BMW: Vom Pleitekandidaten zum Weltmarktführer

Von Zwangsarbeit zu Human Resources: Union Busting als bayrisches Erfolgsmodell.

Führerkult, umgekehrte Mitbestimmung und Unterwanderung der Gewerkschaftsorgane sicherten jahrzehntelang die Ausbeutung in der Produktion gegen Organisierungsversuche ab.

von Elmar Wigand

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BMW-Plakette auf dem Tank der R35, Baujahr 1939.

Wellen aus substanzlosen Abmahnungen und Kündigungen gehören in Deutschland zu den wichtigsten und am häufigsten anzutreffenden Waffen im Kampf gegen Betriebsräte und aktive Gewerkschafter. Obgleich diese Kündigungswellen dem leicht zu entschlüsselnden Zweck dienen, Einzelne zu zermürben und zumindest zeitweilig von der Belegschaft zu isolieren, werden sie von den meisten Arbeitsgerichten bis heute kleinteilig und penibel abgearbeitet.

So befassen sich hoch bezahlte Richter im Jahr 2012 mit lächerlichen Fragen wie: „Ist der Verzehr einer mit Schmand bestrichenen Brotkante durch einen Angestellten der Steakhaus-Kette Maredo Diebstahl?“ Bereits im Jahr 1987 musste die Frage geklärt werden „Darf ein Mann wie Peter Vollmer bei BMW am Fließband arbeiten, obwohl er eigentlich Millionen-Erbe ist?“. Vollmer hatte seine familiäre Herkunft aus reichem Hause beim Ausfüllen des Personalfragebogens 1979 verschwiegen; BMW fühlte sich acht Jahre später, als man durch Nachforschungen eines Detektivs dahinter kam, „arglistig getäuscht“, BILD bauschte den idiotischen Fall sogar zum Skandal auf. (1)

Juristisches Sperrfeuer: Kettenkündigungen

Motorräder vor BMW-Werk München, 1968 (Quelle für alle Fotos: wikicommons)

Motorräder vor BMW-Werk München, 1968 (Quelle für alle Fotos: wikicommons)

Insgesamt kamen bei BMW in Berlin 22 solcher und ähnlicher Kündigungen gegen Vollmer und seine unbeugsamen Betriebsratskollegen zusammen, die allesamt nur mühsam weg prozessiert werden konnten.

Der langjährige Betriebsratsvorsitzende und IG BCE-Gewerkschafter Helmut Schmitt beim Bodenbelagshersteller Nora systems (ehemals Freudenberg) in Weinheim bei Mannheim, war 2012 ebenso von unsubstantiierten Kündigungen bedroht wie derzeit Murat Günes aus Hamburg, der beim Plastikbecher-Prodzuenten Neupack arbeitet. Schmitt, Günes und Vollmer eint, dass sie eine konfliktbereite und aktivierende Gewerkschaftsstrategie in ihrem Betrieb umgesetzt haben, die Forderungen an die Unternehmensleitung stellte, die erkennbar weh taten, und schlimmer noch zu Streiks führte. Alle sahen sich mit langwierigen Gerichtsprozessen konfrontiert.

Diese Art von Union Busting ist in Deutschland heute flächendeckend und Branchen-übergreifend nachweisbar, aber bislang so gut wie unerforscht. Ebenso wird sie von Staatsanwaltschaften nicht verfolgt, sondern „mangels öffentlichen Interesses“ ignoriert oder als Kavaliersdelikt abgetan, obwohl die Behinderung von Betriebsräten laut §119 BetrVG eine Straftat ist. Beides erscheint rätselhaft angesichts der Brisanz des Phänomens. Vollkommen unerschlossen ist die professionelle Gewerkschaftsbekämpfung in Deutschland in ihrer historischen Dimension.

