlusconi 1994. Ein neuer Typus national-chauvinistischer Demagogen und schamloser Lügner betritt die ganz große Bühne.(Quelle: Wikipedia)

Der ehemalige italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi ist am 12. Juni 2023 gestorben und mit größtmöglichem Pomp beerdigt worden. Wenn ihr diesen Text zu hört, dann ist seine Leiche schon halb vermodert. Da es im Jenseits keine Hölle mehr gibt, die irdische Grausamkeiten übertreffen könnte, wäre die größte Strafe für einen Gernegroß wie Berlusconi wahrscheinlich, ihn einfach zu vergessen. Das werde ich ab morgen versuchen, aber vorher will ich noch ein paar Dinge über den Mann anmerken, der viermal italienischer Regierungschef war. Und darüber wie sein Tod in Deutschland verarbeitet wurde. Anders als die britische Premierministerin Margaret Thatcher (1979-90) oder der US-Präsident Ronald Reagan (1981-89), die beide am Ende dement wurden, gab der leukämiekranke Berlusconi noch auf dem Sterbebett Videobotschaften für seine Ein-Mann-Partei Forza Italia ab. Damit ist es jetzt vorbei.

Er vermodert nun also. Das ist vielleicht das Beste an der Nachricht, dass ein 86-Jähriger gestorben ist. Denn nicht allzu ferner Zukunft werden Typen wie Berlusconi womöglich ewig leben. Die gruseligen Künste der plastischen Chirurgie hat il caimano, das Krokodil, wie er auch genannt wurde, bereits intensiv genutzt. Berlusconi sah am Ende aus wie seine eigene Wachsfigur. Irgendwann werden diese Leute 150 Jahre alt, weil sie ihre eigenen Organe klonen und ersetzen lassen können. Oder Figuren wie Elon Musk laden sich in die Cloud hoch und sprechen als 3-D-Projektionen und Avatare in einem tausendjährigen Metaversum zur Masse.

Am Ende sah er aus wie seine eigene Wachsfigur. Berlusconi 2018. (Quelle: wikicommons)

Googles Chef-Futurist Ray Kurzweil gab in einem Interview im Playboy aus dem Jahr 2016 zu Protokoll, die Phase der Unsterblichkeit beginne ab 2029. Dann würde das Leben ständig länger. Ab 2045 rechne er mit der Unsterblichkeit Einzelner.1 Man nennt das Singularität. Vermutlich hat sich der Google-Guru verrechnet. Bis 2029 sind es nur noch sechs Jahre, doch derzeit metzeln sie sich in der Ukraine mit Artillerie, Maschinengewehren und Panzern in Stellungsgefechten nieder, als hätte es nie eine Zukunft gegeben. Darin besteht das Paradoxon: Die Unsterblichkeit wird nur für die Halbgötter des Silicon Valley und ihnen angegliederte Eliten reserviert sein. Der Pöbel darf weiter verrecken wie eh und je.

Vermodert und verrottet ist auch die politische Kultur in Italien. Und die deutschen Reaktionen auf Berlusconis Tod lassen für die Zukunft nichts Gutes erwarten. Hat irgendjemand in Nachrufen in deutschen „Qualitätsmedien“ irgendetwas davon gelesen, dass Silvio Berlusconi aufs Engste mit der sizilianischen Mafia verbunden war? Dass er zu einer Putschisten-Gruppe namens P2 gehörte?


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Ist irgendwo die Bezeichnung „Oligarch“ für Silvio Berlusconi zu lesen gewesen? Nichts anderes ist ja wohl jemand, der Medien, Immobilien, Finanzen, Fußball und Politik gleichermaßen beherrscht. Eine solche Machtzusammenballung hat mit Demokratie nichts mehr zu tun. Das sind keine Interessenkonflikte mehr, das ist krimineller Monopolkapitalismus.

Quittung für Berlusconis Eintritt in die Putschisten-Loge Propaganda Due (P2)
Quittung für Berlusconis Eintritt in die Putschisten-Loge Propaganda Due (P2) (Quelle: Wikicommons)

Die Frankfurter Allgemeine schaffte es immerhin, die Namen der ermordeten Richter Falcone und Borsellino in einem Artikel über Berlusconi unter zu bringen, allerdings ohne einen engeren Zusammenhang herzustellen. Die FAZ kritisierte lediglich, dass das italienische Parlament zwei Tage Staatstrauer anlässlich Berlusconis Beerdigung verordnete. Als hingegen die mutigen Richter und Mafia-Jäger Giovanni Falcone und Paolo Borsellino 1992 ermordet wurden, habe Italien ebensowenig still gestanden wie nach der Ermordung Aldo Moros durch die Roten Brigaden im Jahr 1978.

