13. Dezember 2019: Schwarzer Freitag für den Einzelhandel

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Vorweihnachtlicher Protest gegen Ausbeutung im deutschen Einzelhandel. Solidarität mit Beschäftigten

#Freitag13 Dezember 2019. Aktionstag gegen Horror.-Jobs im Einzelhandel
Arbeiten Sie im Einzelhandel? Wie sind Ihre Arbeitsbedingungen? Was muss sich ändern? Schreiben sie uns per Kommentar – gern auch anonym!

Wir wünschen schöne Bescherung!

Alle Jahre wieder: Die Weihnachtsmaschine rollt. Konfektionierte Idylle wabert durch die Medien, Kauflustige strömen in die Geschäfte…

Die Aktion gegen Arbeitsunrecht ruft dazu auf, am Schwarzen Freitag, 13. Dezember 2019 gegen Horror-Jobs im Einzelhandel zu protestieren und Solidarität mit den Beschäftigten in Supermärkten, Warenhäusern und Filialen zu bekunden.

Anders als an vorangegangenen #FREITAG13-Aktionstagen nehmen wir diesmal am Schwarzen Freitag kein einzelnes Unternehmen aufs Korn, sondern eine ganze Branche. An schwarzen Schafen und bigotten Ausbeutern ist der Einzelhandel nicht arm: Aldi, Lidl, Kaufland, Real, Smyths Toys, Zara, H&M, Alnatura, Rossmann, Tedi ….

Wie ist es wirklich in Supermärkten, Filialen und Warenhäusern zu arbeiten?

Wir rufen Beschäftigte im Einzelhandel auf: Erzählt uns Eure Erlebnisse, Eure Wünsche und teilt Eure Wut mit uns – gern auch anonym. Bitte nutzt die Kommentar-Funktion unter diesem Beitrag! Wir werden eure Beiträge vor Filialen in Deutschland verlesen und  youtube-Videos daraus machen.

Wir rufen Kunden und Nachbar*innen auf: Lasst uns als Gewerkschafter, kritische Konsumenten und Bürgerrechtler*innen Aktionen gegen Horror-Jobs organisieren. Gründet Angry Santa-Brigaden (zornige Weihnachtsmänner- und frauen)! (Aktionsübersicht)

Warum Einzelhandel?

Die Weihnachtszeit ist die mit Abstand umsatzstärkste Zeit des Jahres für den Einzelhandel. Der Stress für die Beschäftigten wächst ins Unermessliche. Gleichzeitig steigt auch die mediale Aufmerksamkeit und vielleicht macht sich auch das schlechte Gewissen der Kundschaft bemerkbar.

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Tanz ums goldene Kalb: Das verlogene Spiel mit christlich lackiertem Konsum

Die Konsum-Propaganda rund um das Weihnachtsfest ist zutiefst verlogen. Das können alle sehen, die sehen wollen.

Aldi, Lidl, Kaufhof und Co. beschwören alljährlich die Idylle der Familie und des frohen, friedlichen Fests. Die heile Welt, die sie uns vorgaukeln, hat tiefe Risse. Statt eines Glaubens ist oft nur Leere. Viele Familien sind zerstritten und von Neid zerfressen. Schlimmer noch: In der gespaltenen, individualisierten deutschen Gesellschaft haben viele gar keine tieferen Bindungen mehr. Familie ist zu einem Luxusgut geworden. Viele sind einsam.

Die Idylle vom frohen Konsum-Fest trügt erst recht, wenn wir die Arbeitsbedingungen im Einzelhandel betrachten:

  • zersplitterte Arbeitszeiten, die Familien und Partnerschaften zerrütten und Familiengründungen utopisch erscheinen lassen,
  • Löhne, die zum Leben nicht reichen und direkt in die Altersarmut führen,
  • Löhne, die vom Staat mit Hartz-IV aufgestockt werden,
  • Arbeit auf Abruf,
  • dauerhafte Knechtschaft in Kettenbefristung, Werkverträgen und Leiharbeit,
  • unbegrenzte Arbeitszeiten und grenzenlose Flexibilität auf Seiten der Beschäftigten.

Die Zustände in der Branche sind nicht hinnehmbar

Der Einzelhandel ist keine Nebensache. Hier arbeiten in Deutschland laut offiziellen Statistiken 3,1 Millionen Menschen.

Vielleicht haben uns über die Jahre daran gewöhnt? Vielleicht sind wir abgestumpft und resigniert…. Wachen wir endlich auf: Wehren wir uns! Widerstand ist möglich.