Ein Lehrstück aus den 80ern: Betriebsrat-Bashing im BMW Motorradwerk Berlin-Spandau

Eine Buchveröffentlichung aus dem letzten Jahr schließt hier eine wichtige Lücke: „Macht und Recht im Betrieb. Gewerkschaftliche Betriebsarbeit zwischen gekaufter Vernunft unbestechlichem Widerstand“ (Verlag Die Buchmacherei) dokumentiert Auseinandersetzungen zwischen einer Gruppe aus drei linken IG-Metall-Gewerkschaftern im BMW-Motorrad-Werk Berlin-Spandau und der BMW-Werksleitung, die sich von 1984 bis in die Wende Zeit erstreckten. (2) Als weitere Gegenspieler neben dem Berliner Werksleiter Hans Glas, Personalchef Martin Neulinger und der Leiterin der Münchner PR-Abteilung Helga Raddatz traten der BMW-Gesamtbetriebsrat (GBR) unter dem knallharten Sozialpartner Kurt Golda und – zumindest zeitweilig – die Berliner IG Metall auf. Bodo Zeuner spricht von einem „gelbem Betriebsrat“, „Unterwanderung der betrieblichen Gewerkschaftsorganisation durch den Unternehmer“ sowie „umgekehrter Mitbestimmung“. (3)

Das Buch enthält rückblickende Erzählungen der mittlerweile pensionierten Unbeugsamen linken Akkordarbeiter Rainer Knirsch und Peter Vollmer (der dritte im Bunde war Hans Köbrich), hinzu kommen Texte des Politikprofessors Bodo Zeuner, der damals in einem Solidaritätskomitee zur Unterstützung der drei mitwirkte. (4) Einen Großteil des Buches machen Nachdrucke von Broschüren und Dokumenten aus den Jahren 1984-87 aus, die auch deshalb so spannend zu lesen sind, weil Autoren wie Wolf-Dieter Narr, Bodo Zeuner und Hans-Herrman Hertle dem oben beschriebenen Phänomen und seinen zutiefst anti-demokratischen und menschenrechtsfeindlichen Wurzeln schon damals recht genau auf der Spur waren. (5) Doch die von ihnen entwickelten Ansätze, die feudalistische Struktur deutscher Betriebe als entscheidendes Demokratiedefizit und Bürgerrechtsproblem zu betrachten, landeten während der Umwälzungen der Wendejahre vorerst auf dem Komposthaufen der Geschichte. Das Buch macht klar: Das ganze Spiel geht nun schon seit mindestens 30 Jahren so. Und es ist frappierend festzustellen, dass die anhand von BMW beschriebenen Methoden sich beinahe haargenau im Jahr 2010 bei nora systems in Weinheim wiederholt haben. (6)

Deutsche Facharbeiter und die niederen Kasten: Von Zwangsarbeit zu Werkverträgen

Motoren-Motage, BMW-Werk München 1968

BMW-Werk München 1968

Die Bayrischen Motorenwerke können in mancherlei Hinsicht zu den Vorreitern des Union Busting in Deutschland zählen. Auffällig ist eine historische Tradition, unterhalb der Gruppe etablierter und anständig bezahlter Facharbeiter eine Kaste aus unterpriveligierten Niedriglöhnern schuften zu lassen. Und diese Facharbeiter ganz gezielt gegen die wesentlich stärker Ausgebeuteten in Stellung zu bringen. So betrug die Quote der damals noch so genannten „Gastarbeiter“ 1983 bei BMW 37,7%, während sie bundesweit in der Automobil-Industrie bei 20,7% lag. Auf Rang zwei kam Mercedes in Sindelfingen mit 29,1%. Im Berliner BMW-Werk waren bis zu 10.000 Überstunden im Monat üblich, was bei geregelten Arbeitszeiten 100 Neueinstellungen entsprochen hätte.  Unter denen, die darunter am meisten zu leiden hatten, den 700 Akkordarbeitern, die in der Mehrzahl Türken waren, wurden die drei Berliner Linken aktiv und betrieben, das, was man heute Organizing nennt.
Sie warben sensationell viele Mitglieder für die IG Metall und steigerten deren Organisierungsgrad in der 1.800 Leute starken Belegschaft bis zum Jahr 1983 auf 68,2%. Noch im Jahr 1979 waren nur  45% in der Gewerkschaft, was im bundesdeutschen Vergleich für die IG Metall eine blamabel niedrige Quote war. Aber selbst die Quote von 1983 lag noch 13 Prozentpunkte unter dem Durchschnitt der großen Autokonzerne in Deutschland. Einen Vertrauensleutekörper gab es im BMW-Motorradwerk ebensowenig wie einen funktionierenden Betriebsrat, im Sinne einer arbeitgeber-unabhängigen Interessensvertretung. 1981 konnten die drei mit ihrer Liste die Betriebsratswahl haushoch gewinnen.

