Kündigung: Helden des letzten Arbeitstags?

Twitter-Mitarbeiter löschte Donald Trumps Account. Die letzte Amtshandlung als Protestform

Entlassung - fuck offGibt es auch in Deutschland solche letzten Grüße an die Firma, den Chef und die Kunden?

Wir haben ein paar Fälle zusammen gestellt:

Trumps Twitter-Account gelöscht ++ Air Berlin: Go-around über Düsseldorf ++ Bombendrohung bei H&M ++  ICE-Lokführer macht Mittagspause im Tunnel ++ Helmut Kohls doppelte Neujahrsansprache ++ Warum ich Goldman Sachs verlasse ++ jetBlue: Flugbegleiter per Notrutsche aus dem Job ++ Daily Express: Fuck you, Desmond! ++ Microsoft-Prgrammiererin kündigt per youtube

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Letzte Genugtuung des Arbeitstages: Trumps Twitter Account gelöscht

Der wahre Donald Trump hat bei Twitter 41 Millionen Follower. Ein Analyst schätzt laut Bloomberg, ohne Trump verliere Twitter 20%  seines Marktwerts. Am 2.11.2017 war @realDonaldTrump plötzlich offline. Leider nur für elf Minuten. Aber dieser Schlag eines einzelnen Mitarbeiters hat dennoch gesessen.

Dabei kann sich der unbekannte Held (die unbekannte Heldin?) bei der Lösch-Aktion sogar auf die Veröffentlichungsregeln von Twitter berufen. Donald Trump verletzte und beleidigte gezielt Minderheiten und Frauen. Er rief zu Gewalt gegen Pressevertreter auf und vieles mehr.

Alternative: Twitter kaufen?!

Die ehemalige CIA-Agentin Valerie Plame Wilson (2003 bekannt geworden durch die Plame-Affäre) schlägt einen anderen Weg vor: Sie versucht seit August 2017, per Crowdfunding mindestens eine Milliarde US-Dollar zu sammeln, um einen größeren Firmenanteil an Twitter zu kaufen und Trump dann zu sperren (Golem.de, 3.11.2017). Allerdings wird sie dafür die Begeisterung eines Superreichen wecken müssen. Am 7.11.2017 lag die Beteiligung von 2.984 Personen noch unter 100.000 $ – weniger als ein Prozent der Zielsumme (https://www.gofundme.com/buytwitter).

the real donald trump - sabotage am letzten ArbeitstagRache bei Kündigung | Kündigung als Protest: Was passiert in Germany?

Glaubt man deutschen Zeitungen, so ist das Phänomen von sabotage-ähnlichen Aktionen als letztem Abschiedsgruß an die verhasste Firma oder den Chef allein auf den britisch-amerikanischen Raum beschränkt.

In der Süddeutschen Zeitung vom 3.11.2017 kolportiert Laura Hertreiter genüsslich Abschiedsaktionen

  • eines Flugbegleiters der Fluglinie jetBlue, New York 2010,
  • eines Journalisten des Daily Express, London 2001,
  • einer MicrosoftPrgrammiererin, Seattle 2012.

Schön zu lesen, doch leider nennt sie keine vergleichbare Aktionen aus Deutschland. (Ebenso lässt die SZ den spektakulären Abgang des Goldman Sachs-Bankers Greg Smith 2012 unter den Tisch fallen, siehe unten.)


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Wir bezweifeln stark, dass solche subversiven Abschiedsgrüße vom Arbeitsplatz in Deutschland nicht geschehen – schon allein aus eigener Erfahrung und Erzählungen aus dem Bekanntenkreis.

Hier vier Beispiele aus Deutschland, die durch die Presse gingen:

The last go-around: Air Berlin-Crew dreht letzte Runde über Düsseldorf

Die Kamerateams warteten am 17.10.2017 auf die letzte Landung der insolventen Air Berlin in Düsseldorf. Sie gierten nach den Reaktionen der Beschäftigten. Um einen trotzigen Abschiedsgruß zu schicken, und die geplanten Aufnahmen zu vermasseln, entschied der Kapitän in Absprache mit der Crew, eine Ehrenrunde in Form einer Linkskurve zu fliegen. Im Landeanflug startete er nochmal durch.

Das Go-around-Manöver war sowohl den Fluggästen per Durchsage angekündigt, als auch von der Flugsicherung im Tower genehmigt worden. Es verlief nach allen Regeln der Kunst. Dennoch prüften Bundesbehörden, ob sie dem Kapitän seine Fluglizenz einziehen könnten. Derzeitiger Stand unklar. (RP-online, 18.10.2017)

H&M Angestellte mit Bombendrohung

Nicht zur Nachahmung empfohlen: Am Nachmittag des 2. Oktober 2017 evakuierte die H&M-Geschäftsleitung den Flagship-Store in der Kölner Schildergasse 24 nach einer Bombendrohung. Die Kölner Polizei konnte zwei Wochen später eine mutmaßliche Täterin präsentieren. Es soll sich laut Bonner Generalanzeiger vom 19.10.2017 um eine 23-Jährige H&M-Angestellte aus Wesseling bei Köln handeln. „Als Motiv vermuteten die Behörden private und berufliche Probleme“, schreibt die Zeitung.

