Wenn der Zwischenstopp zum Alptraum wird: Verschleppt am Flughafen von Luanda

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Am Airport der angolanischen Hauptadt Luanda agieren offenbar professionelle Erpresser. Sie kidnappen Passagiere beim Umsteigen. Welche Rolle spielt Lufthansa?

Unglaublich aber wahr: Am Flughafen von Luanda existiert ein inoffizielles Gefängnis, in dem reisende Afrikaner gekidnappt werden.

Anstatt an in eine Lufthansa-Maschine nach Frankfurt umzusteigen, finden sich zwei Filmemacher plötzlich in einem Flughafen-Gefängnis des Aeroporto Internacional Quatro de Fevereiro in Luanda (LAD) wieder. Sie wurden gekidnappt. Mehrere Dutzend Personen sind unter den Augen korrupter Beamter und mit Wissen eines Lufthansa-Repräsentanten offenbar über Monate inhaftiert, um Lösegeld zu erpressen. Der Zustand dauert bis heute an. Niemanden scheint es zu interessieren.

Stellen Sie sich vor, dass sie an einem Flughafen umsteigen wollen, von einem Flugzeug in ein anderes. Das ist eigentlich nichts Besonderes. Da Ihr Anschlussflug von der renommierten Deutschen Lufthansa durchgeführt wird, sind Sie guter Dinge und müssen eigentlich nur die drei Stunden, die für den Zwischenhalt eingeplant sind, noch herumkriegen. Für das, was dann passiert, gibt es jedoch keinen Ablaufplan mehr: Denn statt wie vorgesehen am nächsten Morgen, dem 28. Mai 2019 um 7:40 Uhr mit der Maschine, für die Sie gebucht sind, in Frankfurt zu landen, finden Sie sich in einem vergitterten Verlies am Flughafen wieder, das genau so gut Ihr Grab werden könnte.

Denn niemand weiß, dass Sie hier sind. Alles Gepäck und sämtliches Geld, Ihre Dokumente und Ihre persönlichen Gegenstände, Ihre elektronischen Geräte und auch ihre Medikamente, die Sie möglicherweise regelmäßig einnehmen müssen, wurden Ihnen abgenommen. Ihnen bleiben nur die Kleider, die Sie am Leib tragen. Das Verlies ist ein stinkendes Loch, in dem es weder Getränke noch Lebensmittel gibt.

Angolas Hauptstadt Luanda
So präsentiert sich Angolas Hauptstadt Luanda dem internationalen Tourismus.

Einzige Wasserquelle ist ein Klo, das sich 90 Menschen teilen

Denn mit Ihnen sind hier noch andere Reisende gefangen – Reisende wie Sie, mit gültigen Dokumenten und einem ordentlich ausgedruckten Reiseplan, der für sie auf Ihrem Flug einen einfachen Zwischenstopp vorgesehen hatte. Nach und nach wird Ihnen klar, dass Sie nicht zufällig hier gelandet sind: Fast alle, die bei erdrückender Hitze an diesem Ort zusammengepfercht sind, wurden Opfer eines kriminellen Rings von Menschenhändlern, der an diesem Flughafen systematisch Reisende entführt und unter unmenschlichen Bedingungen gefangen hält, um Lösegeld für deren Freilassung zu erpressen.

Einige der Opfer, Männer wie Frauen, sitzen schon seit mehreren Monaten in dieser Zelle, umgeben von Mücken, Fliegen und Kakerlaken. Andere sitzen schon länger als ein Jahr hier fest – verschollen, gekidnappt, wie vom Erdboden verschluckt.

Filmemacher verschwunden

In Frankfurt am Gate warten derweil Ihre Angehörigen vergeblich auf Sie, Ihre Freunde oder Geschäftspartner, die selbstverständlich davon ausgehen, dass Sie – wie seit Monaten geplant – an Bord der gelandeten Maschine sind. In dem Fall, von dem wir hier berichten, ist es eine Delegation des Freiburger Filmfestivals „Filmforum“,1 das hier zwei Filmemacher abholen will, die auf drei europäischen Festivals ihren Film „Faire-Part“2 präsentieren sollen. Doch als alle Passagiere das Flugzeug verlassen haben, sind die Erwarteten nicht darunter.

