Das Bargeld verschwindet. Nicht. Oder: Warum wir digitales Trinkgeld ablehnen sollten.

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Kolumne Nr. 2 | Wirtschaft anders denken

Haben wir in Deutschland in fünf Jahren Verhältnisse wie in Schweden?

Elmar Wigand
Elmar Wigand ist Pressesprecher der aktion ./.arbeitsunrecht

Neulich haben wir bezüglich dieser Frage eine ziemlich lang laufende Wette abgeschlossen. Sie wird am 3. Februar 2027 fällig. Es geht um Champagner für alle, also für Onno und mich sowie für unseren Wettpaten Chung, der das bourgeoise Getränk mit einem französischen Parade-Bajontt zu köpfen weiß, und drei weitere Freunde, die noch zu bestimmen wären. Unsere Fünfjahreswette geht um Digitalisierung und den Untergang des Bargelds.

Aber was genau sind nun schwedische Verhältnisse? Wir waren uns einig, dass es dort bereits vor Jahren der Horror war: Selbst die Brötchen beim Bäcker musstest Du mit Karte zahlen, Bargeld war ungefähr so verbreitet wie eine Raucherkneipe in Köln. (Es gibt sie, aber nur unter der Hand.) Hattest Du keine funktionierende Karte, war das in der Stockholmer Innenstadt fast gleichbedeutend mit dem Ausschluss vom allgemeinen Konsum. Und ich vermute, dass in dieser kalten Aussperrung von Obdachlosen, Illegalen und (Selbst-)Verschuldeten der tiefere Antrieb für die digitale Begeisterung der Schwedenbürger liegt.

Also nochmal: Haben wir in Deutschland in fünf Jahren Verhältnisse wie in Schweden? Wir waren uns im zentralen Punkt vollkommen einig: Die Abschaffung des Bargelds ist grundsätzlich abzulehnen. Sie ist auf Kontrolle, Schröpfen und Ausgrenzung ausgerichtet, möglicherweise – im Falle eines Bankencrashs – auch auf Enteignung der kleinen Leute. Während Superreiche schon seit Jahrzehnten ihr Geld hemmungslos und ungestraft auf dem Globus in Steueroasen und Schwarzgeldwaschanlagen verschieben, sollen wir keinerlei Freiraum behalten und vollständig vom Radar der Behörden, Banken und Pseudobanken wie Paypal und Google Pay erfasst werden.


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Aber wird das in Deutschland kommen? Ich teile weder Onnos Kulturpessimismus: „Alles wird immer schlimmer; die da oben machen eh was sie wollen; die Jugend von heute…“. Noch neige ich zu Technikdeterminismus: „Die Zukunft ist nicht aufzuhalten. Eines Tages beherrschen Roboter und Cyborgs die Welt.“

Das Absurde an unserem Debattier- und Wettclub: Meine Freunde Onno und Chung sind Impfskeptiker (wenngleich keine Corona-Leugner) und bis heute nicht gepiekst. Sie waren seit Wochen nicht in jenen Kneipen und Cafés, deren bargeldlosen Niedergang sie prophezeien. Und genau mit ihrem reniteten Zwangs-Heimsaufen beweisen sie doch, dass eine neue Technologie – in diesem Fall der mRNA-Impfstoff – sich eben nicht automatisch und geradlinig durchsetzt. Leider – möchte ich in diesem Fall seufzend hinzu fügen.

Technik und Methoden setzen sich eben nicht einfach so durch. Zumindest nicht überall gleich. In Spanien und Argentinien gibt es keine Namen an den Klingelschildern, man klingelt bei „3. Stock, zweite links“. Das hat mit Diktatur, Überwachung, Verschleppung und Folter zu tun. In Marrakesch gibt es bis heute keine Straßenschilder und Hausnummern. Diese zielten auf die „bessere Ausfindigmachung derer verdächtig liederlichen und gefährlichen Leute“ und wurden 1727 erstmals in der Prager Judenstadt, kurz zuvor in Pariser Vororten eingeführt. Später kamen Meldepflicht und Personalausweise hinzu. Aber: In England gibt diese bis heute nicht, ebensowenig in den USA.

Und so werden die Unterklassen, das Kleinbürgertum, Geschäftsleute und Mafia in Deutschland für das Bargeld kämpfen und sich zur Not eigenes Bargeld schaffen. Auch Gewerkschafter*innen dürfen nicht abseits stehen: Unter den Lieferdienst-Riders (Lieferando, Gorillas, Flink & Co.) gibt es jetzt in Berlin jetzt eine Debatte, das digitale Trinkgeld abzulehnen. Kunden mögen bitte weiter Münzen rausrücken. Denn Unternehmen wie Amazon Flex, Uber und andere bewerben das Trinkgeld seit längerem schon dreist und sittenwidrig als Lohnbestandteil. („Verdiene circa 25+€ pro Stunde dazu.“) Und diese Logik hat sich in die Köpfe vieler Beschäftigter gefressen. Wer für Lohnsteigerungen und Tarifverträge streiken will, bekommt Probleme, je größer der Anteil dieser lohnfremden Gelder ist. Wenn das Trinkgeld digital aufs Konto wandert ist es vom Lohn kaum zu unterscheiden.

Außerdem handeln große Konzerne gern kriminell. Die Verlockung ist einfach zu groß, Gelder per Knopfdruck oder Algorithmus „aus Versehen“ und unbemerkt verschwinden zu lassen.

  • In den USA stimmte Amazon am 2. Februar 2021 einem Vergleich mit derVerbraucherschutzbehördezu und zahlte 61,7 Mio. US-Dollar an Paket-Fahrer von Amazon Flex zurück.
  • Bereits im Jahr 2008 verurteilte eine US-Richterin die Kaffee-Kette Starbucks wegen systematischer Trinkgeld-Unterschlagung zur Zahlung von 100 Mio. USD. Rund 100.000 Beschäftigte sollten aus einem Fonds entschädigt werden, in den Starbucks einzahlt.

Doch zurück zu unserer Wette um die Frage: Verschwindet das Bargeld? Ich glaube auch deshalb sie zu gewinnen, weil ich noch fünf Jahre Zeit habe, meinen Beitrag zu leisten. Gestern war ich noch beim Barbershop meines Vertrauens in Berlin-Lichtenberg – auch hier nur gilt: nur Bares ist Wahres. Und abends in einem hervorragenden Thai-Restaurant in Kreuzberg las ich mit Vergnügen: Cash. No Cards accepted.


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