Berlusconi war Mitglied der terroristischen Putschisten-Loge Propaganda Due (P2), die 1981 aufflog. Sein Aufstieg zum Medienmogul und Regierungschef wurde von der P2 unterstützt, ist in der NZZ zu lesen.2 Er wurde mit der Mitgliedsnummer 1816 geführt.3 Silvio Berlusconi bestritt die Mitgliedschaft und wurde wegen Meineides verurteilt, da ihm dieser nachgewiesen wurde.

Berlusconis politischer Spannmann war Marcello Dell’Utri. Sie kannten sich seit 1961 von der Mailänder Uni. Dell’Utri wurde 2010 zu sieben Jahren Haft verurteilt und hat nach Auffassung der Justiz als Mittelsmann zwischen der Cosa Nostra und Berlusconi gedient.4 Dass er 2021 letztendlich frei gesprochen wurde, muss nicht heißen, dass er unschuldig ist. Bereits in den 1970er-Jahren traf sich Berlusconi in Mailand mit dem sizilianischen Cosa-Nostra-Boss Stefano Bontade. Die Autorin Clare Longrigg berichtet, dass Bontade Berlusconi duzte, während Berlusconi den „Paten der Paten“ als Ranghöheren siezen musste.5 Vittorio Mangano, ein mehrfacher Mörder mit guten Verbindungen zur sizilianischen Mafia, war Berlusconis „Stallknecht“ – soll wohl heißen: sein Mann fürs Grobe.6

Was sagt es nun über Zeitungen wie die FAZ, die Süddeutsche und andere Stimmen des konservativen bis liberalen Bürgertums aus, dass diese frei zugänglichen Informationen dort nicht mehr verarbeitet werden?7 Es sagt aus, was alle Leugner, Vertuscher und Heuchler insgeheim wohl denken: Wir finden es eigentlich gut. Solange die Fassade stimmt, ist ein bisschen Faschismus gar nicht so schlimm. (Und solange dieser unschöne Antisemitismus bitte nicht wieder kommt!) Oder aber: Wir haben Angst, aus der Reihe zu springen und unsere Karriere zu ruinieren. Diesen Angsthasen und Karrieristen sei hier zum Ende ein Zitat von Paolo Borsellino gewidmet, der wusste, dass seine Tage gezählt waren:8

„Es ist schön, für das zu sterben, woran man glaubt; wer Angst hat, stirbt jeden Tag, wer keine Angst hat, stirbt nur einmal.“

Porträt der Richter und Mafia-Jäger Giovanni Falcone und Paolo Borsellino. (Autor: Giuseppe Nigro, Wikicommons)

Diese Kolumne von Elmar Wigand ist im Juli 2023 in der alternativen Wirtschaftszeitschrift OXI erschienen sowie in der Sendung arbeitsunrecht FM #13-23.


Quellen / Fußnoten

1 Brandt Ranj, Herbert Bauernebel: Googles Chef-Futurist Ray Kurzweil glaubt: Ab 2029 können wir ewig leben, Business Insider, 21.4.2016, https://www.businessinsider.de/tech/ab-2029-koennen-wir-ewig-leben-2016-4/

2 Andrea Spalinger: Vor 40 Jahren flog in Italien die mysteriöse Geheimloge P2 auf – der Skandal wurde bis heute nicht richtig aufgearbeitet, NZZ, 16.6.2021, https://www.nzz.ch/international/geheimloge-p2-italiens-groesster-skandal-ist-nicht-aufgearbeitet-ld.1627297

4 Marcello dell’Utri: Berlusconi-Vertrauter wegen Mafia-Verbindungen verurteilt, Zeit, 26.3.2013, https://www.zeit.de/politik/ausland/2013-03/dell-utri-verurteilung-italien-berlusconi-mafia

7 Die treffendste Einschätzung kommt bezeichnender Weise von der Leserbriefschreiberin Doris Prato in der jungen Welt: https://www.jungewelt.de/artikel/452697.nachruf-der-tod-steht-ihm-gut.html

8 Paolo Borsellino Quatable Quote, goodreads, https://www.goodreads.com/quotes/588224-bello-morire-per-ci-in-cui-si-crede-chi abgerufen 20.6.2023.


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