Colosseum Berlin: Große Demo gegen Kino-Schließung

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Kiez steht hinter Colosseum-Belegschaft – Große Unterstützung für Weiterbetrieb des Traditionskinos in Eigenregie

Demo am 02.07.2020 mit 800-1000 Teilnehmern – der Kiez steht hinter der Colosseum-Belegschaft

Die Erbengemeinschaft um Sammy Brauner will das profitable Traditionskino an der Schönhauser Allee in Berlin schließen. Die 43 Beschäftigten wollen das Kino weiterbetreiben und wehren sich gegen den drohenden Arbeitsplatzverlust. Am 02.07.2020 organisierten sie mit Unterstützer*innen eine Demo, an der rund 800-1000 Personen teilnahmen. Der Kiez steht hinter der Belegschaft und ihren Plänen, das Kino in Eigenregie zu übernehmen.

Historischer Kulturstandort

Seit dem 30. Juni dürfen in Berlin die Kinos wieder öffnen. Das Colosseum soll allerdings nicht dazu gehören – zumindest nicht, wenn es nach seinen derzeitigen Besitzer*innen geht.

Dabei ist das Colosseum seit fast einem Jahrhundert ein wichtiger Kulturstandort im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Zwischenzeitlich war es das Premierenkino der gesamten DDR, später wurde es zu einer der zentralen Spielstätten der Berlinale. Mit seinem denkmalgeschützten Foyer und dem alten Kinosaal verfügt das Kino zudem über die größten Veranstaltungsräume im Gleimviertel: Hier wurden schon Jugendweihen, Einschulungsfeiern und Gottesdienste begangen.

Aber nicht nur das Kino, auch seine Belegschaft gehört geschützt. Viele der Beschäftigten arbeiten hier schon seit etlichen Jahren. Dass man es nicht mit der in prekären Beschäftigungsverhältnissen üblichen Fluktuation zu tun hat, liegt wohl insbesondere an der Arbeit des Betriebsrats.

Der setzt sich bereits seit zwei Jahrzehnten für gute Arbeitsbedingungen im Colosseum ein. Zuletzt mit einer Betriebsvereinbarung, die die Anhebung des Kurzarbeitergelds auf 90% regelt.

Artur Brauner

Das Kino wurde Anfang der 1990er Jahre durch den Filmproduzenten Artur Brauner (1918-2019) von der Treuhand erworben. Mit seinem Unternehmen CCC-Film (Central Cinema Company GmbH), das Artur Brauner kurz nach Kriegsende gegründet hat, soll er fast 500 Filme produziert haben. Seichte Blockbuster erwirtschafteten das Geld, um jene politischen Filme zu drehen, die ihm am Herzen lagen.1 Filme, die das geschichtsvergessene Deutschland mit den Verbrechen des Faschismus konfrontierten.

Auch abseits der Kamera engagierte sich Brauner gegen Antisemitismus, Nationalismus und Rassismus: So lobte er unter anderem 1961 eine Belohnung von zehntausend Mark für „vertrauliche Informationen“ aus, die zur Ergreifung Josef Mengeles führen und ihn vor ein ordentliches Gericht stellen. Der Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (1903-1968) verdoppelte noch im darauffolgenden Monat den Betrag und leitete damit eine neue Phase in der Verfolgung von Kriegsverbrechern des dritten Reichs ein2.

Erben vermieten an sich selbst

Kurz nach Artur Brauners Tod im Sommer vergangenen Jahres wurde ein Bauvorbescheid beim Bezirksamt in Pankow eingereicht. Es sollte geprüft werden, inwieweit der Umbau des Kinos in der Schönhauser Allee zu einem Büro- und Kongresszentrum mit dem bestehenden Denkmalschutz zu vereinbaren ist. Dem Antrag wurde stattgegebenund der Wert des Grundstücks damit mal eben vervielfacht.

Die sechsköpfige Erbengemeinschaft, der unter anderem Artur Brauners Sohn Sammy Brauner und seine Tochter Alice Brauner-Zechbauer angehören, haben daraufhin der Kino Colosseum Betreibergesellschaft mbH zum Ende des laufenden Jahres die Pacht gekündigt. Da die Betreibergesellschaft bereits seit mehr als 13 Jahren von dem Immobilien-Unternehmer Sammy Brauner selbst geführt wird4, hat man sich also selbst gekündigt.