An die Stelle der „Gastarbeiter“ sind heute Leiharbeiter und Werkvertragler getreten. Das 2005 eröffnete BMW-Werk Leipzig sorgte für Furore in der Fachwelt, weil dort laut Daniel Behruzi (junge Welt vom 22.1.2007) 1.000 der 3.4000 Beschäftigten Leiharbeiter waren. Rechnet man etwa 1.100 Beschäftigte externer Dienstleister auf dem Werksgelände hinzu, ergibt sich ein Anteil von 46% der Belegschaft, der von Gewerkschaften schwer zu organisieren ist und von gesicherten Arbeitsverhältnissen und Tarifverträgen nicht erreicht wird.

Die Industriellen-Familie Quandt, die den Pleite-Kandidaten BMW 1959 übernahm und mit einem patriarchal-feudalistischen Führungsstil zu heutiger Größe aufbaute, hatte im Nationalsozialismus u.a. Batterien für U-Boote und die Wunderwaffe V2 hergestellt. Schon hier war ein hoher Anteil von Zwangsarbeitern auffällig. So mussten ab 1940 französische Kriegsgefangene im Hagener Werk der Accumulatoren Fabrik Aktiengesellschaft (AFA) der Familie Quandt schuften, der Anteil von Zwangsarbeitern an der 5.800 Personen starken Belegschaft stieg bis 1944 auf 44%. Günter Quandt war schon 1937 zum Wehrwirtschaftsführer ernannt worden, das AFA-Hauptwerk in Hagen war die „Leitfertigungsstelle“ für weitere AFA-Werke in Hannover, Wien und Posen. Quandts Batterien kamen auch in Torpedos und Funkgeräten zum Einsatz.

Herbert Quandt – Weißer Ritter, weiser Lenker und gütiger Patriarch?

Von der DDR enteignet: Die Auslieferung der ersten Nachkriegs-Autos aus dem volkseigenen BMW-Werk in Eisenach, 1948.

BMW wurde in der sowjetisch besetzten Zone enteignet: Die Auslieferung der ersten Nachkriegs-Autos aus dem nunmehr „volkseigenen“ Werk in Eisenach, 1948.

Die Bayrischen Motorenwerke hatten nach dem 2. Weltkrieg große Probleme auf Friedensproduktion umzustellen. Sie hatten 75% der deutschen Flugzeugmotoren geliefert. Im Motorradbereich war man traditionell gut aufgestellt, unter anderem mit dem „Stalingrad-Krad“ für die Wehrmacht, aber das war nur einen Nischenmarkt, der allerdings bis heute wichtig für das Image und die öffentliche Wahrnehmung der Marke ist.

Eigentlich wollte die Deutsche Bank als Hauptkreditgeber von BMW den gesamten Laden 1959 an Daimler-Benz verscherbeln, doch auf der entscheidenden Aktionärsversammlung stemmten sich vor allem lokalpatriotische bayrische Mittelstandaktionäre und große Teile der Belegschaft in einer Art Zwergen-Aufstand gegen diesen Ausverkauf eines bayrischen Wahrzeichens. Die Legende besagt, dass Herbert Quandt davon so beeindruckt gewesen sei, dass er spontan beschloss, Teile der üppigen Kriegsgewinne, die er geerbt hatte, in die Sanierung und Neuausrichtung von BMW zu investieren. Vermutlich gehört diese Darstellung in den Bereich der Mythenbildung. In jedem Fall wurde hier eine Unternehmenskultur der freudigen Unterwerfung unter einen guten Betriebsführer, mehr noch einen Retter und weißen Ritter, bekräftigt.

Diese spezielle Art der Sozialpartnerschaft personifizierte über lange Jahre der GBR-Vorsitzende Kurt Golda, der auch in der bayrischen IG Metall seine Strippen zog. (7) Von einem selbstbewussten Gewerkschafter war er weit entfernt. Als Firmenpatriarch Herbert Quandt 1982 im Alter von 72 Jahren starb, verfasste Golda einen Nachruf, der an Auswüchse des Personenkults in autoritären Regimen erinnert: „Der unfassbaren Nachricht vom plötzlichen Tod von Herrn Dr. Quandt steht der GBR mit Bestürzung und Trauer gegenüber.“ In diesem Tenor geht es über zwei Seiten auf denen „eine der bedeutensten Persönlichkeiten der deutschen Wirtschaft“ und ihr „großes und schweres Erbe“ gepriesen, sowie „entstandene Lücke“ beklagt wird.

