#Freitag13 vs. Gorillas + Lieferando. Bunte Aktionen in 10 Städten erzielen Erfolg

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Lieferando erfüllt unsere Forderung nach unbefristeten Verträgen!

40 Leute kamen zur Critical Workers Mass am Freitag, 13. August 2021 vor dem Hahnentor, Rudolfplatz Köln zusammen.
40 Leute kamen zur Critical Workers Mass am vor dem Hahnentor, Rudolfplatz Köln zusammen. Am Freitag, 13. August 2021 protestierten Fahrrad-Lieferkuriere (Rider), Arbeitsrechtsaktivisten und kritische Konsument*innen in 10 Städten für Mitbestimmung, Arbeitsschutz und unbefristete Verträge bei den Lieferdiensten Lieferando und Gorillas. Es war der 11. Aktionstag #Freitag13 gegen Horror-Jobs und Fertigmacher (Übersicht der bisherigen Aktionstage).

Am Morgen des 13. August 2021 erwartete die Aktivist*innen eine faustdicke, freudige Überraschung. Lieferando gab bekannt, dass alle 10.000 Ridern in Deutschland unbefristete Verträge erhalten sollten und auch Neueinstellungen nur noch unbefristet eingestellt würden. Damit gab Lieferando dem zunehmenden Druck nach und erfüllte eine unserer Hauptforderungen. Rider, die einen Betriebsrat gründen wollen oder aktive Betriebsratsarbeit machen, brauchen nun nicht mehr zu fürchten, dass Lieferando Verträge einfach auslaufen lässt.

Andere Lieferdienste werden nachziehen müssen, da die Arbeitskräfte in der Branche zum Winter hin knapp werden. Zuvor erhielten die Rider bei Lieferando Einjahres-Verträge. Erst nach zwei Jahren waren sie unbefristet. Kritische Beschäftigte feuerte das Management durch die Hintertür per Nicht-Verlängerung der Verträge. So entstand eine Kultur der Angst und des Stillhaltens bei Lieferando.

Wir freuen uns über diesen Kurswechsel, der die Gründung von Betriebsräten und Gewerkschftsgruppen erleichtern wird!


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Update! Einschätzung: Wie ist der Aktionstag #Freitag13 gelaufen?

Wir sind mit der Beteiligung zufrieden. Es gab phantasievolle Aktionen in neun Städten. Allerdings ist durchaus Luft nach oben. Früher konnten wir am #Freitag13 20-30 Städte auf die Landkarte setzen. Die sozialen Bewegungen stecken offenbar noch in einer Art Long-COVID-Loch, aus dem wir gemeinsam langsam heraus kriechen müssen.

Befristung abgeschafft: Riesen Erfolg!

Lieferando schafft Befristung für 10.000 Fahrer am Freitag13 ab. Wir begrüßen das! Wir sind stolz auf diesen unerwarteten Erfolg. Wir gratulieren allen Lieferando-Ridern, aktiven Betriebsräten und ihren Unterstützer_innen! Jetzt gilt es nicht nachzulassen und auch die restlichen sechs Forderungen durchzusetzen (siehe hier). Sie sind keineswegs utopisch, sondern Selbstverständlichkeiten gemäß deutschem, europäischem und internationalem Recht.

Wie ist der Erfolg erklärbar?

Offenbar ist der marktbeherrschende Lieferdienst tatsächlich ein „Riese, der auf tönernen Füßen steht“ (Mao Tse Tung). Die Situation ist prekär — insbesondere durch scharfe Konkurrenz zu Wolt und zahlreiche andere Lieferdienste, die derzeit in den Markt drängen und Personal abwerben –, so dass die Beschäftigten knapp werden. Momentan muss ein Winterspeck an Personal aufgebaut werden, da in der kalten, nassen Jahreszeit wesentlich weniger Leute Lust haben, ihre Gesundheit für Fast Food zu riskieren.

Lieferando Werbung EM 2021 mit Lukas Podolski.
Lieferando warb als Hauptsponsor der EM 2020/21 mit dem Kölner Fußball-Idol und Döner-Ketten-Betreiber Lukas Podolski. (Quelle: Screenshot facebook Lieferando.at).