Insolvenzverwalter schiebt Corona-Krise vor

Nun hat die Betreibergesellschaft zusätzlich einen Insolvenzantrag gestellt. Bekannt gemacht wurde das Ende Mai. Dem Anwalt des Betriebsrats zufolge ist die Antragstellung aber höchstwahrscheinlich bereits im März erfolgt, weil die Bestellung eines Insolvenzverwalters in der Regel um die sechs Wochen in Anspruch nimmt. Sebastian Laboga 5, der vorläufige Insolvenzverwalter, versuchte die Schließung trotzdem jüngst gegenüber der dpa in einen Zusammenhang mit der Corona-Krise zu stellen6.

Es kann davon ausgegangen werden, dass sich vielmehr im Zuge der Pandemie eine günstige Gelegenheit aufgetan hat, die Belegschaft ohne teure Abfindungen loszuwerden. Entgegen Behauptungen von Sammy Brauner in einem Interview mit dem Tagesspiegel vom 30.06.2020, in dem er plötzlich von einem „defizitären Betrieb“ spricht7, ging es dem Kino bislang wirtschaftlich eigentlich ganz gut: Der Betriebsrat spricht von 350.000 Besucher*innen und einem positiven Betriebsergebnis im vergangenen Geschäftsjahr8.

Beschäftigte seit Ende Mai ohne Gehalt freigestellt

Mit Bekanntmachung des Insolvenzantrags am Charlottenburger Amtsgericht wurden die Beschäftigten mit sofortiger Wirkung freigestellt. Schon ihr Gehalt für Mai haben sie nicht mehr erhalten. Dieses wird jetzt wahrscheinlich als Insolvenzforderung (§38 InsO) gelistet und nur mehr anteilig aus der Insolvenzmasse beglichen. Wenn die Beschäftigten stattdessen Insolvenzgeld erhalten, wird das – wie der Großteil des Kurzarbeitergelds in den vergangenen drei Monaten – von der Allgemeinheit gezahlt. Und das, obwohl die Erbengemeinschaft millionenschwer sein dürfte.

Zwar unterliegen Unternehmen auch im Insolvenzfall der Verpflichtung einen Sozialplan abzuschließen. Die Ergebnisse dürften aber eher mager ausfallen. Mögliche Abfindungen sind durch das Insolvenzrecht auf die Höhe von zweieinhalb Monatsgehältern gedeckelt (§123 InsO). Hinzu kommt, dass sich zunächst der Insolvenzverwalter einen großen Teil des im Unternehmen verbliebenen Geldes als Honorar auszahlen wird.

Belegschaft will Kino weiter betreiben

Während am vergangenen Donnerstag im Kino die Verhandlungen um einen Interessenausgleich aufgenommen wurden, protestierten draußen die Beschäftigten, forderten ihren ausstehenden Lohn und Mitsprache bei der Zukunft des Kinos.

Es stellte sich bei den Gesprächen heraus, dass von der Erbengemeinschaft weder Unternehmensberater angeheuert, noch sonst ein Alternativ-Konzept zur Schließung erarbeitet wurde. Auch Coronahilfen wurden laut Betriebsrat nicht in Anspruch genommen.

Die Belegschaft hingegen hat ein Konzept entwickelt, wie zumindest ein Teil der Arbeitsplätze erhalten werden können. Sie will – ggf. abgespeckt – einen Betrieb bis zum Ende des von den Erben zum 31.12.2020 gekündigten Pachtvertrages erreichen. Mit den Einnahmen könnte die Masse für Ausgleichszahlungen an die Belegschaft erhöht und zumindest eine Teil der Jobs erhalten werden.

Genossenschaft als zukünftiger Kino-Betreiber?

Außerdem soll gemeinsam mit dem Bezirk, dem Land Berlin, den Parteien, ver.di und gesellschaftlichen Gruppen im Bezirk wie etwa der Anwohner*inneninitiative Gleim4tel eine nachhaltiges Konzept für einen Kulturbetrieb im Colosseum mit den Erben erarbeitet werden. Der Belegschaft schwebt dabei die Gründung einer Genossenschaft als Träger vor. Erste Schritte in diese Richtung sind bereits vollzogen. Falls die Zeit bis zum 31.12.2020 nicht reicht, sollte nach den Vorstellungen der Belegschaft eine Verlängerung des Pachtvertrages – ggf. zu günstigeren Bedingungen als bisher – in Betracht gezogen werden. Denn schließlich erklärte Sammy Brauner in dem bereits erwähnten Interview vom 30.06.2020 dem Tagesspiegel, dass derzeit ohnehin keine Planung von Seiten der Erben bestehe, was mit dem Grundstück geschehen soll.

