Arbeitsrechte + Corona: Telefonische Krankmeldung wieder möglich

0
943

Die telefonische Krankschreibung ermöglicht faktisch eine Selbstkrankschreibung

Erleben wir einen Bruch mit der neoliberalen Kultur des Präsentismus (krank zur Arbeit gehen)?

Bis Ende 2020 können Patient*innen, die an leichten Atemwegserkrankungen leiden (bzw. an Symptomen einer SARS-Infektion), wieder telefonisch krankgeschrieben werden. Die telefonische Krankschreibung ist bei Erkrankungen der oberen Atemwege für 7 Tage möglich, eine einmalige Verlängerung kann für weitere 7 Kalendertage ausgestellt werden. Das juristische Fachportal Haufe schreibt: „Die niedergelassenen Ärzt*innen müssen sich dabei persönlich vom Gesundheitszustand durch eine eingehende telefonische Befragung überzeugen.“1 Der Gemeinsame Bundesausschuss dürfte diese Ausnahmeregelung verlängern, wenn die zweite Welle der COVID-19-Pandemie zum Jahreswechsel nicht abebbt.

Die Ausnahmregelungen folgen der klugen Beobachtung, dass die Wartezimmer zu Seuchenherden und Hotspots würden, wenn dort Infizierte auf ihre Termine warteten.


Druck gegen Kranke: Wie sieht es bei Ihnen auf der Arbeit aus?

Wir bitten um Erfahrungsberichte und Meinungen! Per Kommentar unter diesem Beitrag oder per Email: kontakt(a)arbeitsunrecht.de


Erste Krankschreibe-Welle ähnelte fast Generalstreik

In der ersten Welle war es bis zum 23. Juni 2020 möglich, eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung für bis zu 14 Tage nach einem telefonischen Gespräch mit dem Arzt / der Ärztin zu bekommen. Die Ausnahmeregelung legte die rechtliche Basis für eine Krankmelde-Welle, die zu Beginn der Pandemie fast einem Generalstreik ähnelte. Der Lockdown, den die Landesregierungen im März 2020 verhängten, war insofern auch eine Folge massenhafter Krankmeldungen durch die Lohnabhängigen und ihrer Weigerung, zur Arbeit zu gehen und ihre Kinder zur Schule schicken oder in die Kita zu bringen.

Krank zur Arbeit? Kaputtschuften für die Firma? Corona ändert die Spielregeln – auch auf Druck der Beschäftigten

Mit der Möglichkeit telefonischen Krankschreibung betrat die Regierung absolutes Neuland.

Bis in die 1980er Jahre galt die Krankmeldung bzw. das Krankfeiern als Form des Ein-Personen-Streiks, der in einem notorisch streikarmen Land wie Deutschland laut offiziellen Statistiken tatsächlich intensiv als Ausweichstrategie genutzt wurde, um wachsenden Arbeitsdruck zu mildern, der Sinnlosigkeit und Monotonie der Arbeit zu entfliehen, aber auch als als Form des Protests und der passiven Resistenz bei Unzufriedenheit und Konflikten im Betrieb.2

Mitunter sind in den 1970er und 80er Jahren ganze oder halbe Schichten von Fließbandarbeiter*innen bei Doc Holiday aufgelaufen, um sich krankschreiben zu lassen, wenn auf der Arbeit dicke Luft war. Die Kölner Bläck Fööss verewigten das Phänomen 1975 sogar im Song „Dr. Pillemann“ (youtube).

Krieg gegen die Krankschreibung

Diese „Krankfeierkultur“ haben Gesetzgeber, Personalverantwortliche und Unternehmensberater*innen gezielt und letztendlich erfolgreich bekämpft. Durch Verschärfung von Gesetzen, Krankenrückkehrgespräche, Schikanen und ein Klima der Angst. Wer öfter krank wurde, kam auf die Abschussliste; wer in der Probezeit oder mit befristetem Vertrag krank wurde, flog in vielen Branchen automatisch raus.

Stattdessen: Langfristige Schäden und Ausfälle

Die Folge dieses neoliberalen Kulturwandels in der Arbeitswelt — der durch Leistungsdruck, Arbeitsverdichtung und Angst vor Hartz IV stark gesteigert wurde — waren:

  • ein weit verbreiteter Präsentismus (krank zur Arbeiten gehen),
  • Burn-out als Volkskrankheit,
  • Mobbing als Massenphänomen und als Ausdruck eines allgemeinen Leistungsdrucks (Überstunden machen, Arbeit auf Abruf, Firma geht vor Familie und Privatleben), der sich in aggressivem Gruppendruck gegen alle entlud, die nicht mitziehen konnten oder wollten, also in Ausgrenzung vermeintlich Schwächerer und Fertigmachen von Einzelnen.
  • Anstieg von psychosomatischen Krankheiten, Herzkrankheiten, Rückenbeschwerden etc.

Betriebsräte, die sich schützend von KollegInnen stellten, gerieten häufig ins Fadenkreuz und konnten selbst zu Mobbing-Opfern werden.

Die Corona-Pandemie bedeutet daher einen tiefen Einschnitt, vielleicht sogar einen Kulturbruch. Die Gefahr: In Bereichen, wo die Beschäftigten unter starkem Druck stehen („systemrelevante Berufe“), schlecht organisiert sind, keine Betriebsräte und aktive Gewerkschaften an ihrer Seite haben, steigert sich möglicherweise der Druck auf Einzelne, bloß nicht krank zu machen.

Das Verb krank feiern. Konjugationstabelle. Quelle: https://www.verbformen.de/konjugation/krankfeiern.pdf

Druck gegen Kranke: Wie sieht es bei Ihnen auf der Arbeit aus?

Wir bitten um Erfahrungsberichte und Meinungen per Kommentar unter diesem Beitrag oder per Email: kontakt(a)arbeitsunrecht.de


Anmerkungen / Quellen

1 Krankschreibungen bei leichten Atemwegserkrankungen per Telefon bis Ende Dezember möglich, Haufe, 15.10.2020, https://www.haufe.de/sozialwesen/leistungen-sozialversicherung/corona-krankschreibung-per-telefon-als-ausnahme-bei-erkaeltung_242_511792.html

2 Die einschlägige Untergrund-Broschüre Lieber Krankfeiern als gesund schuften. Wege zu Wissen und Wohlstand (http://agora.free.de/sofodo/tipps/krank-feiern-gesund-schuften/) fand 1980 im Spiegel Beachtung: Krankfeiern: Dr. med. A. Narcho. In der bundesdeutschen Subkultur kursiert ein Leitfaden mit Tips zum Krankfeiern. Die Schrift ist vielerorts schon vergriffen, Der Spiegel, 28.7.1980, https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-14317191.html


Wo Sie schonmal hier sind...

... hätten wir ein ernstes Thema zu besprechen.
Dieser Beitrag hat Zeit und Geld gekostet: Recherche, Schreiben, Redaktion. Der Verein aktion ./. arbeitsunrecht e.V. stellt den Inhalt kostenfrei und ohne Werbung zur Verfügung.
Dafür bitten wir Sie um Unterstützung. Bitte helfen Sie uns mit einer Spende!

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here