Arm trotz Arbeit / superreich durch Ausbeutung

Auf der anderen Seite dieses unfairen Spiels namens Einzelhandel häuft sich unvorstellbares Vermögen. Ein Menschenleben reicht nicht aus, um es auszugeben. Ein Menschenleben reicht auch nicht aus, um es zu erarbeiten. Die Milliarden dieser Super-Reichen haben deren Manager, Berater und Anwälte den Lohnabhängigen abgepresst.

Die Herrscherfamilien Albrecht (Aldi), Schwarz (Lidl, Kaufland) und Walton (Walmart) brauchen in ihrem Reichtum den Vergleich mit antiken Kaisern wie Augustus und Königen wie Herodes nicht zu scheuen.1

Unter den zehn reichsten Deutschen sind vier Familien aus dem Einzelhandel: die Besitzer*innen von Aldi-Süd, Lidl, Aldi-Nord, und des Einkaufszentren-Betreibers ECE (siehe unten). 2

Wir akzeptieren diesen obszönen Reichtum nicht! Er entstand durch geraubten Lohn.

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Was wollen wir? Unsere Forderungen für den Einzelhandel

  • Beschränkung der Ladenöffnungszeiten. 20 Uhr muss Schluss sein! Sonntags generell dicht machen. Ohne Ausnahme.
  • Festanstellungen statt Werkverträge, Kettenbefristung oder Leiharbeit.
  • Ein Geschäft, ein Arbeitgeber, ein Betriebsrat: Wiedereingliederung statt Auslagerung an Sub-Unternehmer.
  • Für aktive, konfliktfähige Betriebsräte!
  • Keine erzwungene Teilzeit!
  • Keine Arbeit auf Abruf, Flex-Verträge, Null-Stunden-Verträge, KapoVaZ, Arbeitszeitkonten und ähnliche Grausamkeiten!
  • Alle Überstunden werden bezahlt.
  • Gute Löhne, die vor Altersarmut schützen.
  • Echte Menschen statt Online- und Selbst-Abfertigung! Freundliche Bedienung und Kassierer*innen statt Security + SB-Kassen.

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Gibt’s denn sowas? Unvorstellbar reich durch Arbeit im Einzelhandel!

Portrait des Multi-Milliardärs Dieter Schwarz (Lidl & Kaufland) von Danor Shtruzman (Lizenz: CC BY-SA 4.0)

Unter den 10 reichsten Deutschen sind vier Einzelhändler und ihre Erben

  • Platz 1: Beate Heister & Karl Albrecht Junior. Aldi-Süd. Geschätztes Vermögen: 32,6 Mrd. Euro (36,1 Mrd. US-Dollar).3 Das Manager-Magazin schätzt ihr Vermögen „nur“ auf 22,5 Mrd.4 Beate Heister und Karl Albrecht Junior sind die Kinder des Aldi-Mitbegründers Karl Albrecht. Der hatte 1961 bei der Teilung des Imperiums den südlichen Teil übernommen. Außerdem erhielt er die Expansionsrechte für ausländische Märkte wie Großbritannien, Australien und die USA. Der Patriarch starb 2014 im Alter von 94 Jahren, vier Jahre nach seinem Bruder Theo.

  • Platz 2: Dieter Schwarz. Geschätztes Vermögen: 27,5 Milliarden Euro. Er baute mit Lidl und Kaufland den drittgrößten Lebensmitteleinzelhändler der Welt auf. Allein aufgrund seines öbszönen Reichtums gilt seine Heimatstatt Heilbronn statistisch als die Stadt mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen in Deutschland.

  • Platz 5: Familien Theo Albrecht Jr. und Babette Albrecht. Geschätztes Vermögen: 17. Mrd. Euro. Aldi-Nord

  • Platz 7: Familie Otto, Hamburg. Geschätzes Vermögen: 13,5 Milliarden Euro. Einkaufszentrenbetreiber ECE, Filialen: SportScheck, MyToys. Paketdienst Hermes. ; Leitung: Patriarch Michael Otto (76) und Benjamin Otto (44).5

Unter den 20 Reichsten der Welt sind fünf aus dem Einzelhandel

  • Platz 1: Jeffrey Bezos, USA. Amazon. 131 Milliarden US-Dollar. Der Amazon-Boss häuft sein Vermögen mit der gezielten Zerstörung des Einzelhandels durch Logistik-Zentren und Paket-Boten auf.

  • Platz 6: Amancio Ortega, Spanien, Inditex. Geschätztes Vermögen: 62,7 Milliarden Dollar. Marken: Zara, Pull & Bear, Bershka.