Dass elf Tage nach der Bombendrohung am 13. Oktober 2017, im Rahmen des Aktionstags Schwarzer Freitag, eine Protestaktion vor derselben Filiale stattfand (arbeitsunrecht.de, 15.10.2017), war ein merkwürdiger Zufall. Dass H&M-Beschäftigte Aggressionen gegen ihren Arbeitgeber hegen, ist hingegen erklärbar (Dossier zu H&M).

ICE-Lokführer holt eine Stunde Mittagspause im Tunnel nach

Am 25. März 2001 stoppte ein Lokführer der Deutschen Bahn seinen ICE in einem Tunnel zwischen Köln und Frankfurt. Er holte genüßlich seine Mittagspause nach. Dass es seine letzte Mittagspause im Dienst der Deutschen Bahn werden würde, muss er gewusst haben.

ICE Tunnel Kündigung

Warum ein Lokführer seine wohlverdiente Mittagspause ausgerechnt in einem Tunnel nachholen wollte, bleibt im Dunkeln.

Der Lokführer wurde gefeuert und wegen Freiheitsberaubung angeklagt. Angeblich hätte der einstündige Zwangsaufenthalt im Dunkeln bei zahlreichen Angestellten zu Angstzuständen geführt, schreibt Der Spiegel am 5.6.2002.

Mittagspause als Protest gegen Missstände

Dennoch kam der renitente Berufsaussteiger mit 2.000,- Euro Geldstrafe recht milde davon. Grund dürfte sein, dass er und sein Anwalt den Prozess nutzten, um auf eklatante Missstände bei der Bahn aufmerksam zu machen. Der 25-Jährige erklärte, dass er sowohl auf der Hinfahrt von Frankfurt nach Köln als auch retour mit technisch mangelhaften Zügen habe fahren müssen. Der Zug für die Rückfahrt sei ihm zudem mit Verspätung übergeben worden. Mit der Mittagspause habe er gegen Organisationsmängel bei der Bahn demonstrieren wollen.

Die Aktion kann als Vorbotin der Lokführer-Streiks bei der DB gelten, die mit einem Warnstreik im März 2003 begannen und 2008 zu einem eigenständigen Tarifvertrag der Gewerkschaft deutscher Lokführer (GdL) führten (Die Zeit, 15.10.2014).

Die Aktion ist auch im Zusammenhang mit der Bahn-Katastrophe von Brühl am 6. Februar 2000 zu sehen, die durch einen überforderten Lokführer und mangelhafte Sicherheits-Vorkehrungen ausgelöst wurde. Neun Passagiere starben bei einer Entgleisung (de.wikipedia.org).

Helmut Kohls doppelte Neujahrsansprache 1986

Die älteren unter unseren Leser_innen erinnern sich noch an die immer gleichen Neujahrsansprachen des Kanzlers Helmut Kohl aus Oggersheim (CDU).

Am 31.12.1986 ähnelte seine Neujahrsansprache nicht nur der aus dem Vorjahr. Sie war identisch. Ein unbekannter Mitarbeiter beim WDR hatte die Sylvester-Kassette von 1985 abgespielt. Statt Wünsche für „ein glückliches und friedvolles Jahr 1987“ zu äußern, wünschte Birne erneut „ein friedvolles und glückliches 1986“.

Alle halbwegs aufgeweckten Zeitgnossen haben sich lachend auf die Schenkel geklopft. Die Wirkung war durchschlagend. Der WDR schreibt im Rückblick: „Regierungssprecher Friedhelm Ost (CDU) nennt den Vorgang empörend und eine ‚Beleidigung für alle Zuschauer‘. CSU-Generalsekretär Gerold Tandler erklärt, es habe sich um eine ‚bewusste Sabotage‚ gehandelt, ‚die ganz systematisch vorbereitet wurde‘. CDU-Generalsekretär Heiner Geißler kann sich nicht vorstellen, dass daran ein ‚Redakteur namens Zufall oder ein Techniker namens Versehen‘ schuld sei.“ (WDR, 31.12.2011)

Offenbar gab es trotz intensiver interner Ermittlungen keine Entlassungen. Die ARD holte die korrekte, aber genauso öde Neujahrsansprache am 1.1.1987 nach. Stattdessen hier die brilliante Parodie eines Kohl-Interviews von 1990:

Fälle aus den USA und England

Kündigung per Leserbrief: Warum ich Goldman Sachs verlasse

Mit einem vernichtenden Leserbrief in der New York Times erläuterte der Banker Greg Smith am 14. März 2012, warum er die Investmentbank Goldman Sachs nach zwölf Jahren an diesem Tag verließ: „Ich kann ganz ehrlich versichern, dass das Arbeitsumfeld heute toxischer und destruktiver ist, als ich es je gesehen habe.“ (New York Times, 14.3.2012)

Der Marktwert von Goldman Sachs brach kurzzeitig um 2,15 Mrd. US-Dollar ein  – was viel zu sein scheint, aber nur 3,4 % des Aktienkurses ausmachte (Die Welt, 15.3.2012).