Der Filmemacher Paul Shemisi, Kollektiv Faire-Part (Kongo-Belgien).

Nizar Saleh und Paul Shemisi sollten aus Kinshasa anreisen. Von ihrem dortigen Abflug hatten sie noch stolz ein Selfie auf Facebook gepostet. Danach verliert sich ihre Spur.

Mike Schlömer, der das Freiburger Festival seit über 20 Jahren leitet, ist verwirrt und besorgt: Wo sind die Gäste, für die sein Festival zusammen mit dem Goethe-Institut zwei Flüge gebucht und denen das „Centre Européen des Visas“ (CEV)3 hochoffiziell zwei Visa für die Reise ausgestellt hatte? Alle Nachforschungen laufen ins Leere: Die Lufthansa weigert sich aus Datenschutzgründen, wie es zynischerweise heißt, Auskünfte über einzelne Passagiere zu erteilen. Nein, auch Nachforschungen über den Verbleib fehlender Passagiere stelle man grundsätzlich nicht an.4 Eine Verantwortung für das Wohl der beiden Verschollenen sieht man seitens der Luftlinie nicht.

Was aber ist zwischen der ersten und der zweiten Etappe ihrer Reise mit Nizar Saleh und Paul Shemisi passiert?

Bei ihrem Zwischenstopp in der angolanischen Hauptstadt Luanda teilt ihnen ein Angestellter der staatlichen angolanischen Fluggesellschaft TAAG mit, die Lufthansa, die den Anschlussflug bereitstellt, habe mitteilen lassen, ihre Papiere und ihre Visa seien gefälscht und würden einbehalten.

Der Filmemacher Nizar Saleh, Kollektiv Faire-Part (Kongo-Belgien).

Als Nizar und Paul verlangen, deshalb mit jemandem von der Lufthansa zu sprechen, wird ihnen dies verweigert. Zwei Polizisten führen sie stattdessen zu einem weißen Kleinbus der Marke Toyota. Es heißt, er bringe sie in ein Hotel.

Nach zehn Minuten Fahrt landen sie in einer Sammelzelle, in der die Menschen dicht gedrängt ausharren: ein gelb gestrichener Raum mit zwei vergitterten Fenstern, die Wände vollgekritzelt mit Namen, Telefonnummern und Botschaften wie: „Free me!“ Obwohl sie erschöpft sind, ist es ihnen unmöglich, hier auf dem nackten Fußboden zu schlafen. „Wir waren völlig fertig, aber wir wussten, wir müssen klar im Kopf bleiben“, sagt Nizar Saleh später.

Die Schicksale gekidnappter Afrikaner*innen

Die beiden beginnen, sich mit anderen Gefangenen auszutauschen: Mitarbeiter der TAAG, sagen die meisten, hätte sie hier hergebracht. Nizar und Paul sprechen mit einer etwa 40-jährigen Frau aus Kamerun, die einen langen Rock trägt, gültige Papiere besaß und am selben Tag eingesperrt wurde wie sie. Sie lernen zwei Frauen aus Mali kennen, deren Arme und Beine mit Ornamenten bemalt sind und die seit vier Tagen in diesem Gefängnis sitzen. Ihre Ehemänner, sagen sie, hätten bereits hohe Summen bezahlt, doch frei kämen sie dennoch nicht.

Dann ist da der Zwanzigjährige aus Guinea, der immerzu weint. Sein Onkel, erzählt er, betreibe eine IT-Firma in Luanda und habe ihn einfliegen lassen, damit er dort mitarbeiten könne. Immer wieder habe er Lösegeld bezahlt, schon über 5.000 Dollar, doch jedes Mal würden die Wachen mehr verlangen. Ein 50-jähriger Mann mit Glatze und kurzem grauen Bart ist Diabetiker, ohne Insulin oder andere Medikamente. Sein Zustand ist schlecht. Er war auf einer Handelsreise, als er festgenommen wurde. Das war vor neun Monaten. Seitdem sitzt er in dieser Zelle fest, seine Gesundheit verfällt rapide.