  • Platz 16-18: Walmart-Besitzer Jim Walton, 44,6 Mrd. Dollar, Alice Walton (44,4 Mrd $), Rob Walton (44,3 Mrd. $). Walmart ist die größte Einzelhandelskette der Welt.6 In Deutschland konnte sie nicht Fuß fassen. 85 Walmart-SB-Warenhäuser gingen 2006 an Real (Metro AG) über.

  • Platz 27: Li Ka-shing, 27,7 Mrd. $ Der reichste Mann Hong-Kongs ist Großaktionär bei Rossmann. 7

Fußnoten

1 Laut Weihnachtsgeschichte wurde Jesus in der Zeit des römischen Kaisers Augstus geboren (Lukas 2,1). Laut Matthäus-Evangelium war Herodes zu dieser Zeit römischer Klientel-König in Judäa, Galiläa und Samaria.

2 ECE betreibt in Köln z.b.: City-Center Chorweiler, Hauptbahnhof, Nordhallen Köln Messe, MesseCity, Rhein-Center Köln-Weiden, https://www.ece.com/de/center-projekte/alle-projekte/

3 Das sind Deutschlands Superreiche, Capital, 8.11.2019, https://www.capital.de/karriere/das-sind-deutschlands-superreiche

4 Christoph Neßhöver: Die zehn reichsten Deutschen 2019, Manager-Magazin, 1.10.2019, https://www.manager-magazin.de/digitales/it/die-reichsten-deutschen-2019-mm-studie-a-1289277.html

5 ebd.

6 „Forbes“-Liste 2019 – Das sind die reichsten Menschen der Welt, Handelsblatt, 5.3.2019, https://www.handelsblatt.com/unternehmen/leasing/forbes-liste-2019-das-sind-die-reichsten-menschen-der-welt/19546632.html

7 #28 Li Ka-sing, Forbes.com, abgerufen 24.11.2019, https://www.forbes.com/profile/li-ka-shing/#17eb2a74523f

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Arbeiten Sie im Einzelhandel? Wie sind Ihre Arbeitsbedingungen? Was muss sich ändern? Schreiben sie uns per Kommentar – gern auch anonym!


7 KOMMENTARE

  1. Als Realer kann ich nur eines sagen: Was in den Märkten abgeht ist die Hölle!

    Mitarbeiter werden nur noch schikaniert, aus Urlaub und Frei geholt!

    Müssen 6 Tage_Wochen machen! Sagen sie nein, wird damit gedroht die Abteilung zu schließen. Die GF spielt mit den Gefühlen der Mitarbeiter. Die Mitarbeiter bekommen gesagt, wenn sie sich weigern Mehrarbeit oder 6-Tage zu arbeiten, das kannst du doch deinen Kollegen nicht antun.

    Die Geschäftsleiter bekommen eine Durchhalteprämie! Was bekommen wir?

    Dann äußert sich ein Personalchef darauf angesprochen so: das sind die Wertvolleren Menschen. Pfui sage ich da nur. Wir in den Märkten verdienen das Geld! Wir versuchen nach wie vor unsere Kundschaft freundlich und zufriedenstellend zu bedienen! Aber wir bekommen nur Knüppel zwischen die Beine geworfen.

    Man hat sich bisher von Seiten der GF einen Dreck um uns gekümmert, dann soll man uns jetzt im Weihnachtsgeschäft auch in Ruhe unsere Arbeit machen lassen.

    • Wer hat die Märkte so verkommen lassen?
    • Wofür haben wir auf viel Geld verzichtet?
    • Wer hat das Mis-Management zu verantworten?

    Bestimmt nicht die Verkäufer!

  2. Von mir ein Gedicht:

    Die freie Wirtschaft

    Ihr sollt die verfluchten Tarife abbauen.

    Ihr sollt auf euern Direktor vertrauen.

    Ihr sollt die Schlichtungsausschüsse verlassen.

    Ihr sollt alles Weitere dem Chef überlassen.

    Kein Betriebsrat quatsche uns mehr herein,

    wir wollen freie Wirtschaftler sein!

    Fort die Gruppen – sei unser Panier!

    Na, ihr nicht.

    Aber wir.

    Ihr braucht keine Heime für eure Lungen,

    keine Renten und keine Versicherungen.

    Ihr solltet euch allesamt was schämen,

    von dem armen Staat noch Geld zu nehmen!

    Ihr sollt nicht mehr zusammenstehn –

    wollt ihr wohl auseinandergehn!

