Eurowings-Streik: Manager Duves Ultimatum — verschärfte Gangart oder Luftblase?

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Piloten-Streik lässt in den Herbstferien 2022 die Hälfte bis zwei Drittel aller Eurowings-Flüge ausfallen.

 Flughafen Stuttgart - Eurowings - Airbus A320-214, Foto: Radosław Drożdżewski, Quelle: Wikicommons.
Flughafen Stuttgart: Eurowings – Airbus A320-214, Foto: Radosław Drożdżewski, Quelle: Wikicommons.

Lufthansa droht mit Standortverlagerung + Stellenstreichung. Streikbruch durch Tochterfirmen + Sub-Unternehmer.

Ein Piloten-Streik sollte in einem traditionell streikarmen Land wie Deutschland alle Lohnabhängigen und Gewerkschafter*innen interessieren. Die Vereinigung Cockpit (VC) streikte vom 17. – 19. Oktober 2022 — zuvor gab es einen Streiktag am 6. Oktober, nachdem insgesamt 10 Verhandlungsrunden ergebnislos geblieben waren.1 Die zweite Welle des Eurowings-Streiks brachte ein Novum: Das Management stellte der Pilotengewerkschaft in einem Brief an alle 4.000 Eurowings-Beschäftigten ein Ultimatum bis Montag, 17. Oktober 2022 um 21:30 Uhr, den Streik abzublasen.2 Zwar sollen die VC-Gewerkschafter andernfalls nicht in Handschellen abgeführt und alle Streikenden gefeuert werden, wie seinerzeit im Jahr 1981 die US-Fluglotsen der Gewerkschaft Patco (AFL-CIO) unter US-Präsident Ronald Reagan, aber immerhin droht Eurowings-Finanzchef Kai Duve, der hier den harten Hund gibt, mit Rücknahme des eigenen Angebots und mit Schrumpfung der Eurowings Deutschland.

Die VC ließ das Ultimatum verstreichen und konnte die Quote der ausgefallenen Flüge bis zum dritten Streiktag sogar von 50% auf zwei Drittel steigern. 300 der eigentlich geplanten 450 Starts und Landungen in Düsseldorf, Köln/Bonn, Stuttgart, Hamburg und Berlin hätten nicht stattgefunden, sagte ein Eurowings-Sprecher in Köln. Das Management strich daraufhin, wie angedroht, das (angeblich) geplante Volumen, wie die FAZ berichtet: „Die für 2023 geplante Flottenstärke von 81 Flugzeugen werde zunächst um fünf verringert, teilte das Unternehmen am Dienstag mit. Der geplante Aufbau von mindestens 200 weiteren Stellen bei Eurowings Deutschland im Cockpit und in der Kabine werde mit sofortiger Wirkung gestoppt. Piloten, die derzeit in der Ausbildung sind, erhalten nur befristete Verträge. Da sich der Bedarf reduziere, würden zudem alle Beförderungen zum Kapitän gestoppt, teilte die Firma mit.“3

Interessant an dieser Union Busting-Strategie (Was ist das?) sind folgende Aspekte:


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Erstens werden Kabinenpersonal, Wartungskräfte, Auszubildende und andere, die an den Flugzeugen hängen, somit von Management in eine Art Geiselhaft genommen und mit Arbeitsplatzverlust bedroht. Dadurch soll der psychologische Druck auf die Streikenden erhöht werden: „Wegen euch müssen Unbeteiligte bluten!“, so die Botschaft. Das Manöver kann aber auch schief gehen und zu Trotz und Solidarisierung führen. Vor allem wenn es fadenscheinig wirkt.

Lufthansa versucht bei ihren Billigtöchtern offenbar von der Strategie der verbrannten Erde zu lernen, die der Marktführer Ryanair im Streikfall praktiziert. Ryanair-Standorte, die sich als Streikhochburgen entpuppten, wurden zur Strafe und als mahnendes Beispiel kurzerhand ausgedünnt oder ganz geschlossen, Flugzeuge verlagert, Piloten entweder entlassen oder mit erschwerten, schikanösen oder unzumutbaren Bedingungen konfrontiert.