Union Busting nach Bayern-Art: Die Niederschlagung des IG Metall-Streiks im August 1954

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Fließbandarbeit im BMW-Werk München 1968

Zur Union Busting-Geschichte nicht nur von BMW, sondern der gesamten bayrischen Metallindustrie, gehört die massive Niederschlagung eines Streiks der IG-Metall, der vom 9. bis zum 31. August 1954 dauerte und bis dahin der längste Streik in der Geschichte der jungen Bundesrepublik war. Zugleich einer der erfolglosesten. Er brach zusammen, weil die Unternehmer einerseits auf die gestellten Forderungen nach Lohnerhöhungen eingingen, aber diese nicht in Form von Tarifen mit der Gewerkschaft sondern durch betriebliche Zusagen gewährten. So gelang es ihnen, zahlreiche Betriebe nach und nach aus der Streikfront zu lösen, bis der Streik schließlich zusammen brach.

Zweitens ging die bayrische Polizei brutal gegen Streikende und Streikposten vor. So setzte sie vor einem Werk von Siemens & Halske am 18. August vier Hundertschaften ein, um Streikbrechern die Weg frei zu prügeln. Die rund 1.000 Gewerkschafter wehren sich, es kam zu Steinwürfen und Verletzen auf beiden Seiten.

Drittens verschickte das Arbeitgeberlager während des Streiks zehntausende blaue Briefe, es folgte eine Entlassungswelle, die einer Säuberung der Betriebe von Gewerkschaftskadern gleich kam. Die Zeitschrift „Arbeiterstimme“ schrieb dazu in einem Rückblick aus dem Jahr 1995: „852 Metaller, darunter 60 Betriebsräte landeten auf der Straße und fanden aufgrund von schwarzen Listen keine Arbeit mehr. In 1.500 Prozessen mussten sich Streikposten wegen Landfriedensbruch, Körperverletzung und Beleidigung verantworten.“ Juristische Versuche, die Wiedereinstellung gerichtlich zu erstreiten, die u.a. vom Marburger Professor Wolfgang Abendroth angestrengt wurden, blieben erfolglos.

Doch schon ein halbes Jahr vor dem Streik hatte BMW zugeschlagen. Wolfgang Kraushaar vermerkt in seiner Protest-Chronik der Jahre 1949-1959: „Bei den BMW-Werken in München-Allach werden vierzig Arbeiter, darunter zwei Betriebsräte, mit der Begründung fristlos entlassen, dass dies im Interesse der Regierung der Vereinigten Staaten liegend für notwendig gehalten’ werde. Die Entlassungsaktion löst unter der viertausendsechshundert Beschäftigte zählenden Belegschaft große Beunruhigung aus. Etwa dreißig der Entlassenen, von denen einige seit mehr als zwanzig Jahren ohne Beanstandung bei BMW gearbeitet haben [also sogar die Nazi-Herrschaft überstanden hatten; Anm. E. Wigand], sind Mitglieder der IG Metall.“

In eben diesem Werk war auch der besagte Kurt Golda seit 1950 Betriebsratsmitglied. Es stellt sich die Frage nach seiner Rolle bei den Entlassungen. Insbesondere der von Kraushaar zitierte Verweis auf die amerikanische Besatzungsmacht lässt aufhorchen, wird aber nicht näher erläutert. Die Strategie der bayrischen Unternehmer, einer streikenden Gewerkschaft durch Erfüllung ihrer Forderungen den Wind aus den Segeln zu nehmen, die dann ohne die Gewerkschaft umgesetzt werden, ist aus den USA bekannt. Sie gilt bis heute als zentrale Union Busting-Methode des Technologiekonzerns General Electric (GE). Hier wären genauere Beziehungen zu erforschen.

Vom Pleite-Kanditaten zum Big Player

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Johanna Quandt, die dritte Ehefrau des BMW-Patriarchen Herbert Quandt im Jahr 2012. Sie hält laut wikipedia 16,7 % an BMW und zählt zu den reichsten Frauen Deutschlands. 2010 teilten sich die Nachkommen und Angehörigen der Quandts eine Dividende in Höhe von rund 365 Millionen Euro; im Jahr 2011 waren dies sogar 647 Millionen Euro. Damit brachte die Beteiligung an BMW der Familie allein in zwei Jahren mehr als eine Milliarde Euro ein.