Dann stellt sich heraus, dass jemand ein Telefon in diesen Käfig eingeschmuggelt hat. Sein Name ist Camara Saidou, er stammt aus Conakry, der Hauptstadt Guineas und ist seit acht Monaten hier. Er gestattet Nizar und Paul, genau eine SMS zu schreiben. Sie senden einen Hilferuf an ihre Koproduzentin Anne Reijniers in Brüssel: „anne taag ns a mis en prison nizpaul help“ (Anne, die TAAG hat uns ins Gefängnis gebracht, Nizar und Paul, Hilfe“). Camara ist es auch, der eine Liste der Personen zusammenstellt, die in dem Verlies am Flughafen gefangen sind: Sekou Kande aus Guinea sitzt seit einem Jahr in dieser Zelle. Abdoul Cissé, Elfenbeinküste, seit acht Monaten; Sami Lemon, Äthiopien, elf Monate; Alseny Barry, Guinea, elf Monate; Alassan Tounkara, Senegal, sieben Monate; Moussa Diof, Mauretanien, acht Monate. Und so weiter.

Insgesamt sind fast hundert Menschen hier eingesperrt

„Sie sind wie Fischer“, sagt Nizar. „Sie ziehen die Leute heraus und verlangen anschließend Geld für die Freilassung.“ Als verschiedene Botschaften und das Goethe-Institut beginnen, Druck auszuüben, damit die beiden Filmemacher wieder freigelassen werden, gibt es für sie vor allem einen Ansprechpartner: den General Manager der Lufthansa vor Ort, Abdul Aziz Mangera. Er weiß über das Schicksal der beiden Verschollenen genau Bescheid. Er erklärt vage, etwas habe mit ihren Papieren nicht gestimmt, was sich jedoch nachweislich als falsch herausstellt.5

Kaysha in Luanda
Der französische Rapper Kaysha und seine Begleiterin hatten im Juli 2013 am Flughafen von Luanda offenbar keine Probleme. (Foto: Flickr. Lizenz: CC BY-NC-ND 2.0)

Gabriele Stiller-Kern, die Leiterin des Goethe-Instituts in Angola, die inzwischen persönlich zum Flughafen gefahren ist, um die Freilassung der beiden zu erwirken, erzählt Abdul Aziz Mangera zunächst, Paul und Nizar befänden sich in der Obhut der Lufthansa, ihnen gehe es gut. Sie würden auch von der Lufthansa verpflegt, heißt es sogar. Eine völlig irreführende Information, die den wahren Sachverhalt verschleiert und auf den Kopf stellt. Eine bewusste Lüge?

Die beiden hatten Glück. Andere nicht

Nach zwei Nächten und zwei Tagen kommen Nizar Saleh und Paul Shemisi auf Druck verschiedener internationaler Organisationen schließlich frei. Die Deutsche Lufthansa hat daran keinen Anteil, im Gegenteil: Selbst als Botschaften, Goethe-Institute und Filmfestivals interveniert haben, fordert sie von den verschiedenen Seiten noch eine Bürgschaft über sage und schreibe 20.000 Euro, damit die beiden nach Deutschland fliegen können.

Die Macher des kleinen Freiburger Festivals halten eine Krisensitzung ab. Doch 20.000 Euro können sie beim besten Willen nicht auftreiben. Dann geht auf einmal alles sehr schnell: „Vite! Vite!“ – „Schnell, Schnell!“, hält eine Wache am Flughafen Nizar und Paul zur Eile an: „Der Flug geht gleich!“ Jemand drückt ihnen zwei Bordkarten für den nächsten Lufthansaflug nach Frankfurt in die Hand, sie werden möglichst rasch aus dem Gefängnis heraus geschleust.

Deutsche Lufthansa verantwortungslos und kaltschnäuzig

Die Lufthansa, so die offizielle Auskunft von Pressesprecher Helmut Tolksdorf per Telefon am 04.06.2019 sowie auf weitere Nachfrage per E-Mail am 05.06. 2019, wisse von all diesen Dingen nichts und sei im Übrigen hierfür auch nicht der richtige Ansprechpartner. Für Fragen müsse man sich an die Behörden und den Flughafen in Luanda wenden. Doch es bleiben offene Fragen: Wie kann es sein, dass Lufthansa-Reisende beim Umsteigen am Flughafen einfach verschwinden?