Zweitens geht es bei den Streiks nun von beiden Seiten, um betriebswirtschaftliche Fragen, die eigentlich nicht oder nur indirekt Gegenstand von Streiks sind, da sie nach vorherrschender Rechtsauslegung nur schwer tarifierbar sind. Bereits im Streik bei der Konzernmutter Lufthansa am 1. September 2022 ging es der VC auch darum, Auslagerungen zu stoppen, also konkret um um eine so genannte Perspektivvereinbarung (PPV), die dem Lufthansa- und Lufthansa Cargo-Personal eine Mindest-Flottengröße garantiert. (Vom Kampf gegen Auslagerungen profitieren nebenbei auch alle anderen oben erwähnten Gewerke und Berufsgruppen, die in und an den betroffenen Flugzeugen arbeiten.)

Härtere Gangart

Es bleibt abzuwarten, ob es sich bei Duves Ultimatum um einen Testballon handelt, der hoffentlich zerplatzt. In jedem Fall stellt dieser ultimative Stil eine deutliche Verschärfung zumindest im Ton dar. Der Vorgang verdient weitere Beobachtung. Offenbar handelt es sich bei diesem Streik keineswegs um einen Selbstläufer, möglicherweise will das Lufthansa-Management bei Eurowings ein Exempel statuieren.

Tochter-Firmen als Streikbrecher

Die zentrale Union Busting-Waffe der Lufthansa sind hausinterne Billig-Töchter und Sub-Unternehmen. Zwar konnte die VC am besagten Montag mit 240 von 488 Flügen knapp die Hälfte zu Boden bringen; man kann es auch umgekehrt sehen: Lufthansa konnte über 50% mit Hilfe von hausinternen Streikbrechern abheben lassen. Konkret durch die österreichische Tochter Eurowings Europe und Eurowings Discover, die von Frankfurt und München aus operiert. Sie fliegen „unter Vollast“, wie das Manager-Magazin schreibt: „Außerdem setze die Lufthansa-Tochter Flugzeuge von Partnergesellschaften ein, die auch sonst einen Teil der Flüge durchführen.“4

Seit Jahren pflegt der Lufthansa-Konzern ein wucherndes Dickicht aus Konzern-Töchtern und -Cousinen im In- und Ausland, dessen betriebswirtschaftlicher Haupt-Nutzen in Zersplitterung der Tarife und Sabotage der gewerkschaftlichen Organisierbarkeit liegt.5

Warum ist ein Pilotenstreik wichtig?

Die Piloten stellen neben den Bahnarbeiter*innen der GDL Vorreiter der Gewerkschaftsbewegung und Seismografen der Streikbereitschaft dar. Sie scheinen vorbildlich organisiert — besonders im Vergleich zu konkurrierenden Riesengewerkschaften; ihre Apparate wirken schlank, basisnah und effizient; sie wissen noch, wo der Hammer hängt und trainieren ihre Konfliktfähigkeit regelmäßig durch Ausübung ihres im Grundgesetz (Artikel 9)6 verankerten Rechts auf Koalitionsfreiheit. Sie machen, wofür Gewerkschaften eigentlich da sind: streiken.

Frohe Botschaft am Rande: Corona ist vorbei… vorerst?

Dass die Piloten wieder zuschlagen, zeigt nebenbei auch, dass die Corona-Krise vorbei ist. Stichtag war der 1. September 2022. Damals war die Lufthansa der Gegner. Der Zeitpunkt war gut gewählt, da der Bund seine verbleibenden Luftanhansa-Aktien restlos und mit üppigem Gewinn abstoßen wollte. Ein längerer Konflikt hätte den Kurs nach unten befördert. So konnte die oberste deutsche Schuldenmanagerin, Jutta Doenges, als Chefin der Finanzagentur nach der Lufthansa-Rettung sogar 760 Millionen Euro Gewinn vermelden. Der von ihr geleitete Wirtschaftsstabiliserungsfonds hatte 2020 für 306 Millionen die katastrophal abgerutschten LH-Aktien gekauft, um den Konzern liquide zu halten. Nachdem die Aktien bei einsetzender Normalisierung des Betriebs wieder stiegen, konnten sie für insgesamt 1,1, Mrd. abgestoßen werden.7

Public Relations als Waffe der psychologischen Kriegsführung

Auch im nun folgenden Streik bei der Lufthansa-Tochter Eurowings ist der Zeitpunkt strategisch gewählt: die Herbstferien verschiedener Bundesländer. Ein Statement des GDL-Chefs Claus Weselsky aus vergangenen Streiks dürfte von den meisten Piloten geteilt werden: „Sollen wir etwa streiken, wenn es keiner merkt? Das macht keinen Sinn!“