Erbengemeinschaft verweigert Verhandlung zu alternativem Kinobetrieb

Trotzdem beharrte Sammy Brauner in den Verhandlungen darauf, dass ein Weiterbetrieb oder die Verpachtung an eine andere Betreibergesellschaft für die Erbengemeinschaft nicht in Betracht kommt. Das Gespräch mit dem Betriebsrat dauerte keine zwei Stunden. Als Sammy Brauner beim Verlassen auf die protestierende Belegschaft vorm Haus traf, floh er vermummt in ein herbeigerufenes Taxi. Der Betreiber der Sammy Brauner Grundstücksanlagen KG soll mittlerweile diverse Kanzleien mit der Durchsetzung seiner Pläne beschäftigen.

Arbeiter*innen-Kontrolle statt Betriebsschließung

Auf unserer ‚Konferenz Workers Buy-Out: Arbeiter*innenkontrolle statt Betriebe schließen?‘ haben Beschäftigte des Kinos am 20. und 21.6.2020 den interessierten Teilnehmer*innen ihren Fall vorgestellt. Es gibt viele gute Ideen für das Haus: Nicht länger als Multiplex, sondern als Programmkino und politisches Haus für Kultur- und Kreativwirtschaft soll das Colosseum will man es betreiben. Ganz im Sinne des cineastischen Erbe Artur Brauners würde man denken.

1https://www.deutschlandfunk.de/filmproduzent-artur-brauner-gestorben-ein-leben-fuer-die.691.de.html?dram:article_id=453165

2Daniel Stahl: Nazi-Jagd. Südamerikas Diktaturen und die Ahndung von NS-Verbrechen. Göttingen, 2013.

3Dem Tagesspiegel gegenüber äußerte der Bezirksstadtrat Vollrad Kuhn (Grüne), es sei in der Verwaltung niemandem aufgefallen, dass es sich bei dem betreffenden Antrag, um das Grundstück des Traditionskino handelt. Inwieweit das Verfahren im Wissen um diese Tatsache anders abgelaufen wäre, wird in dem Artikel offen gelassen. (https://www.tagesspiegel.de/berlin/niemand-hat-die-adresse-ueberprueft-wie-pankow-das-nahende-aus-fuer-das-kino-colosseum-uebersehen-hat/25949118.html)

4https://www.northdata.de/?id=6114055

5https://www.pluta.net/kontakt/mitarbeiter/sebastian-laboga.html

6https://www.rbb24.de/kultur/thema/2020/coronavirus/beitraege_neu/2020/06/berlin-kino-colosseum-oeffnet-nicht-wieder.html

7https://www.tagesspiegel.de/berlin/kein-handlungsspielraum-mehr-warum-atze-brauners-erben-das-colosseum-sterben-lassen/25960352.html#

8https://www.tagesspiegel.de/berlin/insolvenz-bei-berliner-traditionskino-bueros-statt-kino-brauner-erben-schliessen-im-colosseum-den-vorhang/25933740.html

2 KOMMENTARE

  1. Hallo Frau Schnabel, wenn Sie die Belegschaft des Colosseums unterstützen wollen, können Sie gern mit dem „Berliner Kollektiv“ der Aktion gegen Arbeitsunrecht Kontakt aufnehmen. Bitte einfach in den Berliner Newsletter eintragen: https://aktion.arbeitsunrecht.de/de/berlin
    Andre Koletzki, Aktion gegen Arbeitsunrecht, Berlin

  2. Ich würde die Initiativen zur Rettung des Colosseums gern unterstützen. Von einem ehemaligen Kollegen weiß ich, dass es so etwas wie einen Verein der Freunde der Komischen Oper gibt. Wäre so etwas auch für das Colosseum sinnvoll ? Das Colosseum ist eine historische und kulturelle Instanz und darf nicht untergehen.

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