BMW gelang das Kunststück von einem Pleite-Kandidaten und anti-kommunistischen Musterschüler der USA zum mittlerweile größten Auto-Exporteur der USA aufzusteigen – gemessen am Umsatz, nicht an Stückzahlen. Das Werk in Spartanburg, South Carolina ist heute die größte BMW-Fabrik der Welt und produziert mit nur 8.800 Angestellten 450.000 Autos im Jahr. Von denen werden 70% exportiert, was bedeutet, dass das Union Busting in den USA Produktionsstandorte in anderen Ländern unter Druck setzt und erpressbar macht. (8)

Das BMW-Werk in Spartanburg wurde 1992 eröffnet und war das erste Werk deutscher Automobilproduzenten in den USA, nachdem VW 1988 den zehn Jahre zuvor eröffneten Standort New Stanton bei Pittsburgh dicht machte. Während VW kläglich scheiterte, konnten die japanischen Produzenten Honda, Toyota und Nissan das Mutterland des Fließbands knacken. BMW kopierte ihr Erfolgsrezept, das auf eine eine Ansiedlung in den traditionell gewerkschaftsfeindlichen Südstaaten setzte, die industriell sowie in punkto Menschenrechte und Zivilgesellschaft unterentwickelt, dafür aber subventionsfreudig waren und bis heute sind.
Hinzu kam die Anwendung moderner Human Resources-Techniken bei der gründlichen Auswahl, Zusammenstellung und ständigen Durchleuchtung der Belegschaft. Vor allen galt es, möglichst keine jungen Menschen einzustellen, die aus dem Holz der linken Berliner Betriebskämpfer Knirsch, Vollmer und Köbrich geschnitzt waren.

Sowohl den erwähnten japanischen Autoproduzenten als auch BMW ist es in den Südstaaten der USA gelungen, bis heute gewerkschaftsfrei zu bleiben. Das rentiert sich nicht nur durch simples Lohndumping sondern auch durch ein Höchstmaß an unternehmerischer Verfügungsgewalt, mit der längere und flexible Arbeitszeiten durchgesetzt und neue Produktionsmodelle erprobt werden können.

Dem Ruf ins Union Busting-Paradies US-Südstaaten folgten seither BASF (Vidalia, Louisiana), Evonik (Mobile, Alabama), Fresenius Medical Care (Ogden, Utah), Feuer Powertrain (Tunica, Missisippi), Mercedes-Benz (Vance, Alabama + Cleveland, North Carolina), Stihl (Virginia Beach, Virginia), Thyssen-Krupp (Mount Vernon, Alabama), Wacker (Charleston, Tennessee).

Einzig von VW (Chattanooga, Tennessee) eine ernsthafte Bereitschaft publik geworden, eine demokratische Mitbestimmung samt Anerkennung der Gewerkschaft UAW (AFL-CIO) zu zulassen. Mercedes-Benz und Thyssen-Krupp zerschlugen dagegen gewerkschaftliche Organisierungsversuche mit Hilfe professioneller Union Buster.

Wer nach den treibenden Kräften hinter dem transatlantischen Freihandelsabkommen TTIP sucht, sollte sich diese Südstaaten-Connection genauer anschauen.

Playing Hardball: Anti-Gewerkschasftskanzlei Jackson Lewis vs. Teamsters

Im Sommer 2011 heuerte BMW Anwälte von Jackson Lewis an, der größten explizit auf Union Busting spezialisierten Kanzlei der USA. 100 Arbeiter eines Ersatzteil-Lagers und Vertriebs im kalifornischen Ontario wurden plötzlich entlassen, der Standort tags drauf mit frisch angeheuerten Niedriglöhnern wieder eröffnet. Ohne Tarifverträge und vor allem ohne eine Gewerkschaftsrepräsentanz der Transportarbeitergewerkschaft Teamsters, die 68 der gefeuerten Arbeiter in ihren Reihen hatte.
Dem amerikanischen Arbeitsrechtsanwalt und Autor Thomas Geoghegan fiel dazu eine Bemerkung ein, die stereotyp von US-Gewerkschaftern und Bürgerrechtlern zu hören ist, wenn es um aggressive Methoden deutscher Konzerne in den Vereinigten Staaten geht: BMW könnte in Deutschland niemals gewerkschaftlich organisierte Arbeitsplätze derart outsourcen, da gewerkschaftliche Solidarität in Deutschland von Verwaltungsangestellten bis zu einfachen Beschäftigten reiche und solche Ideen im Keim ersticke. Da lag der Mann wohl einigermaßen daneben.