Die Kommentare und Reaktionen auf den Eurowings-Streik im Oktober 2022 lassen aufhorchen. Die übliche Union Busting-PR der Alpha-Journalisten in überregionalen Tageszeitungen und öffentlich-rechtlichen Redaktionen unterbleibt bislang weitgehend. Ein Grund könnte sein, dass Billig-Touristen, also die vermeintlichen „Opfer“ gewerkschaftlicher „Geiselnahme“ durch „Besitzstandswahrer und Egoisten“ — so das übliche Gezeter und Wehklagen zu anderen Zeiten — angesichts von Klima-Wandel und kollektivem Engergie-Sparen für den bevorstehenden Kriegswinter keine besondere Lobby mehr haben.

Auch Eurowings-Piloten streiken für Entlastung

Mit ihrer Streikforderung haben die Piloten außerdem einiges richtig gemacht: Es geht nicht um mehr Geld, sondern um Entlastung. Ein Ziel also, dem sich sehr viele Lohnabhängige anschließen können, denken wir nur an Kranken- und Altenpfleger*innen. Insgesamt ist in der deutschen Arbeitswelt ein Trend zur systematischen Überlastung der Lohnabhängigen durch personelle Unterbesetzung aber auch durch zunehmende Bullshit-Aufgaben zu beobachten.

Was die gesetzlich erlaubten Höchst-Arbeitszeiten angeht, so war der Flugverkehr ursprünglich sogar das Maß der Dinge. Ein Transatlantikflug nach New York dauerte früher 10 Stunden und so setze der Gesetzgeber genau an dieser Marke die gesetzlich vorgeschriebene maximale Arbeitszeit fest, also aus praktischem Nutzen, nicht aus arbeitsmedizinischen Gründen. In Notfällen kann die Arbeitszeit auf 12 Stunden erhöht werden; alles über 14 Stunden ist kriminell.

Schon seit Jahren wird dieser angebliche Notfall besonders von Billig-Linien gezielt und flächendeckend herbei geführt, ja fest eingeplant. Um diese Problematik dreht sich der aktuelle Konflikt bei Eurowings. Der WDR schreibt: „Bisher sind maximal 55 Stunden in sieben Tagen erlaubt. Die Gewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) fordert maximal 50 Stunden, weil die Piloten zu oft bis an die bisherige Obergrenze verplant würden, so VC-Sprecher Matthias Baier: ‚Wenn sie die ganze Zeit am Limit operieren, ist das irgendwann zuviel.‘ Eurowings ist bereit, auf 52 Stunden runterzugehen.“8

Vergessen wir nie: hier geht es um die Flugsicherheit, also am Ende um sehr viele Menschenleben!

Solidarität ist sinnvoll

Wenn sich einfache Lohnabhängige — in ihrer Aggregatsform als Mallorca-Touristen — gegen streikende Piloten aufhetzen lassen, wäre das ein negatives Zeugnis für die allgemeine Moral der arbeitenden Bevölkerung. Davon kann zum Glück keine Rede sein. Solidaritätsstreiks wie in Frankreich, wo derzeit Raffineriearbeiter der CGT von Arbeitsniederlegungen in anderen Branchen (Busfahrer und Lokführer) unterstützt werden,9 sind in Deutschland aber auch nicht in Sicht.

Allein der Gedanke an Solidaritätsstreiks, bereitet dem Unternehmerlager bereits schlaflose Nächte. Deshalb sollten wir ihn ruhig öfters formulieren. Denn wenn selbst die Piloten nicht mehr durchkommen, dann wäre das ein ganz schlechtes Zeichen für das allgemeine Streikklima in Deutschland.


Elmar Wigand erforscht für die unabhängige Studie „Prekäre Piloten“ Arbeit, Kämpfe und Union Busting im Cockpit. >> mehr dazu | Der Beitrag ist in einer früheren und kürzeren Version als Kommentar in der Zeitung nd. Der Tag vom 19. Oktober 2022 erschienen.