Mindestens ein Mitwisser: Der Lufthansa-Repräsentant in Angola Abdul Aziz Mangera. (Screenshot Linkedin vom 11.7.2019, Ausschnitt). Seine genaue Rolle in dem Skandal ist zu klären.

Der Südafrikaner Abdul Aziz Mangera, General Manager der Lufthansa in Luanda und zudem verantwortlich für Brussels Airlines,6 wusste nicht nur über den Fall der beiden Filmemacher Bescheid, sondern konnte auch deren Freilassung erwirken. Fragen an ihn prallen jedoch an der deutschen Pressestelle der Lufthansa ab. Die gestattet ihm nämlich nicht, sich gegenüber Journalisten zu äußern.

Fest steht, dass die am Flughafen Luanda widerrechtlich gefangenen Menschen umgehend aus dieser Hölle befreit werden müssen.

Hierfür muss auch die Deutsche Lufthansa AG im Namen der Menschenrechte in die Pflicht genommen werden. Inwieweit die Deutsche Lufthansa AG hier verstrickt ist, ob als Mitwisser oder gar als aktiv Beteiligte, das ist noch zu prüfen. Vor allem sollte die Fluggesellschaft selbst ein Interesse daran haben, illegale Machenschaften, aufzuklären und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Menschenhandel, Kidnapping, Erpressung – dies sind gravierende Verbrechen, die den Ruf eines Unternehmens nachhaltig schädigen können.


Die Recherche ist Teil unseres Forschungsprojekts PREKÄRE PILOTEN – Arbeit und Arbeitkämpfe im Cockpit. https://aktion.arbeitsunrecht.de/piloten-studie


Fußnoten + Anmerkungen

3 Das „Centre Européen des Visas“ (CEV) ist seit 22.2.2019 der Nachfolger des vormaligen „Maison Schengen“ in Kinshasa, in dem Staatsangehörige der Demokratischen Republik Kongo Schengenvisa beantragen können: https://www.cev-kin.eu/fr bzw. https://kinshasa.diplo.de/cd-de/service/maison-schengen-kin/1723268

4 Laut Telefonat mit Helmut Tolksdorf, Pressesprecher der Deutschen Lufthansa AG am 04.06.2019

5 Bei Nachfragen vor Ort durch Gabriele Stiller-Kern, die Leiterin des Goethe-Instituts Angola, Quelle: Telefonat mit Gabriele Stiller-Kern, am 04.06.2019; und Einreise der beiden Filmemacher nach Deutschland am Flughafen Frankfurt am 30.05.2019


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6 KOMMENTARE

    • Wir erforschen im Projekt „Prekäre Piloten“ die Arbeit und Arbeitskämpfe im Cockpit. https://aktion.arbeitsunrecht.de/de/piloten-studie
      Der Beitrag ist sozusagen ein Nebenprodukt unserer Beschäftigung mit dem Flugverkehr.
      Lufthansa ist die größte europäische Airline und eine Gewerkschaftsbastion. Natürlich müssten sich Piloten und alle anderen, die bei der Lufthansa arbeiten, mit diesen Fragen auseinandersetzen. Was also mit den Menschen geschieht, die sie auf der Arbeit sicher transportieren sollen. Für die der Pilot / die Pilotin dann in der Luft die volle Verantwortung trägt.

      Ich vertrete außerdem ein allgemeinpolitische Mandat von Gewerkschaften und Betriebsräten. Beide müssen sich mit den gesellschaftlichen und politischen Dimensionen der Branche auseinander setzen, in der sie sich bewegen. Immer nur ein paar Prozent mehr Lohn und Hauptsache Arbeit zu propagieren, führt auf Dauer nicht weiter. Es schwächt am Ende Gewerkschaten und Betriebsräte. Meine ich.

      Und die aktion ./. arbeitsunrecht nimmt sich auch das Recht heraus, zu anderen Feldern als dem Arbeitsunrecht eine Haltung zu entwickeln. Wir berufen uns im Kern auf die Menschenrechte.

      • Die Entführungsbranche ist ein lukrativer Markt.

        Lufthansa ist ein Unternehmen, das dem Markt „vertraut“.

        Medien kassieren bezahlte Anzeigen von der Lufthansa.

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