Flugbegleiter per Notrutsche aus dem Job

Im Jahr 2010 hatte der 39-jährige Flugbegleiter Steven S. der US-Fluglinie jetBlue die Nase voll von nervigen Passagieren, die sich den Anweisungen des Personals widersetzten. Er schmiss nach 20 Dienstjahren auf spektakuläre Weise hin.

Der Spiegel berichtete am 20.10.2010:

„Slater war im August nach einem Flug von Pittsburgh nach New York ausgerastet. Eine Passagierin war trotz der Aufforderung, angeschnallt zu bleiben, aufgestanden und hatte sich am Gepäckfach zu schaffen gemacht. Als er zu ihr eilte, wurde er Medienberichten zufolge von ihrem Koffer am Kopf getroffen – schon zuvor trug er wegen einer Verletzung an Bord einen Stirnverband.

Nach einem heftigen Wortwechsel beschwerte sich Slater in einer Durchsage an die gesamte Kabine über die Frau und die Passagiere im Allgemeinen. Dann löste er die Notrutsche aus, verschwand auf der Landebahn und fuhr mit seinem geparkten Wagen nach Hause. Dort wurde er später festgenommen, weil die Notrutsche nicht nur Tausende Dollar kostet, sondern auch jemanden vom Bodenpersonal hätte verletzen können. Er wurde nach dem Vorfall von der Arbeit suspendiert und hat mittlerweile selbst gekündigt.

Der Flugbgleiter wurde zum Volkshelden, seine Dienstuniform sowie eine Binde für die Stirn waren als Kostüm bei Halloween-Parties in den USA ein Renner der Saison 2010.

Versteckte Abschiedsbotschaft: Fuck you, Desmond!

Der Chef-Kommentator der britischen Zeitung Daily Express Stephen P. verfasste 2001 einen letzten Text, der vollkommen harmlos erschien. Die Anfangsbuchstaben seiner 14 Sätze über organische Lebensmittelproduktion ergaben die Botschaft: „Fuck you, Desmond!“. Gemeint war der neue Verleger Richard Desmond, der sich zuvor mit Porno-Magazinen einen Namen gemacht hatte.

Dumme Konsequenz: Seine neuer Arbeitgeber The Times feuerte ihn, als die Botschaft bekannt wurde. Überraschende Wendung: Desmond bewies wahre Größe und stellte den abgewanderten Journalisten wieder ein. (The Guardian, 9.1.2001)

Microsoft-Programmiererin singt ihre Kündigung

(Erstaunlicherweise war die SZ zu feige in ihrem Artikel, der auf das Video hinweist, den Namen des „führenden Software-Herstellers“ zu nennen.)

Wir sammeln solche Geschichten: Nennen Sie uns weitere Beispiele!

Wir bitten um Mithilfe, bei der Sammlung von mehr Geschichten dieser Art. Dabei wollen wir uns nicht mit allen Aktionen gemein machen. Erst recht propagieren wir keine Aktionen, bei denen Menschen geschädigt oder in Gefahr gebracht werden könnten (Bombendrohungen, Zwangsaufenthalte in Tunneln).

Dennoch existieren solche Versuche von Angestellten, ihre Wut in Aktivitäten umzuwandeln, sich – wenn auch nur für einen Moment  – Genugtuung zu verschaffen oder vielleicht länger ins Gedächtnis zu brennen.

Gärende Wut. Symptome einer tiefer liegenden Ursache

Protest, Ungehorsam und Widerstand am Rand zur Sabotage entstehen besonders dann, wenn die Beschäftigten keine Möglichkeiten zur demokratischen Mitgestaltung der Arbeitswelt besitzen. Sie entstehen gerade weil Organisierung unter Kollegen in manchen Betrieben geradezu utopisch erscheint, weil verbriefte Rechte wie Betriebsräte, Streiks, Tarifverträge tatsächlich in weiter Ferne liegen.

Manche Aktionen beurteilen wir als hilflos, verzweifelt oder andere vielleicht sogar als nutzlos oder schädlich, manche finden wir inspirierend und erfrischend. Wir glauben, dass es sich unabhängig von der moralischen, politischen oder juristischen Bewertung der Taten lohnt, zu erforschen was in der Arbeitswelt tatsächlich los ist.

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