Quellen / Anmerkungen

1 PM: Verhandlungen über Manteltarifvertrag gescheitert, Vereinigung Cockpit, 4.10.2022, https://www.vcockpit.de/presse/pressemitteilungen/detailansicht/news/verhandlungen-ueber-manteltarifvertrag-gescheitert.html

2 Jens Koenen: Piloten-Streik: Eurowings droht Piloten mit Verkleinerung des Flugbetriebs – Mutterkonzern Lufthansa erwartet Milliardengewinn, Handelsblatt, 17.10.2022, https://www.handelsblatt.com/unternehmen/handel-konsumgueter/piloten-streik-eurowings-droht-piloten-mit-verkleinerung-des-flugbetriebs-mutterkonzern-lufthansa-erwartet-milliardengewinn/28750876.html

3 Konsequenz aus Pilotenstreik : Eurowings legt Wachstumspläne auf Eis, FAZ, 18.10.2022, https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/wegen-pilotenstreik-eurowings-legt-wachstumsplaene-auf-eis-18395815.html

4 Piloten von Lufthansa-Tochter — Zweiter Eurowings-Streik läuft seit Mitternacht, Manager-Magazin, 17.10.2022, https://www.manager-magazin.de/unternehmen/lufthansa-zweiter-eurowings-streik-laeuft-seit-mitternacht-haelfte-der-fluege-faellt-aus-a-e1228b78-486b-42d3-9744-6df30e602907

5 Daneben mästet diese aufgeblähte Struktur sicherlich zahlreiche Manager, Unternehmensberater, Rechnungsprüfer:innen und andere Nieten in Nadelstreifen, die stets wie Möwen um die Fischerboote kreisen. Zudem dienen Standorte in diversen Ländern zur jeweils passenden Ausnutzung regulatorischer Lücken, Schlupflöcher und Sonderregeln was Steuern, Arbeitsrechte, Subventionen und Unternehmensgesetze angeht. Stichworte: Regulatorisches Rosinenpicken und Lobbyismus.

6 GG, Art. 9 (3): (3) Das Recht, zur Wahrung und Förderung der Arbeits- und Wirtschaftsbedingungen Vereinigungen zu bilden, ist für jedermann und für alle Berufe gewährleistet. Abreden, die dieses Recht einschränken oder zu behindern suchen, sind nichtig, hierauf gerichtete Maßnahmen sind rechtswidrig. Maßnahmen nach den Artikeln 12a, 35 Abs. 2 und 3, Artikel 87a Abs. 4 und Artikel 91 dürfen sich nicht gegen Arbeitskämpfe richten, die zur Wahrung und Förderung der Arbeits- und Wirtschaftsbedingungen von Vereinigungen im Sinne des Satzes 1 geführt werden. https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_9.html

7 Die FAZ feierte Doenges in einem großen Portrait als „harte Verhandlerin“. Hanno Mußler: Die oberste deutsche Banken- und Luftfahrtretterin geht, FAZ, 6.9.2022, https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/investmentbankerin-geht-leitung-vom-staatseinstieg-in-die-lufthansa-18294278-p2.html

8 Überlastung: Darum geht es beim Eurowings-Streik, WDR, 18.10.2022, https://www1.wdr.de/nachrichten/eurowings-piloten-streik-ueberlastung-arbeitszeiten-100.html


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1 Kommentar

  1. Ein sehr guter und fundierter Artikel von Elmar Wigand. Schon allein die Vorstellung, dass Piloten/innen, Krankenschwestern, Erzieherinnen, Bademeister gemeinsam, solidarisch für- und miteinander auf die Straße gehen und für Entlastung streiken, lässt das Herz des Proletariers höher schlagen.
    Dem überheblichen Management bei den Airlines, den Kliniken, Kitas und Bäderbetrieben, kalten (Angst) Schweiß auf die Stirn treiben und klarmachen, dass Leistungsträger dieser Gesellschaft keine Mehrwert-Generatoren und Konsummaschinen sind, sondern (soziale) Bedürfnisse haben und beanspruchen.
    Bis es soweit ist wird allerdings noch viel Wasser den Rhein und die Spree hinunterfließen.
    -Funktionäre in DGB Gewerkschaften müssen decodiert,von der sog.“Sozialpartnerschaftvorstellung“ befreit, oder aber von kampfbereiten Spartengewerkschaften, wie die GDL oder VC ersetzt werden.
    – Das deutsche Streikrecht muss im Sinne der Lohnabhängigen verändert werden(Stichwort: politischer Streik),
    – und wann wurden hierzulande eigentlich schon mal Raffinerien blockiert, gerade jetzt wo z.B.das PCK in Schwedt doch auf der Kippe steht.
    Da gilt in jedem Fall:“VonFrankreich lernen heißt streiken lernen“.

    A.Koletzki

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