Ebenso kann man sich in umgekehrter Richtung täuschen, was die Stärke der amerikanischen Gewerkschaften angeht. Dort wurde im Jahresvergleich meistens mehr gestreikt als in Deutschland. Und auch die Teamsters sind nicht von Pappe. Sie stellten sich in zahlreichen Bundesstaaten mit Protest-Posten vor BMW-Vertragshändler und organisierten am 1. November 2011 lautstarke Demos vor Büros von Jackson Lewis in New York und Philadelphia, wo die Parole „Union Busting is disgusting!“ skandiert wurde (Gewerkschaftsbekämpfung ist widerlich). Sie konnten durch Protest auf der Straße, sowie durch Pressearbeit, Blogs und Social media, den Ruf von BMW empfindlich ankratzen und die Rücknahme der Kündigungen erreichen.

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Der Artikel erschien in leicht veränderter Form am 3. 2. 2015 in der Tageszeitung junge Welt.

Endnoten
1 Hier war der Dreh, dass Vollmer unter Kollegen Spenden gesammelt hatte, obwohl er eigentlich Millionär war. Nach dem Tenor: Alles nur linke Spinner, verzogene Bürgerssöhnchen, die Arbeiterführer spielen wollen.
2 Frank Steger (Hg.): Macht und Recht im Betrieb. Gewerkschaftliche Betriebsarbeit zwischen gekaufter Vernunft und unbestechlichem Widerstand. Der „Fall BMW-Berlin“. Die Buchmacherei, Berlin 2014.
3 Bodo Zeuner: Der Fall BMW und die Politik der IG Metall 1985/86, in: Frank Steger s.o., S. 230
4 Zeuner setzte 1990 mit seinem Buch „Arbeitsunrecht“ einen Meilenstein in der Beleuchtung der Schattenseiten deutscher Betriebsrealitäten, der in den deprimierenden Jahren der Nach-Wende leider kaum Resonanz fand.
5 Wolf-Dieter Narr: Der Betrieb der Grundrechte oder wie ein Unternehmen seine Beschäftigten bändigt – am Beispiel BMW Berlin-West. In: Komitee für Grundrechte und Demokratie: Gekaufte Vernunft. Ein Lehrstück über Demokratie und Meinungsfreiheit bei BMW, Berlin Mai 1985, S. 5
6 Werner Rügemer / Elmar Wigand: Die Fertigmacher. Arbeitsunrecht und professionelle Gewerkschaftsbekämpfung. Köln 2014, S. 181f.
7 Ab 1956 war Golda BMW-Betriebsratsvorsitzender in München, ab 1967 bis zu seinem Ruhestand im Jahr 1988 Vorsitzender des Gesamtbetriebsrates. Ebenso war seit 1957 Mitglied des Aufsichtsrates von BMW, sowie später dessen stellvertretender Vorsitzender.
8 So beschloss BMW im Oktober 2013 die Produktion eines Modells aus seinem südafrikanischen Standort in Rosslyn, Pretoria abzuziehn, nachdem die Gewerkschaft NUMSA die gesamte Automobilbranche bestreikt hatte. BMW erlitt einen Verlust von 13.000 Autos.
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Ein Kommentar zu “BMW: Vom Pleitekandidaten zum Weltmarktführer
  1. Blinkfeuer sagt:

    Wenn das der dicke Siggi- Sozi liest! „Etwa dreißig der Entlassenen, von denen einige seit mehr als zwanzig Jahren ohne Beanstandung bei BMW gearbeitet haben, sind Mitglieder der IG Metall.“ dann will der sofort TTIP unterschreiben.
    Denn 20 Jahre schuften könnten ja einen Rentenanspruch wie 6 Monate Minister Wurschtelei erwirken, das zu verhindern, dazu ist der da.

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