Ferner hat Lieferando / Just Eat wahnsinnige Summen in das Marken-Image gesteckt — zuletzt als Hauptsponsor der Fußball-EM mit Lukas Podolski. Hier drohen immaterielle Werte in Millionenhöhe zu zerplatzen.

In einer solch fragilen, unberechenbaren Lage können wir mit einer medialen Guerilla-Strategie, die bundesweit dezentral sowohl auf der Straße wie in digitalen Netzwerken verankert ist, realen Schaden anrichten. Das gelingt auch — und vielleicht sogar gerade — als vergleichsweise kleine, agile und phantasievolle Truppe (im Gegensatz zu bürokratischen, mit Unternehmensgremien und Parteien verbundenen Funktionärsapparaten). Manchmal springen mit etwas Glück auch große Erfolge heraus.

Was war eigentlich mit der NGG?

Auffällig war die Nicht-Beteiligung der DGB-Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten ( NGG) trotz intensiver Gespräche und Bemühungen von unserer Seite im Vorfeld. Das ist schade, fast schon tragisch.

Die NGG hat erkennbar Schwierigkeiten, eine kreative Rolle als Teil einer Gegenmacht von unten anzunehmen. Maßgebliche Teile des Apparats sehen sich — immer noch! — als Kontroll- und Ordnungsmacht, die eine Art natürliches Monopol auf Betriebsräte und Beschäftigte „ihrer“ Branchen beansprucht und verteidigen will. Manche Funktionäre können diese strategische Sackgasse entweder nicht erkennen oder wollen gar nicht heraus — aus Motiven die insgesamt rätselhaft sind. Doch die alten Zeiten der Ordnungsmacht sind vorbei. Union Busting, Entrechtung und ein ausufernder Niedriglohn- und Sub-Unternehmer-Sektor haben das Fundament der Gewerkschaften in vielen Brachen seit 40 Jahren unterspült. Viele Gewerkschaften reden seit 2005 zwar von Organizing, aber sie verstehen darunter oft genug nur aggressive, professionell geführte Mitgliederwerbung und Tarif-Kampagnen durch spezialisierte Sub-Unternehmer, die vom Apparat bei Bedarf gebucht und wieder abbestellt werden und die bis ins kleinste Detail kontrolliert werden. So entsteht vermutlich kein nachhaltiges Wachstum und sicher keine lebendige Gewerkschaftskultur.

Presse-Barriere

Leider unterschlugen die meisten „Leitmedien“, dass die Entfristung bei Lieferando maßgeblich erzielt wurde durch Fahrer-Proteste und den Aktionstag #FREITAG13. Das ist verwunderlich. Merkwürdig war zudem, dass die Entfristung bei Lieferando der NGG zugeschrieben wird, die sich — wie oben beschrieben — tatsächlich auffällig zurück gehalten hat. Der Wunsch der unternehmernahen Presse nach einer verlässlichen Ordnungsmacht, die den Unmut der arbeitenden Bevölkerung bändigt, lenkt und kanalisiert, ist in Zeiten von herannahenden Krisen und Turbulenzen offenbar stärker als journalistische Grundtugenden wie unvoreingenommene Recherche und faktengetreue Berichterstattung.

Bedeutung des #Freitag13 schon früher bewiesen

Bei näherer Betrachtung steht der Erfolg des „negative Campaigning“, das wir für Arbeitsrechte & Mitbestimmung seit 2015 gegen aggressive Unternehmen betreiben außer Frage. Auch Tönnies, H&M sowie Toys R Us (R.I.P.) können das bestätigen.

Bereits unser Aktionstag #Freitag13 im April 2018 hat einen entscheidenden Beitrag geleistet, den britischen Lieferdienst Deliveroo als aggressivsten Player der Branche aus Deutschland zu vertreiben und das Modell der Scheinselbständigkeit bei Lieferdiensten insgesamt zu beenden.

#Freitag13 wirkt!