    Keine Kartelle in unserm Revier!

    Ihr nicht.

    Aber wir.

    Wir bilden bis in die weiteste Ferne

    Trusts, Kartelle, Verbände, Konzerne.

    Wir stehen neben den Hochofenflammen

    in Interessengemeinschaften fest zusammen.

    Wir diktieren die Preise und die Verträge –

    kein Schutzgesetz sei uns im Wege.

    Gut organisiert sitzen wir hier …

    Ihr nicht.

    Aber wir.

    Was ihr macht, ist Marxismus.

    Nieder damit!

    Wir erobern die Macht, Schritt für Schritt.

    Niemand stört uns. In guter Ruh

    sehn Regierungssozialisten zu.

    Wir wollen euch einzeln. An die Gewehre!

    Das ist die neuste Wirtschaftslehre.

    Die Forderung ist noch nicht verkündet,

    die ein deutscher Professor uns nicht begründet.

    In Betrieben wirken für unsere Idee

    die Offiziere der alten Armee,

    die Stahlhelmleute, Hitlergarden …

    Ihr, in Kellern und in Mansarden,

    merkt ihr nicht, was mit euch gespielt wird?

    mit wessen Schweiß der Gewinn erzielt wird?

    Komme, was da kommen mag.

    Es kommt der Tag,

    da ruft der Arbeitspionier:

    »Ihr nicht.

    Aber Wir. Wir. Wir.«

    Theobald Tiger

    Die Weltbühne, 04.03.1930, Nr. 10, S. 351.

  3. Ich kann da nur eines sagen, ich arbeite seit 8 Jahren im Handel, und wurde jetzt zum Dritten mal gekündigt. Weil keiner der Unternehmen die ich kenne, die Wahrheit von der Belegschaft hören möchte.

    Es gibt aber immer wieder Menschen, die aus Eigennutz Kolleginnen und Kollegen an Messer liefern, damit es bei Ihnen auf dem Gehaltszettel passt.

    Mich widern solche Menschen an, wenn ich mir die wenigen Kommentare hier anschaue, wird es mir schlecht.

  4. Kaufland und Lidl sind die besten Arbeitgeber im Einzelhandel! Sie bezahlen richtig viel (mind. 12€ pro Stunde!) und beuten keinen einzigen ihrer Angestellten aus. Die Zahlen jede Minute und bieten viele weitere Vorteile für ihre Angestellten, wie zB eine BAV, Vermögenswirksame Leistungen, 36 Tage Urlaub, …. Viele Menschen wissen das leider nicht zu schätzen.

  5. Liebe Mitstreiter/innen von Arbeitsunrecht! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

    Ich arbeite schon sehr lange bei Real und die Situation ist für uns Mitarbeiter seit der Tarifflucht im Juni 2015 ein nicht aufhörender Albtraum.

    Die Arbeitsbedingungen verschlechtern sich immer mehr. Arbeitsverdichtung, Personalmangel, Druck, Stress und vieles mehr machen uns Real-Mitarbeiter krank oder kaputt. Durch den im September 2018 angekündigten Verkauf von Real, der am Ende auf eine Zerschlagung hinausläuft, ist alles unsicher. Diese Ungewissheit ist für 34.000 Real-Mitarbeiter und ihre Familien unerträglich.
    Was sich dringend ändern muss, ist eine faire Lösung für alle Betroffenen. Alle Arbeitsplätze müssen erhalten bleiben.Eine Rückkehr in den Ver.di Flächentarifvertrag muss her sowie eine sichere Zukunftsperspektive.Dazu sollte es auch einen Arbeitskampf geben. Darin sehen viele die letzte Chance damit sich überhaupt noch was ändert.

    Es ist eine Schweinerei das wir Real-Mitarbeiter für die Fehler der Geschäftsführung ausbaden sollen. Das Management mit ihren Aktionären sollte zur Rechenschaft gezogen werden. Es ist ein Skandal was bei Real passiert.

    Ich finde es gut, das es noch Menschen gibt, die bereit sind die Wahrheit über den Einzelhandel auszusprechen. Hinter dem ganzen Konsum steckt das Elend und das muss ans Tageslicht.

    Wir bei Real brauchen in den nächsten Wochen viel Solidarität.
    Wir Real-Mitarbeiter wollen noch vor Weihnachten wissen, wie es weiter geht. Eine Frage ist bis heute offen…Wo ist unser Geldverzicht geblieben? Herr Koch verliert darüber kein einziges Wort.Hoffentlich wird alles eines Tages aufgedeckt.

    Solidarische Grüße!

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