Vor Lieferando durften bereits andere Unternehmen die Macht der „negativen Kampagnenführung“ (negative Campaigning) für Arbeitsrechte und Demokratie schmerzhaft spüren:

  • Deliveroo verließ 2018 den deutschen Markt. Der #Freitag13 im April richtet sich unter dem Slogan „Shame on you Deliveroo!“ gegen Scheinselbstständigkeit und Union Busting bei Deliveroo. Sämtliche Lieferdienste verzichteten auf Scheinselbständigkeit (Modell Uber) und stellten auf befristete Verträge um.
  • Der Schweinebaron Tönnies war das Ziel des #Freitag13 im September 2019. Wir sind mit zahlreichen Verbündeten gegen Schein-Werkverträge, Mietwucher und systematische Ausbeutung osteuropäischer Wanderarbeiter vorgegangen. Ein Jahr später am 13. September 2020 führten wir eine Demo zum NRW-Arbeitsministerium in Düsseldorf durch, um Druck zu machen. Tatsächlich verbot die Bundesregierung Werkvertrags- und Leiharbeit in der Fleischindustrie zum 01.01.2021. (Allerdings gibt es Schlupflöcher und Ausnahmen im Gesetz.)

Diese Erfolge und Fortschritte machen Mut. Sie sind aber nur Schritte auf einem langen Weg. Fast wöchentlich ist in Online-Chat-Gruppen der Rider von Unfällen zu lesen, darunter schwere, hinzu kommen intransparente Abrechnungen und ein erheblicher Mangel an Ausrüstung, wie Fahrräder, Handy, Arbeitsschuhe, Schutzkleidung. 

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Es gab Proteste in Bonn (Orga FAU Bonn), Berlin (Aktion gegen Arbeitsunrecht), Bremen (Ad-Hoc Bündnis von Gewerkschaftern und Linke Jugend Solid), Hamburg (IWW und FAU HH), Hannover (FAU HH), Köln (Aktion gegen Arbeitsunrecht, FAU Köln, Kämpfe Vernetzen), Stuttgart (Solidarität und Klassenkampf Stuttgart & Region), München (FAU MÜnchen), Paderborn (Roter Punkt OWL) und Nürnberg (Initiative Solidarischer ArbeiterInnen ISA). Zur Teilnahme an den Protesten hatten unter anderem das Berliner Gorillas Workers Collective und die Workers Group Lieferando.

Die Resonanz der aktiven Gruppen, die Gorillas-Lager und Lieferando-Zentren aufsuchten war durchgehend sehr positiv. Viele Passanten und genervte Anwohner begrüßten die Proteste für bessere Arbeitsbedingungen ausdrücklich.

Paderborn: Deutsches Rotes Kreuz in der Kritik

Die Gruppe Roter Punkt OWL nutze den #Freitag13 für eine Protest-Aktion beim Deutschen Roten Kreuz in Paderborn. Dort betreibt Geschäftsführer Stefan Vogel massives Union Busting. (Hintergrund-Infos zum Konflikt: arbeitsunrechtFM, 26. März 2021: DRK Paderborn verhindert Betriebsrats-Neuwahl | Frontberichte vom 28. April 2021: DRK Paderborn verhindert Betriebsratswahlen.)


Wo Sie schonmal hier sind...

... hätten wir ein ernstes Thema zu besprechen.
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2 KOMMENTARE

  1. Dieser Aktionstag war ein Erfolg der viele Gesichter hat.
    Fahrer von Gorillas und Lieferando, von Wolt und Food Panda, von Domino Pizza, Mitgliedern der Freien Arbeiter/innen Union, solidarische Rentner/ innen und Mitgliedern der Aktion gegen Arbeitsunrecht, brachten ihren sozialen Forderungen/Proteste auf die Straße.
    Das Ergebnis dieser Proteste beweist: Solidarität ist eine Waffe im Kampf für Demokratie in Wirtschaft und Betrieb. An alle die dabei waren und die diesen Aktionstag unterstützt haben, herzlichen Dank und bleibt weiter dran.

    Andre Koletzki

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